Er hat per LKW die Türkei durchquert und ist mithilfe von Schleppern auf die griechische Insel Lesbos gelangt. Die Rede ist nicht von Hans Muster, sondern vom Syrer Farsi, der Mitte März an der Schweizer Grenze in Buchs eintrifft. Im Empfangszentrum in Altstätten reicht er ein Asylgesuch ein und wird dem Zürcher Testbetrieb zugewiesen. Ausgerüstet mit einem Zugticket und einem Ortsplan hat der 36-Jährige 24 Stunden Zeit, sich dort zu melden. Das Verfahrenszentrum an der Förrlibuckstrasse im Trendquartier Zürich-West wickelt seit 2014 die Asylgesuche nach dem beschleunigten Verfahren ab. Hier im zweiten Stock eines unscheinbaren Bürogebäudes entscheidet sich Farsis Schicksal: Darf er bleiben?

Kein Treffer auf Eurodac

Knapp drei Wochen vor der Abstimmung über das neue Asylgesetz spielte das Staatssekretariat für Migration (SEM) gestern das neue Verfahren für die Medien durch – am fiktiven Beispiel des Syrers Farsi. Echte Flüchtlinge waren auf dem zweistündigen Rundgang durch anonyme Büroräume weit und breit keine zu sehen.

Farsis erste Station ist der Empfangsschalter. Eine Securitas-Angestellte scannt seine Fingerabdrücke, durchsucht ihn und händigt ihm ein Formular für die Personalien aus. Sie nimmt seinen Pass, ID, ein syrisches Militärbüchlein sowie einen Marschbefehl entgegen – allesamt echte Dokumente, wie sich nach einer Überprüfung herausstellt. Der Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank Eurodac ergibt keinen Treffer. Somit handelt es sich bei Farsi wohl um keinen Dublin-Fall, für den nach geltendem Recht ein anderer europäischer Staat zuständig wäre. Erst jetzt wird ein nationales Asylverfahren eröffnet. Übernachten wird Farsi während des Verfahrens in der Unterkunft Juch, drei Kilometer vom SEM-Zentrum entfernt.

Bereits am Tag zwei des Asylprozesses begegnet Farsi seinem Rechtsvertreter, der ihn durch das gesamte Verfahren begleiten wird. Die Büros des unentgeltlichen Rechtsschutzes, eines der zentralen Elemente der Reform, befinden sich im selben Gebäude wie das SEM, einfach ein Stockwerk tiefer. Dass die Rechtsberater völlig unabhängig agieren, ist auf den ersten Blick nicht unbedingt klar. Doch Dominique Wetli, Leiter des Rechtsschutzes, meint: «Unsere Büros sind für die Klienten ständig offen. Im Gegensatz zum SEM gehen wir mit Empathie auf unsere Klienten ein.» Das fünfzehnköpfige Team erledigt pro Woche im Schnitt rund 210 Verfahrensschritte. Sie seien von Anfang an in das Verfahren involviert und würden die Fälle wesentlich besser kennen als die Anwälte im heutigen System, sagt Wetli. Einige Asylsuchende würden ob der Geschwindigkeit aber aus allen Wolken fallen: «Asylsuchende ohne Schutzgründe werden es sich überlegen, ob sich die Reise in die Schweiz wirklich lohnt, wenn bis zum Entscheid kaum Wartezeit besteht», sagt Wetli.

Farsi steht nun der eigentliche Kern des Verfahrens bevor: die stundenlange Anhörung. Mit am Tisch sitzen der Befrager des SEM und der Rechtsberater. Ein Dolmetscher übersetzt. Im Hintergrund wird protokolliert. Farsi erläutert seine Asylgründe: Er habe 2011 an friedlichen Demonstrationen gegen das Assad-Regime teilgenommen und vermute, dass ihn der Geheimdienst im Visier habe. Seine Familie sei bereits aus Harasta in der Provinz Damaskus geflüchtet. Kritisch fragt der Befrager nach: Wie viele Moscheen gibt es in der Ortschaft? Wo befindet sich die Schule? Die Rechtsvertreterin hakt ein: sein Bruder sei bereits verhaftet worden, oder nicht?

Positiver Entscheid für Farsi

Man merke rasch, wenn jemand falsche Angaben mache, sagt der SEM-Spezialist. Die Geschichten seien nicht konsistent oder externe Sprachanalysten stellten fest, dass der Dialekt nicht der richtige ist. Im Falle von Farsi ist das nicht der Fall. Er legte seine Asylgründe so überzeugend dar, dass ihm das SEM einen positiven Entscheid eröffnet. Nicht bei allen ist das der Fall. Sie müssen 48 Stunden später zum Ausreise-Gespräch antraben. Wer freiwillig ausreist, wird finanziell unterstützt. Je früher, umso mehr. Mit bis zu 1000 Franken. Effizienter geht es kaum.