Der Kellner versteht «Nussgipfel» nicht. «Nu-que-el?» Als wir auf Spanisch wechseln, deutet er pantomimisch an, ihm falle ein Stein vom Herz. Eigentlich sei er Ingenieur, sagt er, Katalane.

Sein Chef, ein Tamile, gab ihm die Stelle im Hotelrestaurant. Ausgestattet ist das Haus in jenem Bajuwar-Tirol-Swiss-Alps-Stil, der auch als Kulisse dienen könnte für die «Stadlshow» oder fürs Oktoberfest in Disney World.

Nach dem Konkurs seines Elektrohandels in Barcelona, ging der Katalane in den Libanon, von wo ihn der Syrienkrieg über Umwege bis hierhin vertrieben hat. Als wir uns setzen, ohne auf Nussgipfel zu beharren, schüttelt er uns die Hand. Die einzigen Dialekttöne tropfen von der Decke: Bernertran zur «W.Nuss vo Bümpliz.»

Nichts, aber auch gar nichts deutet darauf hin: Aber wir stecken tief in SVP-Land. In Domat/Ems, Magdalena Martullo-Blochers Reich. Wo sie am Wochenende triumphal in den Nationalrat gewählt worden ist. Auch im benachbarten Felsberg, wo eigentlich Bundesrätin Widmer-Schlumpfs Karma wirken sollte, immerhin ihr Heimatort. Vor vier Jahren stand die BDP vor der SVP. Jetzt hat das gedreht. Für viele überraschend, sogar in Domat/Ems. Ein Rätsel. Gar Hexerei? Jedenfalls drängte sich ein Besuch auf.

Ein Hauch von Bluemete-Trögli vor dem DDR-Zementkombinat

Ehe wir, dank kundiger Führung, das Rätsel aufschlüsseln, fahren und stromern wir durchs Dorf. Dabei beschleicht uns ein gemischtes Gefühl. Etwas wie verdutzte Trostlosigkeit.

Domat/Ems Facts

Vom Bergwald im Süden, im Lauf des Nachmittags in kühle Schatten getaucht, führt die Strasse an einem weitläufigen Golfplatz vorbei, vielenorts eingezäunt. Von allen Seiten wirkt der Platz mit seinen Greens und künstlichen Teichen als surrealer Kontrast; erweckt den Anschein von Luxus und Musse in einer Umgebung von Schichtbüez, Fabrik und Kleine-Leute-Idyll. Manager des Golfclubs ist übrigens der frühere Eishockey-Nationalgoalie Renato Tosio.

Am Ende des Platzes erhebt sich betongrau die EMS-Chemie. Gegen Osten schroff, beinahe fensterlos. Eine Mischung zwischen Bunker, Zentralverwaltung eines Atommeilers und DDR-Zementkombinat. Eher massiv als kolossal. 3-Schienen-Gleise führen darauf zu, noch vor Blochers Zeiten für die EMS-Chemie gelegt, damit auch SBB-Güterwagen rangiert werden können. Am Firmeneingang steht ein Chalet wie ein auf Normalmasse gepimpter Modellbahnhof: einziger Anflug von Bluemete-Trögli bei sonst kompromissloser Industrie.

In Richtung Dorf, hinter Fussball- und Tennisplätzen, an denen Plastikfahnen des bestimmt grössten Sponsors hängen, der EMS-Chemie, reihen sich Einfamilien-Häuschen wie pastellfarbene Schachteln. Ihren Umschwung schmückt Zierrat aus dem Hobby-Baucenter. Es friert einen zwischen den Zähnen vor so viel Zukunftstraulichkeit und Kitsch. Aufgeschäumte, von Buschwerk bewachsene Inseln schwimmen darin: die zwölf Tumas, die der Landschaft das Gepräge verleihen, von Gletschern geformte Hügel, zwar geschützt, am Fuss aber längst vom Schmutz der Bausünden zernagt.

Die Sünden setzen sich fort bis in den Kern des Dorfs. Was sprachlich eine unlautere Beschönigung ist: Einen lebendigen «Kern» gibts hier nicht mehr. Eher trägt alles die Stigmata der modernen Entkernung einer einst kompakt dörflichen Heimat und Welt.

