Schule udn BIldung
So bastelt sich jeder sein eigenes Bild von der Schule

Ein Essay zur Bildungslandschaft: Wie sieht eine Schule aus, die den Kindern von heute dient? Das Schulzimmer als Projektionsfläche für politische und gesellschaftliche Wünsche und Weltsichten

Hans Fahrländer
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Den Rahmen setzen und den Profis die inhaltlichen Details überlassen: Das wärs.Christine Bärlocher/Ex-Press

Den Rahmen setzen und den Profis die inhaltlichen Details überlassen: Das wärs.Christine Bärlocher/Ex-Press

Das Tempo der gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen nimmt weiter zu. Globalisierung, Ökonomisierung, Konsumorientierung, Pluralisierung der Lebensformen, galoppierende Entwicklung der Kommunikationstechnologie. Besonders gross sind die Veränderungen in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Auch wenn die Schule längst das Monopol der Wissensvermittlung verloren hat: An ihrem Auftrag, die heranwachsende Generation auf das Leben vorzubereiten, hat sich grundsätzlich nichts verändert. Doch wie macht man das im 21. Jahrhundert? Wie sieht eine zeitgemässe Schule aus? Was lehrt sie? Wie vermittelt sie? Wo steht sie in der Gesellschaft?

Augenfällig sind die Anpassungen in den Instrumentarien: Der Hellraumprojektor hat die Wandtafel ersetzt, der Computer den Füllfederhalter und das Sprachlabor, das Internet die Schulbibliothek. Doch wer definiert Vorgaben und Erwartungen? Wer die Inhalte, Methodik und Didaktik? Macht das die Politik, die Gesellschaft oder die Erziehungswissenschaft? Welche Ebene mischt sich wo und wie ein? Die OECD via die internationale Schulleistungsuntersuchung Pisa? Der Bund via Verfassungsartikel 62, Absatz 4, der seit 2006 die gemeinsamen Eckwerte der Schule Schweiz definiert? Ist die per Gesetz garantierte kantonale Schulhoheit noch zeitgemäss? Wie gross ist der Spielraum der Schulleitung? Wenn es in diesen Fragen je einen Konsens gab: Heute ist er definitiv vorbei. Überspitzt gesagt: Jeder bastelt sich sein eigenes Bild von der Schule und benutzt sie als Projektionsfläche für seine Wünsche und Vorstellungen.

«Die Schule dient primär dem Wohl der Kinder und Jugendlichen» – diesen Satz unterschreiben wohl alle. Doch wie sieht eine Schule aus, die den Kindern von heute dient? Jeder Erwachsene glaubt es zu wissen, schliesslich ging er/sie selber einmal zur Schule. Indes: Die Schule von heute hat mit der Schule von gestern nicht mehr viel gemein. Vom Wertewandel bis zu den medialen Miterziehern, vom Autoritätsverlust der Lehrpersonen bis zu den Anforderungen einer globalisierten Wirtschaft, von der starken Zuwanderung bis zum stark gestiegenen Anteil berufstätiger Mütter – fast alles ist anders geworden. Das emotionale Bild vieler Entscheidungsträger von «ihrer» Schule und die reale Schulwirklichkeit von heute klaffen weit auseinander.

Erfreulich immerhin: Die Schule ist in diesem Land offenkundig wichtig. Die Schul-Debatte wird seit der Jahrtausendwende intensiver, allerdings auch hektischer, kontroverser und manchmal gehässig geführt. Es geht um Deutungs-Hoheiten. So hat die grösste Partei im Land, die SVP, erkannt: Die Schule ist der Ort, wo die Eisen der Zukunft geschmiedet werden, solange sie noch heiss sind.

Schule als Politprogramm

Zukunft aber heisst bei der SVP oft: Vergangenheit, keine Änderungen. Schach dem Bundesvogt, nein zu Harmos, das heisst zur Schule Schweiz. Schule als Anker des Föderalismus, die Volksschule gehört dem Volk. Nach den Strukturen kamen die Inhalte an die Reihe: Die SVP erstellte einen eigenen Lehrplan, als Gegenentwurf zum Lehrplan 21. Sie will mehr Leistungs- und weniger Kuschelschule. Mehr «nützliche» und weniger «weiche» Fächer. Mehr Büffeln, weniger Projektunterricht. Schliesslich nahm sie sich die Lehrerbildung vor: Lehrer sollen sich ihr «Handwerk» in der Lehre statt in der Hochschule aneignen, denn zählen tue im Schulalltag allein die Praxis, nicht die Theorie.

Schulpolitik als Wahlkampf. Die SVP will die gute alte Schule vor Reformen schützen und sich dabei möglichst viele Wähler sichern. Sie nützt Empörung und Misstrauen von reformmüden Lehrkräften und globalisierungsmüden Eltern gnadenlos aus und bedient Sehnsüchte nach der Zeit, als noch alles seine Ordnung hatte. Generell gilt: wie das Weltbild, so das Schulbild. Und dies beileibe nicht nur bei der SVP.

