Massenfahndung
So sucht Luzern per Massen-DNA-Test einen Vergewaltiger

Die Luzerner Staatsanwaltschaft will per Massen-DNA-Test einen Vergewaltiger überführen. Das könnte klappen, denn die Fehlerquote sei klein. Wenn sie die richtigen 372 junge Männer im Blickfeld hatte.

Bastian Heiniger
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Aus den Speichelentnahmen wird die DNA extrahiert.Thomas Kienzle/AP/Key

Aus den Speichelentnahmen wird die DNA extrahiert.Thomas Kienzle/AP/Key

KEYSTONE

Ein derart brutaler Fall erfordert besondere Massnahmen: 372 junge Männer müssen sich derzeit bei der Luzerner Staatsanwaltschaft einem DNA-Test stellen. Mit Wattestäbchen wird ihnen von der Wangenschleimhaut ein Abstrich gemacht. Daraus lässt sich die DNA extrahieren und mit jener des mutmasslichen Täters vergleichen. Die bisherigen Ermittlungen führten nicht zum Erfolg, auch nicht die 10'000 Franken Belohnung für Hinweise.

Am 21. Juli riss der Täter in Emmen LU eine 26-jährige Frau vom Velo und vergewaltigte sie im Waldstreifen an der Reuss. Das Opfer erlitt dabei schwerste Verletzungen. Laut Staatsanwaltschaft sind ihre Arme und Beine komplett gelähmt.

Der Täter könnte fliehen

Was bringt der Massentest? Einen ähnlichen gab es in der Schweiz bisher nur einmal: 2011 sind nach einem Tötungsdelikt einer Psychoanalytikerin im Zürcher Seefeld 300 Männer zu einem DNA-Test aufgeboten worden. Gebracht hat es nichts. Noch heute sucht die Zürcher Staatsanwaltschaft nach dem Täter.

Dem Vernehmen nach kostet die Probe pro Person 200 Franken, das sind im Luzerner Fall insgesamt 74'400 Franken. Der forensische Psychiater Josef Sachs sagt auf Anfrage: «Der DNA-Massentest ist ein zweischneidiges Schwert. Wenn nämlich der Täter damit nicht ermittelt werden kann, wiegt er sich umso mehr in Sicherheit.» Dann neige er eher dazu, wieder Straftaten zu begehen. Werde der Täter hingegen aufgeboten, sieht Sachs zwei Möglichkeiten: «Entweder er ergibt sich oder er versucht, sich abzusetzen.» Ob die Methode erfolgreich ist, werden die nächsten beiden Wochen zeigen. Bis zur Auswertung will die Luzerner Staatsanwaltschaft nicht mehr kommunizieren. «Wir haben am Freitag ausführlich informiert», heisst es auf Anfrage.

Für das Opfer sei allein schon die Ermittlung wichtig. «Wenn die Frau weiss, dass alles getan wird, um den Täter zu bestrafen, hilft das für die Verarbeitung», sagt Sachs. Mit Sicherheit habe sie ein psychisches Trauma erlitten. Ob aber die Tat einen solchen Test rechtfertige, sei eine juristische und politische Ermessensfrage. Laut Strafrechtsprofessor Martin Killias braucht es für einen DNA-Massentest zwei Voraussetzungen: Erstens eine schwere Straftat, die mit mehr als drei Jahren sanktioniert werden könne. Zweitens die Notwendigkeit, zu solchen Mitteln zu greifen, weil kein anderer Weg sonst zum Ziel führe.

Wohl keine Zunahme an Tests

Dass Massenfahndungen nun zunähmen, sei aber nicht zu befürchten, sagt Killias. Dafür seien die Tests zu teuer. «Die Fehlerquote ist aber ungleich kleiner als etwa bei gewöhnlichen Tatzeugen, die einen Täter beschreiben.» Könnte es dennoch eine Verwechslung geben? Dass also ein Unschuldiger das gleiche DNA-Profil aufweist wie der Täter?

«Ähnlich wie ein Barcode»

Miriam Ender vom Institut für Rechtsmedizin in Aarau sagt: «Die Wahrscheinlichkeit, dass eine unverwandte Person denselben Code aufweist, ist verschwindend gering.» Je näher jemand miteinander verwandt ist, umso höher sei die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Codes ähneln.

Doch welche Anhaltspunkte gibt es überhaupt? Die Luzerner Ermittlungsbehörden suchen einen 170 bis 180 Zentimeter grossen, schlanken Mann mit schwarzbraunen gekrausten Kopfhaaren und dunklem Teint. Ein Mann zwischen 19 und 25 Jahren, der gebrochen Deutsch spricht und raucht. Diese Hinweise halfen der Polizei, den Personenkreis mit Tatortbezug auf die 372 Männer einzugrenzen.

«Der DNA-Test gibt aber keine Auskunft über Geschlecht, Haar- und Augenfarbe oder ethnische Zugehörigkeit», sagt Ender. Das wäre gesetzlich in der Schweiz nicht erlaubt.

Doch dank der Speichelentnahme können die forensischen Genetiker die DNA extrahieren. An 16 ausgewählten DNA-Regionen wird die DNA vervielfältigt, analysiert und aus dessen Muster ein Zahlencode generiert. «Das DNA-Profil kann man mit einem Barcode vergleichen.» Und dieser werde dann mit dem Code des Täters abgeglichen.