Affäre Mörgeli
So fest sitzen Schweizer Professoren in ihrem Sattel

Es war ein ordentlicher Professor, der den vernichtenden Bericht über die Leistung seines wissenschaftlichen Mitarbeiters Christoph Mörgeli schrieb. Stimmen die Angaben der Zeitung «Der Sonntag», könnte dieser Bericht sogar zur Entlassung führen.

Lucien Fluri
Merken
Drucken
Teilen
Christoph Mörgeli.

Christoph Mörgeli.

Bei ordentlichen Professoren sind Kündigungen dagegen sehr selten. «In den vergangenen Jahren kam es zu einer einzigen Entlassung», erklärt Matthias Geering, Mediensprecher der Uni Basel. An keinen Fall kann sich Christoph Pappa, Generalsekretär der Uni Bern, erinnern. In den letzten Jahren musste keiner der 300 Berner Ordinarien und Extraordinarien gehen. «Es braucht sehr viel, bis ein Professor entlassen wird», sagt Pappa.

Es war ein langwieriges Verfahren, als die Universität Basel 2007 einem Professor der Philosophisch-Historischen Fakultät kündigte, der sich reihum verkracht hatte. Als alle universitären Instanzen ausgeschöpft waren, endete die Entlassung vor dem Bundesgericht. Die Uni zahlte in der Zwischenzeit. Seither hat die Universität das Verfahren geändert. Musste damals eine Mehrheit der Professorenkollegen der Entlassung zustimmen, entscheiden diese heute nicht mehr über die eigenen Kollegen.
Auflagen vor einer Kündigung
Doch lange ist das Verfahren noch immer. Vor einer Kündigung müssen ein Gespräch und die Möglichkeit zur Verbesserung gewährleistet sein. Der Rektor kann eine Kommission einsetzen, die die Rechtmässigkeit der Kündigung beurteilt. Definitiv entscheidet jedoch der Universitätsrat. Bevor das Verfahren aber vor die ordentlichen Gerichte käme, würde noch eine Rekurskommission der Uni darüber beraten.

Für die Luzerner Arbeitsrechtsprofessorin Gabriela Riemer ist der hohe Kündigungsschutz auch ein Selbstschutz der Universitäten. So soll Kontinuität gewährleistet sein, bis in langen Verfahren ein Nachfolger berufen sei. Zum anderen wolle das Verfahren die Freiheit von Forschung und Lehre garantieren. Die Politik etwa kann nicht eingreifen.

Höchste Hierarchiestufe
Nur wenige Gründe erlauben eine Kündigung. Es sind etwa fehlende Fach- oder Führungskompetenz, oder wenn jemand «wiederholt längerfristig an der Aufgabenerfüllung verhindert ist». Doch gerade die Fachkompetenz ist oft schwierig zu beurteilen: Während bei einem Plagiat der Fall schnell klar sei, ist laut Christoph Pappa der Forschungsoutput eines Professors kaum einzuschätzen. Oft sind Ordinarien in ihrem Fach die einzigen Vertreter an einer Uni, in ihren Instituten sind sie die oberste Hierarchiestufe.
«Mitarbeitergespräche gibt es keine», sagt Pappa. «Ordinarien und Extraordinarien haben wesentlich mehr Freiheiten als wissenschaftliche Angestellte.» Einzig Lehrveranstaltungen werden regelmässig evaluiert. «Wir haben keine Qualitätsprobleme», sagt Pappa. Aktuell ist in Bern ein Fall eines medizinischen Leiters einer Universitätsklinik hängig. Die Geschäftsleitung der Klinik wollte den Mann entlassen, die Uni hielt dagegen. Jetzt entscheidet der Regierungsrat.
Auch Zürich betroffen
Die Universität Zürich verwies darauf, dass Christoph Mörgeli «wissenschaftlicher Mitarbeiter mit Status Titularprofessor» und nicht Ordinarius sei. Fragen zur Entlassung von Ordinarien wollte sie deshalb nicht beantworten. Dabei gab es in Zürich in den letzten 15 Jahren mehr Fälle als in Bern und Basel. Ende 2003 entliess die Universität eine Theologin. Später hiess der Züricher Regierungsrat den Rekurs der Frau gut. 1999 musste ein Chirurg das Unispital wegen gravierender Führungsprobleme verlassen - mit einer hohen Abfindung.