Warnung
So schützen die Romands ihre Alten vor dem Hitzetod – die Deutschschweiz kann davon lernen

Ist es besonders heiss, ruft in der Westschweiz der «Buddy» an – das wirkt sich auf die Sterblichkeit aus.

Antonio Fumagalli
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Ältere Menschen leiden besonders unter der Hitze – in der Romandie geben sogenannte «Buddys» Tipps ab, wie man sich am besten dagegen schützt. Keystone

Ältere Menschen leiden besonders unter der Hitze – in der Romandie geben sogenannte «Buddys» Tipps ab, wie man sich am besten dagegen schützt. Keystone

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Es sind zwar nicht mehr die extremen Temperaturen, die wir dieser Tage erleben. Ganz schön warm ist es dennoch – gerade in den Städten. Darunter leiden in erster Linie ältere Menschen, der Zusammenhang zwischen der Hitze und der Sterblichkeit ist statistisch klar erwiesen. Im Hitzesommer 2003 starben in der Schweiz rund 1000 Personen mehr als üblich, 2015 waren es rund 800. Dabei zeigt sich, dass ab einer gefühlten Temperatur von 32 Grad die Mortalitätsquote deutlich nach oben schnellt.

Interessanter Nebenaspekt: In «kalten» Städten wie Stockholm beginnt dieser statistische Knick bei deutlich tieferen Temperaturen als etwa in Rom. Nicht nur gewöhnt sich die Bevölkerung an die Hitze, auch bauliche Massnahmen haben einen nachweisbaren Einfluss auf die Zahl der Todesfälle.

Der Rekordsommer 2003 hat auch in der Schweiz zu einem Umdenken geführt. Seit 2005 geben das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und das Bundesamt für Umwelt (Bafu) Verhaltensempfehlungen heraus, um die Risikopersonen, aber auch Ärzte und Pflegepersonal für die Gefahr zu sensibilisieren. So soll man bei grosser Hitze körperliche Anstrengungen vermeiden, Wohnung und Körper möglichst kühl halten und mindestens 1,5 Liter pro Tag trinken.

Spitäler stocken Personal auf

In welcher Form die entsprechenden Informationen an die Bevölkerung weitergegeben werden, obliegt jedem einzelnen Kanton. Vor allem aber gibt es eine ganze Reihe von Massnahmen, die über eigentliche Verhaltentipps hinausgehen – etwa spezielle Ausbildungskurse im Gesundheitswesen, Kampagnen in der Baubranche oder ein Hitzewarnsystem, das eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Kantonsarztamt und Meteo Schweiz erfordert. Wird der Alarm ausgelöst, gibt es nicht nur spezielle Informationen über die üblichen Kanäle, sondern auch Massnahmen wie eine kurzfristige Aufstockung des Gesundheitspersonals oder eine Erhöhung der Spitalbetten.

Besonders weit geht das sogenannte «Buddy-System»: Bei hohen Temperaturen rufen eigens ausgebildete Betreuer zuvor registrierte Risikopersonen an oder gehen sogar bei ihnen zu Hause vorbei, um sie auf die Gefahr aufmerksam zu machen und Verhaltenstipps abzugeben. Die Senioren müssen sich dazu aber vorgängig bereit erklären.

Tropennächte sind gefährlich

All diesen «Zusatzanstrengungen» gemeinsam ist, dass sie nur in Kantonen der Romandie angewendet werden, teilweise gar nur in einzelnen Gemeinden. Wie das Schweizerische Tropen- und Public-Health-Institut (Swiss TPH) gestern an der Medienkonferenz zu den Anpassungen an den Klimawandel (siehe Box) bekannt gab, ist der Aufwand gerechtfertigt: «Städte, die griffige Massnahmen implementiert haben, weisen einen Rückgang der hitzebedingten Sterblichkeit auf», sagt Martin Röösli, Professor für Umweltepidemiologie. Dies treffe für Genf, Lausanne oder Lugano zu, wohingegen Basel, Bern oder Zürich Aufholpotenzial hätten. Städtische Gebiete stehen besonders im Fokus, weil sie «anfälliger» sind für sogenannte Tropennächte. Bei anfälligen Personen erholt sich der Körper dann nicht mehr ausreichend.

Die Städte müssen neue Bäume anpflanzen

Die Schweiz muss sich an den Klimawandel anpassen. Nicht nur die Reduktion der Treibhausgase als Hauptpfeiler ist dabei ausschlaggebend. Wichtig sind auch Faktoren, welche die Folgen der steigenden Temperaturen abfedern helfen. Trocken- und Hitzeperioden werden häufiger, die Gletscher schmelzen weg. Der Permafrost schwindet. Das wird am Bergsturz von Bondo GR augenfällig, wie Marc Chardonnens, der Direktor des Bundesamtes für Umwelt (Bafu), am Montag vor den Medien in Bern sagte. Im Aletschgebiet würden Hänge wegen der Gletscherschmelze instabil und müssten jetzt beobachtet werden. Solche Ereignisse würden zunehmen, erklärte der Bafu-Direktor.
Der Klimawandel betrifft auch die Städte stark: Die Fachhochschule Bern untersuchte die Bewirtschaftung von Bäumen in der Bundesstadt. Dabei zeigte sich, dass einige Stadtbäume wie die Rosskastanie oder die Sommerlinde wenig resistent sind gegen Hitze und Trockenheit. Bern rüstet sich deshalb für die Zukunft und pflanzt künftig Bäume an, die gegen die Hitze besser gewappnet sind – zum Beispiel die Kirschpflaume oder die Zerreiche. (fum/sda)

Die Forscher des Swiss TPH haben verglichen, wie sich die Sterblichkeitskurven nach 2003 je nach Region verändert haben. Einen Lichtblick gibt es aber auch in der Deutschschweiz: Entgegen der Erwartung gab es im Juni dieses Jahres trotz überaus heisser Temperaturen keine überdurchschnittliche Zunahme der Todesfälle.