Kebab, Billard, Tattoo – und aus Glarus jetzt das tägliche Brot

Es gibt Ausnahmen, aber das Ganze wirkt desolat. Jedes Jahrzehnt hinterliess hier seinen architektonischen Ausdruck, in der Regel ein Gewaltakt. Das zerstörte das dörfliche Gehäuse und Gesicht. Von vier Metzgereien gibts noch eine. Von einst vier Bäckereien orientiert sich die letzte eben neu: Das tägliche Brot in Domat/Ems kommt jetzt aus dem Kanton Glarus. Dafür mietete sich an der Hauptstrasse ein Tattoo-Studio ein, Kebab und Billard. Abends gleichen die Läden Höhlen mit provinziellen Wiedergängern längst mumifizierter Typen aus dem Epochenfundus des urbanen Siffs.

Es gibt auch Bauten, die auf einen Umschwung deuten. Auf einen stärkeren anspruchsvollen Gestaltungswillen. Das Kirchen- und Kulturzentrum Sentupada in der Dorfmitte ist ein Beispiel. Das Projekt eines neuen Parks, Amedes, ein anderes. Vor allem aber die Waldhütte, die Tegia da Vaut: ein Meisterwerk in Schindel und Holz von Gion A. Caminada.

In den Wald und auf den Berg führte uns schliesslich auch das Rätsel, das unten im Dorf nach wie vor ungelöst geblieben ist: Worauf gründet der phänomenale Wahlerfolg von Magdalena Martullo-Blocher in Domat/Ems?

Die einspurige steile Strasse führt in Kehren bis auf eine ihrerseits recht abschüssige Maiensäss-Terrasse. Den Calanda breit vor sich, überblickt man das ganze Tal: Golf, Dorf und Industrie. Hier sieht das Ganze weit harmonischer aus und vor allem: noch beherrschbar.

Die strenge Sitzordnung, die vielen Zuwendungen, der Charme

Theo Haas begrüsst uns vor seinem Maiensäss. Der langjährige Bürgerpräsident und Lokalhistoriker wintert gerade mit seiner aus Nordspanien stammenden Frau Mila das Häuschen ein. Drin spendet Holz eine Wärme, die «schön» zu nennen wirklich stimmt. Haas, Jahrgang 1947, ist parteilos – «unabhängig», wie er betont. Sein Vater arbeitete bei der Vorläuferin der EMS-Chemie, der Howag AG; Theo leerte dort jeweils, als Zubrot, am Samstag die Papierkörbe. Ein Thema, wofür er sich seit den 70er- Jahren besonders interessiert, sind die Emser, die der damaligen Not gehorchend ausgewandert sind. Haas besuchte eine Reihe davon in den USA.

Dadurch sind in den Erzählungen und Geschichten von Haas die ursprünglichen Besitzer der EMS-Chemie, «die Herren Oswald», noch mindestens so präsent wie die heutigen. Blochers hätten nicht nur Kontinuität gebracht, sagt Haas, sondern neuen Schwung. Nach dem Herztod von Oswald habe man befürchtet, «Amis übernähmen die Firma oder die Basler». Froh sei man auch darüber, dass Blocher Rhäzüns renoviert habe, wodurch das Schloss in den Händen von Schweizern geblieben sei. Das Ehepaar Haas erhielt mal die Erlaubnis, da auf Privatbesuch zu gehen. Manchmal treffen sie die Blochers während eines Spaziergangs oben, am Heidsee.

Beide sagen, Martullo-Blocher sei keineswegs aus Angst gewählt worden, «sondern aus Anerkennung und Dankbarkeit». Eine ganze Reihe von Beispielen guten Wirkens zählen sie auf. Angefangen bei der Unterstützung der lokalen Tambouren, Zuwendungen für die Musikgesellschaft, über «mutige massive Investitionen, als alle anderen Angst hatten», bis zu den über hundert Lehrlingsplätzen, die EMS-Chemie zur Verfügung stelle. «Als Bergregion», sagt Haas, «sind wir um jeden Arbeitsplatz froh.»

Leise ironisch schildert das Paar die «strikt hierarchische Sitzordnung» jeweils bei der GV der EMS-Chemie, mit dem zentralen Tisch für die Chefin. «Natürlich kann sie ruppig sein», sagt Haas, «ist halt eine Zürcherin. Im Grunde aber eine gewinnende charmante Person.» «Eine Chrampferin», sagt Mila Haas und fügt an: «Wird die SVP jedoch zu extrem, stellen wir das wieder ab.»

Ähnlich tönt es auch abends, im Restaurant «Halla», bei köstlichen Pizokeln. Hier sässen die «200-Prozent-Emserinnen und Emser», wurde uns gesagt. Themen am Stammtisch sind die 12 000 neuen Flüchtlinge in Slowenien, wann Beckenbauer vor den Kadi zitiert wird und Martullo-Blochers Wahl. Einer sagt es so: «Das war kein Kunststück. So ist es doch überall: Sex sells!»