Der 39-jährige Sarasin-Mitarbeiter Ralf Tanner (Name von der Redaktion geändert), der die ganze Affäre Hildebrand ins Rollen brachte, wohnt in einem stattlichen Einfamilienhaus in einer kleinen Landgemeinde im Kanton Thurgau. Er selbst war gestern Abend nicht zu Hause, sein Jeep stand allerdings noch da und auch die Weihnachtsbeleuchtung war an.

Seine Nachbarn sorgen sich um ihn angesichts des Drucks, der auf ihm lastet: Am Donnerstag führte die Thurgauer Kantonspolizei bei ihm eine Hausdurchsuchung durch. Gestern waren das Schweizer Fernsehen und der «Blick» vor Ort. Der IT-Kadermitarbeiter, der von seinen Nachbarn als angenehm beschrieben wird, hat sich zu Jahresbeginn selbst angezeigt.

Mit einer Klage muss auch Tanners früherer Schulkollege Hermann Lei rechnen. Die Bank Sarasin hat gestern mitgeteilt, dass sich die von ihr eingereichte Strafanzeige nicht nur gegen den IT-Mitarbeiter, sondern auch gegen mögliche Anstifter richtet.

Lei, selbst Anwalt und SVP-Kantonsrat im Thurgau, hat sich einen Rechtsvertreter genommen. Dabei handelt es sich um Valentin Landmann, der als Verteidiger der Hells Angels bekannt wurde. Landmann gilt als brillanter Strafverteidiger. Lei habe sich durch seine Rolle bei der Weitergabe der gestohlenen Bankdaten von SNB-Präsident Philipp Hildebrand nicht strafbar gemacht, sagte Landmann gestern. Zum IT-Mitarbeiter sagte der Anwalt, er habe sich in einer Gewissensnot an Lei gewendet. Die Bank Sarasin habe nichts unternommen, nachdem Tanner sie über seine Vermutungen informiert habe.

Bank Sarasin widerspricht

Die Bank widerspricht dieser Darstellung. Der Mitarbeiter habe sich einem ihm bekannten Rechtsanwalt anvertraut, statt die aus seiner Sicht auffälligen Transaktionen seinem Vorgesetzten oder der Compliance-Abteilung der Bank zu melden, teilte Sarasin gestern mit.

Im gleichen Communiqué bestätigt die Bank die Darstellung Hildebrands vom Donnerstag punkto Entwendung und Missbrauch der Kundendaten. Der IT-Mitarbeiter habe keinen Kontakt zu Hildebrand gehabt. Und zum langjährigen Kundenberater des SNB-Präsidenten hielt die Bank Sarasin fest, dieser sei von Hildebrand «zu keiner Zeit unter Druck gesetzt worden».

Auch SVP-Vizepräsident Christoph Blocher äusserte sich gestern. An einer Pressekonferenz in Rorschach wiederholte er bei jeder zweiten Frage, er werde nicht preisgeben, wer seine Informanten im Fall Hildebrand seien. Eher beiläufig erzählte er dann doch sehr detailliert, wie er an die Informationen über die privaten Währungsgeschäfte von Hildebrand gelangte.

Demnach waren es mindestens drei Advokaten, mit denen er es seit November zu tun hatte. «Zwei der Anwälte kenne ich relativ gut, einen kenne ich nicht. Das sind vertrauenswürdige Leute. Die haben eine andere Ethik als Journalisten», sagte Blocher.

Klar ist: Bei einem der drei Männer handelt es sich um Hermann Lei. Beim zweiten dürfte es sich um Valentin Landmann handeln. Von der az auf Valentin Landmanns Aussage angesprochen, wonach er den IT-Mitarbeiter der Bank Sarasin persönlich getroffen habe, wollte Blocher nichts sagen. «Ich habe meinen Informanten versprochen, dass ich meine Quellen nicht verrate.» Er wolle Landmanns Angaben «weder bestätigen noch dementieren». Zur Frage, ob für die Beschaffung der Dokumente Geld geflossen sei, sagte Blocher: «Davon wüsste ich nichts.»

Blocher wartete Vereidigung ab

Das erste Treffen mit den Informanten schilderte Christoph Blocher wie folgt: Die Anwälte hätten ihm gesagt, ihre Klientel wüsste «Ungeheuerliches» über den SNB-Präsidenten zu berichten, und wollte mit den Informationen an die Presse gelangen. «Das muss raus», sollen die Anwälte Blocher gesagt haben. Er aber habe ihnen dringend davon abgeraten. «Ich sagte ihnen, das rücke die Schweiz in ein schlechtes Licht.»

Als Alternativstrategie habe er ihnen angeboten, den Bundesrat als Kontrollinstanz der SNB über die Vorwürfe zu orientieren. Er habe sie auch darauf hingewiesen, dass sich ihre Klienten wahrscheinlich strafbar machten. Gegen Schluss der Pressekonferenz ergänzte er: «Es gibt Dinge im Leben, die man tun muss, auch wenn man dann bestraft wird. Das nennt man Widerstandsrecht.»

Bundespräsidentin Calmy-Rey habe er erst kontaktiert, als er am 5. Dezember als Parlamentarier vereidigt war, sagte Blocher. Das deutet darauf hin, dass er die aus einer Bankgeheimnisverletzung stammenden Informationen erst verwenden wollte, als er parlamentarische Immunität erhielt.