Das Telefon an der Rezeption im Hotel Spinne klingelt seit Donnerstagmorgen ununterbrochen. Am anderen Ende sind verunsicherte Gäste aus dem Euro-Raum, die sich für ihre Winterferien ein Zimmer in Grindelwald reserviert haben. Sie zahlen nach der Aufhebung des Euro-Franken-Mindestkurses auf einen Schlag gut zwanzig Prozent mehr. Der Unterschied beträgt oft Hunderte Franken. Für die meisten von ihnen sind Ferien in der Schweiz damit zu einem kaum noch erschwinglichen Luxus geworden.

Hotelbesitzer Andreas Kaufmann sagt: «Die Kunden wollen wissen, ob sie die Preisdifferenz selber bezahlen müssen.» Einen pauschalen Rabatt für Ausländer, immerhin drei Viertel der Kundschaft, kann er sich nicht vorstellen. «Was sollen dann unsere Schweizer Gäste denken?» Vielleicht werde er den Kunden am Anfang ihrer Ferien einen Getränkegutschein von 100 Franken offerieren. «Das ist persönlicher.» Für die nächsten zwei Jahre rechne er aber mit massiv tieferen Margen. Allenfalls müsse er einen Teil seines Restaurants schliessen, um Personalkosten einzusparen. «Wir müssen jetzt reagieren und uns dem Problem stellen. Dass der Mindestkurs nicht auf ewig bleibt, war immer klar.»

«Wie ein Klapf!»

Ein paar Häuser weiter fragt sich Gastronomin Karin Engeloch, was die Zukunft bringt. Für sie sei die Ankündigung von Nationalbank-Präsident Thomas Jordan «wie ein Klapf an den Kopf» gewesen. «Mir ist schleierhaft, warum die Nationalbank den Mindestkurs mitten in der Hochsaison aufhebt. Jetzt gehen die Deutschen erst recht nach Österreich.» Kompensieren kann sie die drohenden Umsatzverluste nur, indem sie selber mehr arbeitet und weniger Angestellte im Stundenlohn beschäftigt. Bereits heute schuftet Engeloch bis zu 14 Stunden am Tag für ihre Grindelwald Lounge, eine Mischung aus Café, Bar und Restaurant.

Dass sie nicht einfach schwarzmalt, zeigt das Beispiel einer Touristin, die soeben das Lokal betreten hat. Tatjana Gnag aus Deutschland erzählt, sie mache zum ersten Mal Ferien in der Schweiz, aber sie werde nicht wiederkommen. Ja, die Berge seien schön und die Luft gut, doch schon beim Wechselkurs von 1.20 Franken habe das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht mehr gestimmt. «In Österreich zahlen wir für fünf Tage Skiausrüstung inklusive Helm 85 Euro. In Grindelwald sind es an einem Tag 56 Franken. Ohne Helm. Und ein Cocktail im Après-Ski kostet 16 Franken!»

Ähnliche Erfahrungen macht Kevin Balding aus London. Der Engländer ist mit seiner Partnerin für das Lauberhorn-Rennen ins Berner Oberland gereist. «Die Schweiz war schon immer teuer und jetzt ist sie noch teurer geworden.» Ob er gekommen wäre, wenn er vom abrupten Preisanstieg im Vorfeld gewusst hätte? «Ich glaube nicht.»

«I love it here!»

In all die Tristesse mischen sich aber auch optimistische Stimmen. Ulrich Roth, Wirt im Hotel-Restaurant Bellevue-Pinte, sagt lachend, er habe am Morgen die Kasse auf den neuen Wechselkurs «eins zu eins» eingestellt und warte jetzt darauf, dass sich der Euro wieder erhole. «Der Zeitpunkt ist ungünstig, aber wann ist er schon günstig?» Spezielle Rabatte werde er nicht einführen. «Bei uns gibt es immer einen Wochenhit. Das muss reichen.» Wenn im Sommer mehr asiatische Touristen nach Grindelwald kämen, sehe die Welt bestimmt wieder anders aus.

So lautet auch die Prognose von Tom Wagner, Anbieter von Paragliding-Flügen und anderen Adventure-Sportarten in Interlaken. «Wir haben viele Kunden aus Fernost und dem arabischen Raum, darum sind wir weniger auf Gäste aus der Europäischen Union angewiesen.» Er werde der Kundschaft aber raten, wenn möglich nicht mehr mit Euro zu bezahlen.

Ein Tourist, der sich nicht vom starken Schweizer Franken abschrecken lässt, findet sich auch. Peter Hubbell, CEO einer Werbeagentur in New York, sagt, er komme jedes Jahr zum Skifahren in die Schweiz und werde dies auch in Zukunft tun. Wechselkurs hin oder her. «I love it here!»