«So langsam kam ich mir wie ein Lügner vor»

Moritz Leuenberger erklärt, warum er geht...

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Aufgezeichnet: Beat Rechsteiner

Herr Leuenberger, weshalb treten Sie zurück?

Moritz Leuenberger: Ich kann in diesem Jahr meine Arbeit mit zwei wichtigen Ereignissen vollenden. Einerseits der Durchstich beim Gotthardtunnel. Und anderseits der Klimagipfel in Cancún. Wenn diese Ereignisse durch sind, ist die Zeit gekommen, zu gehen.

Warum erfolgt die Ankündigung gerade in der Sommerpause?

Leuenberger: Ich musste jetzt den Entscheid bekannt geben, dass ich im nächsten Jahr nicht noch einmal Bundespräsident werde. Es gab fast jeden Tag Anfragen wegen Reden und Auftritten für 2011. So langsam kam ich mir wie ein Lügner vor, wenn ich diese Anfragen beantworten musste, obwohl ich wusste, dass ich zurücktrete.

Dann hätten Sie es auch nach der letzten Bundesratssitzung sagen können.

Leuenberger: An den letzten Sitzungen wurden verschiedene Themen sehr heftig diskutiert. Hätte ich meinen Rücktritt unmittelbar danach bekannt gegeben, wäre dieser mit den Diskussionen in Verbindung gebracht worden.

Gab es Absprachen mit Herrn Merz wegen eines möglichen Doppelrücktritts?

Leuenberger: Ich habe meine Absicht den Kollegen mitgeteilt. Falls jemand anderes ebenfalls zurücktreten möchte, würde er seinen Rücktritt erst nach der Herbstsession eingeben. Es bleibt also noch viel Zeit zum Nachdenken.

Ihrer Partei war der Ton nicht immer freundlich. Hat die SP Sie zum Rücktritt gedrängt?

Leuenberger: Das Verhältnis zu meiner Partei war noch selten so gut wie in letzter Zeit. Es gibt da nichts zu unterstellen. Es ist auch falsch zu glauben, die Partei bestehe allein aus dem ehemaligen Präsidenten und heutigen Hotelier im Wallis - es gibt noch andere.

Hat es bei Ihren Überlegungen eine Rolle gespielt, dass Micheline Calmy-Rey als Bundespräsidentin nachrückt?

Leuenberger: Nein. Ich bitte Sie, nicht allzu viele taktische Gründe in meinen Rücktritt hinein zu interpretieren. Der eine oder andere Journalist hat ja schon früher durchblicken lassen, 15 Jahre seien etwas lang. Von daher sollten Sie jetzt nicht so überrascht tun.

Wann haben Sie den Entscheid gefällt?

Leuenberger: Das ist ein langer Reifungsprozess. Bei jedem Interview wurde ich gefragt, wann ich zurücktreten werde. Kein Journalist erwartete darauf eine Antwort, aber ihre Frage sollte bedeuten: Geh jetzt endlich! Und da stellt man selbst auch Überlegungen an.

Ihre düstere Miene am Bundesratsausflug sprach Bände. Und es ist bekannt, dass es in der Regierung derzeit nicht sehr gut läuft. War das mit ausschlaggebend?

Leuenberger: Nein. Das Mienenspiel hat sich einzig und allein auf das Malen dieses Bildes bezogen, verbunden mit der ursprünglichen Absicht, das Bild in Anwesenheit der Medien zu malen. Das wollte ich nicht. Ich fand, wir könnten uns der Lächerlichkeit preisgeben - je nach Kunstverständnis. Kaum war das Bild abgehakt, war auch meine Miene wieder hell und fröhlich.

Dennoch: Hatten Sie nun einfach keine Lust mehr, diesen Bundesrat als Präsident noch ein Jahr lang zu führen?

Leuenberger: Davon kann keine Rede sein. Ich habe Zeiten erlebt, in denen ein ganz anderes Klima im Bundesrat geherrscht hat. Damals bin ich bekanntlich erst recht geblieben. Ich habe jetzt keinen Anlass, an diesem Bundesrat etwas nicht gut zu finden. Es sind auch tatsächlich alle auf einer persönlichen Ebene ein bisschen unglücklich, dass ich gehe. Im Übrigen finde ich es nicht unbedingt nötig, dass jemand gleich dreimal Bundespräsident ist. Das wäre ein Rekord um des Rekords willen. Auf das war ich überhaupt nicht versessen.

Sie geben ein sehr umfangreiches Departement ab. Könnte es nun zu einer Neugliederung kommen?

Leuenberger: Es ist möglich, dass es eine Neugliederung gibt. Was von mir aus aber nicht infrage kommt, ist, den Nachhaltigkeitsgedanken auseinanderzureissen, sprich, die Umwelt und die Infrastruktur wieder zu trennen.

Was wird Moritz Leuenberger ab nächstem Jahr tun?

Leuenberger: Das weiss ich jetzt noch nicht. Ich arbeite nun immerhin noch ein halbes Jahr. Vielleicht aber kann ich mir in den Sommerferien den einen oder anderen Gedanken zur Zukunft machen.

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