Exklusiv-Besuch

So leben die Guantánamo-Uiguren im Jura

In diesem jurassischen Dorf lebt der jüngere der beiden Brüder.

Ex-Guantánamo-Häftling Bahtiyar Mahmut in einer Aufnahme von 2010.

In diesem jurassischen Dorf lebt der jüngere der beiden Brüder.

Als ehemalige Häftlinge des US-Gefangenenlagers Guantánamo kamen Bahtiyar und sein älterer Bruder Arkin in die Schweiz. Die USA sperrten die Brüder jahrelang ein, nun sorgt die Schweiz für sie – seit genau fünf Jahren. Ein exklusiver Besuch.

Der Händedruck ist kalt, der Blick eine Mischung aus sanftmütig und träge. Bahtiyar Mahmut geht es gesundheitlich nicht gut. Er wolle kein Interview geben, sagt er anfänglich an der Türe – und bittet dann doch ungefragt in die Wohnung hinein.

Eine gute halbe Stunde spricht hauptsächlich er, auf Französisch. Teilweise mit längeren Atempausen, teilweise nach Worten suchend, aber doch gut verständlich.

Er gibt damit zum ersten Mal seit Herbst 2010 gegenüber den Medien Einblick in sein Leben. Nur ein aktuelles Foto von sich, das wolle er lieber nicht in der Zeitung sehen.

Auf dem Tisch liegen Medikamente.

Fast auf den Tag genau fünf Jahre ist es her, seit Bahtiyar und sein älterer Bruder Arkin Mahmut in die Schweiz eingereist sind.

Ihre Ankunft am 23. März 2010 sorgte weltweit für Schlagzeilen. Denn es waren nicht Touristen, die in der jurassischen Hauptstadt Delsberg strandeten, es waren ehemalige Häftlinge des berüchtigten US-Gefangenenlagers in Guantánamo.

Nachdem sie in Pakistan aufgegriffen wurden, hielten sie die USA über sieben Jahre lang fest, zwei davon in Isolationshaft. Nach Verhandlungen mit der US-Regierung erklärte sich der Bundesrat im Winter 2010 bereit, sie aufzunehmen. Ob dabei Geld floss, ist unklar.

«Die Schweiz und die USA haben zum Inhalt des Memorandum of Understanding Vertraulichkeit vereinbart», schreibt das Staatssekretariat für Migration (SEM) auf Anfrage.

Die Bedingungen im US-Gefängnis in Guantánamo wurden vielfach angeprangert.

Die Bedingungen im US-Gefängnis in Guantánamo wurden vielfach angeprangert.

Fast alle kennen die Brüder

Die beiden ungleichen Brüder sind bis heute im Jura geblieben. Das SEM will sich aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen nicht näher zu ihren Lebensumständen äussern und auf kantonaler Ebene erfährt man nur, dass sie sich gut integriert hätten.

Gesprächiger sind die Bewohner in den beiden Gemeinden Delsberg und Courroux, wo sie wohnen. Besonders Bahtiyar kennen hier fast alle. Das heisst, sie wissen, wer er ist. Schliesslich spaziert der hagere, grossgewachsene Mann fast täglich von seinem Wohnort in die Kantonshauptstadt und zurück. «Ich finde es schade, dass sich wenige Leute bemühen, das Gespräch mit ihm zu suchen», sagt Kioskverkäuferin Marguerite Frund.

Was auffällt: Ausnahmslos alle Befragten äussern sich positiv zu den Uiguren. Sie seien nie negativ in Erscheinung getreten. Nach all dem, was ihnen während der Gefangenschaft angetan wurde, sei es richtig, dass sie hier leben dürften, so die Verkäuferin in der Dorfbäckerei.

Vielleicht liegt der Goodwill auch daran, dass sie dem Kanton keine Kosten verursachen. 2014 habe man dem Kanton Jura 50 000 Franken für Unterbringung, Unterstützung und Integration der beiden vergütet, schreibt das SEM.

Denn obwohl es migrationsrechtlich erlaubt wäre, gehen sie keiner regelmässigen Arbeit nach. Bahtiyar absolvierte während eines guten Jahres eine Lehre in einer Uhrenfabrik, doch seine Gesundheit liess eine längerfristige Anstellung nicht zu.

Sein Traum sei, in einem Kleiderladen zu arbeiten, sagt er, zündet sich eine Zigarette an und blickt nach draussen.

Am Horizont glitzern die noch kahlen Bäume auf den Jurahügeln, die Temperatur ist mild. Vielleicht gehe er heute gleich zweimal in die Stadt, sagt er. Immer zu Fuss, das tue ihm gut. Dass das Zuhause einengend sein kann, erstaunt nicht.

Der graue Wohnblock in einer Seitenstrasse versprüht wenig Charme, die Wohnung ist von bescheidener Grösse und spartanisch eingerichtet. Als Tor zur Aussenwelt dienen vor allem TV und Internet.

Über die Zeit in Guantánamo spricht Bahtiyar Mahmut ungern. Und dass er eines Tages wieder in seine Heimat, das turksprachige Gebiet im Nordwesten Chinas, zurückkehren kann, ist ausgeschlossen.

Er würde dort wohl sofort verhaftet werden, sagt er. So bleibt ihm wohl nichts anderes übrig, als in der Schweiz zu bleiben. Er sei dankbar, dass dies möglich sei.

Kaum jemand in der Umgebung nimmt daran Anstoss. Doch lokalpolitisch gewinnt der Fall der beiden Uiguren wieder an Aktualität.

SVP-Delegierter Didier Spies will im Parlament demnächst einen Vorstoss einreichen und den Kanton fragen, ob er wirklich alles unternommen habe, um sie in die Gesellschaft zu integrieren. Spies: «Sie tun mir leid. Sie sind zwar nicht mehr eingesperrt, leben hier bei uns aber letztlich einfach in einem goldenen Käfig.»

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