Verhandlungsmarathon
So oft reist US-Aussenminister John Kerry in die Schweiz

Seit Amtsantritt hat der US-Aussenminister insgesamt einen Monat lang diplomatische Gespräche in der Schweizgeführt – mehr als seine drei Vorgänger zusammen.

Lorenz Honegger
Drucken
Luft schnappen: US-Aussenminister John Kerry erkundet Lausannes Umgebung auf dem Rennvelo.
9 Bilder
Luft schnappen: US-Aussenminister John Kerry erkundet Lausannes Umgebung auf dem Rennvelo.
Luft schnappen: US-Aussenminister John Kerry erkundet Lausannes Umgebung auf dem Rennvelo.
Luft schnappen: US-Aussenminister John Kerry erkundet Lausannes Umgebung auf dem Rennvelo.
Luft schnappen: US-Aussenminister John Kerry erkundet Lausannes Umgebung auf dem Rennvelo.
Luft schnappen: US-Aussenminister John Kerry erkundet Lausannes Umgebung auf dem Rennvelo.
US-Aussenminister John Kerry kurvt auf dem Rennvelo um den Genfersee
Luft schnappen: US-Aussenminister John Kerry erkundet Lausannes Umgebung auf dem Rennvelo.
Luft schnappen: US-Aussenminister John Kerry erkundet Lausannes Umgebung auf dem Rennvelo.

Luft schnappen: US-Aussenminister John Kerry erkundet Lausannes Umgebung auf dem Rennvelo.

Keystone

Ein US-Aussenminister macht mit dem Rennfahrrad eine Spritztour durch Lausanne – das sieht man nicht alle Tage. Die Szene trug sich vorletzte Woche am Rand der iranisch-amerikanischen Atomverhandlungen zu. Das Bild signalisiert nach aussen unmissverständlich: John Kerry fühlt sich wohl in der Schweiz.

Das belegen auch die Zahlen: Der 71-Jährige hat seit seinem Amtsantritt im Jahr 2013 an mindestens 25 Tagen auf Schweizer Boden diplomatische Gespräche geführt, wie aus seiner offiziellen Website hervorgeht. Insgesamt reiste Kerry über zehnmal ins Land, häufiger als seine drei Vorgänger zusammen: Hillary Clinton (2009 bis 2013) brachte es auf fünf, Condoleezza Rice (2005 bis 2009) auf einen und Colin Powell (2001 bis 2005) auf zwei Besuche in der Eidgenossenschaft.

Anlass für Kerrys zahlreiche Reisen waren die Gespräche mit Iran, der Syrienkonflikt, das World Economic Forum in Davos, die OSZE-Konferenz in Basel sowie der Bürgerkrieg in der Ostukraine.

Kerry als Konkurrenzvorteil

Für Genf als Standort Dutzender internationaler Organisationen und 173 UNO-Vertretungen ist die Dauerpräsenz des «Secretary of State» Gold wert. Die Rhonestadt im Speziellen, aber auch die Schweiz im Allgemeinen stehen in ihrer Rolle als bevorzugte Gastgeber der internationalen Diplomatie zusehends unter Druck. Immer mehr Städte wollen sich ein Stück vom Kuchen sichern, wie der Bundesrat kürzlich feststellte: Der Ruf, dass «auch andere Regionen Anspruch auf eine Gastgeberrolle» hätten, ertöne aufgrund der wachsenden globalen Konkurrenz «immer lauter».

Damit Genf als Dreh- und Angelpunkt der internationalen Diplomatie konkurrenzfähig bleibt, hat der Nationalrat in der Frühlingssession auf Antrag des Bundesrates 117,2 Millionen Franken gesprochen. Der Ständerat dürfte ihm folgen. SP-Nationalrat Carlo Sommaruga, Co-Präsident der Parlamentariergruppe «Internationales Genf», ist überzeugt, dass sich die Investition lohnt: John Kerrys regelmässige Besuche führten der Weltöffentlichkeit exemplarisch vor Augen, dass die Schweiz über die nötigen Voraussetzungen für grosse Verhandlungen verfüge. «Wenn er mit seinen Bodyguards am Genfersee eine Velotour macht, ist das zwar nur eine
Anekdote, aber sie zeigt, dass die Schweiz ein sehr stabiles Umfeld bietet. Das kann man von Paris, London oder New York nicht immer sagen.»

Dem pflichtet Sebastian Justiniano bei, Mitautor eines Diskussionspapiers des aussenpolitischen Think-Tanks Foraus zur Gastgeberstadt Genf: «Die Verhandlungen zwischen den USA und Iran erhöhen die Sichtbarkeit der Schweiz als Plattform mit hohen Sicherheitsgarantien.»

Wie stark Kerrys persönliche Affinitäten bei der Wahl des Verhandlungsstandortes Schweiz ins Gewicht fallen, ist offen. Seine Jugend verbrachte er zwar als Sohn eines Diplomaten zu einem Grossteil in Europa, einen Teil davon in der Schweiz am Institut Montana am Zugerberg. Bei all seinen Schweiz-Reisen traf er Aussenminister Didier Burkhalter jedoch nur zweimal, und dies wohl vor allem wegen dessen Funktion als OSZE-Vorsitzender 2014.

«Geneva, where else?»

Aktuell weilt der US-Aussenminister wieder im Land, die Gespräche mit Iran befinden sich auf der Zielgerade. Für Nationalrat Sommaruga ist klar: Sollte es zu einer Einigung kommen, wäre dies hervorragend für die Marke Genf: «Die Leute werden fragen: Wo wurde der Deal ausgehandelt? Dann können wir ihnen antworten: In Geneva, where else?»