Wochenkommentar
So sinnvoll hat die SRG unser Geld noch selten aus dem Fenster geworfen

«Die Schweizer» ist gelungen: So sinnvoll wie bei diesem TV-Vierteiler hat die SRG unser Geld noch selten zum Fenster hinausspediert. Der Wochenkommentar von Gieri Cavelty über den Versuch des Schweizer Fernsehens, Geschichte zu vermitteln

Gieri Cavelty
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Wie viel Geld gibt das Schweizer Fernsehen doch für Seichtheiten aus! Mit 60 000 Franken schlägt eine durchschnittliche Quizsendung zu Buche, ein sterbenslangweiliger «Tatort» aus Luzern kostet zwei Millionen.

Vor diesem Hintergrund ist es unverständlich, für wie viel Unmut ausgerechnet der gut 6 Millionen Franken teure TV-Vierteiler «Die Schweizer» bei Intellektuellen und Politikerinnen bereits Wochen vor Sendestart gesorgt hat.

Die Schweizer Dokureihe «Die Schweizer»
15 Bilder
... Guillaume Henri Dufour ins Zentrum. Fotos: SRF
Niklaus von Flüe in «Haudegen und Heiliger».
«Der General, der die Schweiz rettete» rückt ...
... Werner Stauffacher in «Die Schlacht am Morgarten».
Szene aus «Kampf am Gotthard».
Das Poster der Dokuserie «Die Schweizer»

Die Schweizer Dokureihe «Die Schweizer»

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Von Machotum war die Rede, einem antiquierten Geschichtsverständnis und einer Unlust, sich mit dem Hier und Heute auseinanderzusetzen.

Tatsache ist: So sinnvoll hat die SRG unser Geld noch selten zum Programmfenster hinausspediert. «Die Schweizer» gehört zum Interessanteren, was die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft je produziert hat.

Den ersten «Die Schweizer»-Teil über Werner Stauffacher und die ausgebliebene Schlacht am Morgarten konnte das Publikum vorgestern Abend bestaunen.

Über den Schwyzer Landammann Stauffacher ist so wenig bekannt, dass es für Drehbuchautorin Christa Capaul und Regisseur Dominique Othenin-Girard ein Leichtes war, die vielen weissen Flecken mit umso fantasievolleren Bildern zu füllen.

Das war hübsch anzusehen, dramaturgisch geschickt, und die zwischendurch auftretenden Historiker breiteten ihr Nichtwissen über die Details der jungen Eidgenossenschaft so differenziert wie unterhaltsam aus.

Wenn schon die Experten nur Mutmassungen anstellen können, dann ist das Geschichtsbild von Otto Normalschweizer erst recht von riesigen weissen Flächen geprägt - und dies weit übers Mittelalter hinaus. Die Diskrepanz zwischen vermeintlichem und tatsächlichem Wissen über die Schweizer Geschichte ist enorm.

Darum funktioniert die Sendung «Die Schweizer» auch so gut: Sie macht dem Zuschauer seine Unkenntnis auf unterhaltsame Art bewusst. Nur ein kleiner Teil des Publikums dürfte vor der Stauffacher-Sendung gewusst haben, dass die grosse Schlacht am Morgarten vielleicht gar nicht stattgefunden hat. Weitere solche Aha-Erlebnisse sind für die anderen Folgen von «Die Schweizer» vorprogrammiert.

Dass das ganze Unterfangen rein handwerklich klappt, ist weiter keine Überraschung: In den 1980er-Jahren flimmerte die französische Trickfilmserie «Es war einmal der Mensch» über die Bildschirme auch in der Schweiz - ein lustiger und lehrreicher Streifzug durch die Menschheitsgeschichte.

In den 26 Episoden treten die immer gleichen Figuren auf: Ein Männchen mit Rauschebart macht Erfindungen, zwei Bösewichte rollen ihm Steine in den Weg - und bekommen dafür ein ums andere Mal die Faust eines gutmütigen Hünen zu spüren.

Die einzige Entwicklung besteht darin, dass der Rauschebart erst einen Höhlenmenschen verkörpert, der sich den Faustkeil ausdenkt, später baut er Rom, dann die Kathedralen des Mittelalters. Kinder und ihre bildungsbürgerlichen Eltern lieb(t)en die Serie: Denn während sich das Kind daran ergötzt, wie die Schurken eins übergebraten kriegen, vermittelt ihm die Stimme im Off viele Informationen über Urmenschen, Hunnen, Französische Revolution.

«Die Schweizer» ist nichts weiter als eine Adaptation dieses Schemas für Erwachsene. Statt Schlägereien zeigt das Schweizer Fernsehen zu den Kommentaren im Off viel nackte Haut.

Fazit: Für Volksaufklärer und Bildungsbürger ist dieser November ein guter Monat.

Die Freude wäre noch etwas grösser, hätten einen nicht just dieser Tage wieder Schlagzeilen rund ums Medizinhistorische Institut der Uni Zürich daran erinnert: Historische Bildung allein macht keine besseren Menschen, und sie feit in jedem Fall nicht vor den Fährnissen der Gegenwart.