Das Steckenpferd der Linken lautet zum Beispiel: Die Schule hat der absoluten Chancengleichheit zu dienen. Es soll keine Privilegien für Zöglinge aus bildungsnahen Häusern geben, vor allem keine Elitebildung. Und möglichst wenig Leistungs- und Selektionsdruck. Auch diese Sicht ist gesellschaftspolitisch unterfüttert und kann, in der reinen Lehre serviert, nicht die Richtschnur für die Schule von heute sein. Chancengleichheit brauchen wir gewiss am Start.

Förderung der Elite

Doch, wenn gescheite Buben und Mädchen ihren Mitschülern um die Ohren laufen, sollten sie nicht um des falschen Gleichheitsstrebens willen zurückgebunden werden. Auch wenn eine solche Aussage in gewissen Kreisen als politisch unkorrekt gilt: Jedes Land braucht eine Elite. Und sollte sie, im Eigeninteresse, energisch fördern.

Erkenntnis: Die Frage, ob und wie die Schule reformiert werden muss, wird in diesem Land weniger nach pädagogischen als nach politischen, nach ideologischen Grundsätzen beurteilt. Wo die bewahrende Weltanschauung dominiert, werden Reformen abgelehnt, in urbanen Gegenden haben sie deutlich mehr Chancen. Das ist der Preis der direkten Demokratie. Die Schule sitzt mitten in den Grabenbrüchen unseres Wertesystems.

Dies ist kein Plädoyer für eine Schule im politikfreien Raum, definiert allein durch die Erkenntnisse der Erziehungswissenschaft. Die Schweiz ist mit einem politischen Kontrollsystem, das stärker ausgeprägt ist als anderswo, nicht schlecht gefahren. Wir wollen keine Hors-sol-Schule, sondern eine, die mitten in der Gesellschaft steht. Professionalisierung von Unterricht und Schulleitung darf nicht heissen: Niemand störe unsere Kreise. Bloss, der Detaillierungsgrad der Einmischung durch Laien und Politiker hat ein mitunter groteskes Ausmass angenommen.

Eltern und Kampfeltern

Noch einschneidender als die unterschiedlichen Erwartungen der Politik sind im Alltag der Lehrpersonen die unterschiedlichen Erwartungen der Eltern. Auf der einen Seite gibt es die sogenannten «Kampfeltern»: Sie wissen genau, jedenfalls besser als die Lehrerin, was ihrem Sprössling, oft ihr einziger, frommt. Und sie fordern es energisch ein. Denn ihr Prinz, ihre Prinzessin, hat spezielle Talente, die speziell gefördert gehören.

Auf der anderen Seite gibt es die Eltern, die den ersten Schultag kaum erwarten können, damit sie ihren Nachwuchs zur Schulung und Erziehung abgeben können. Wie das geschieht, interessiert sie nicht, Hauptsache Ruhe. Unterstützung ist von ihnen nicht zu erwarten. Höchstens Empörung, wenn es dann doch nur für die Realschule reicht.

Bei so viel Subjektivität – gibt es überhaupt objektive Erkenntnisse über den Auftrag der Schule von heute? Ja. Blättern wir bei der Erziehungswissenschaft, bei der empirischen Forschung nach. Nicht bei Behauptungen, sondern bei Erfahrungen. Dort finden wir unter anderem folgende, gut abgestützte Sicherheiten: Den grössten Schulerfolg feiern Länder mit wenig oder gar keiner Selektion in der Volksschule, mit Gesamtschulen bis zum 16. Altersjahr.

Integration und Motivation

Integrative Schulung, das heisst das Einfügen lernschwacher oder verhaltensauffälliger Schüler in der Regelklasse, nützt nicht nur diesen schwachen, sondern auch den guten Schülern. Und: Würden wir das schwächste Drittel unserer Jugend energischer fördern (ja, auch diese vielen Ausländer), könnten wir unser Volkseinkommen um Milliarden steigern.

Oder: Eltern können ihr Kind nicht zum mehr Lernen, zur glänzenden Karriere aufmöbeln, entscheidend ist seine eigene Motivation. Oder: Die Reduktion der Schülerleistung auf eine Ziffer (Note) wird dem Kind nicht gerecht. Oder: Das Kind lernt nicht in «Fächern» (schon gar nicht in «wichtigen Zentralfächern»), sondern ganzheitlich; Projekt-Unterricht ist deshalb wichtig. Oder: Eine Tagesschule ist nicht primär zur Entlastung gestresster Eltern erfunden worden; sie steigert tatsächlich den Lernerfolg, weil die Kinder auch ausserhalb des Unterrichts begleitet werden. Schliesslich – und ganz zentral: Die wichtigste Figur für den Lernerfolg ist die Lehrperson. Ihr gebührt deshalb Respekt, Vertrauen, Unterstützung durch Politik und Gesellschaft (und Eltern), unter anderem eine angemessene Entschädigung für ihre immens wichtige Aufgabe zugunsten der Gesellschaft.

Oh weh. Die Diskrepanz zur heutigen Realität, zur politischen Debatte springt förmlich ins Auge. Zielführend wäre, wenn die Politik und die Gesellschaft der Schule den strukturellen Rahmen setzen würden. Für das Ausfüllen des Rahmens aber sollten sie den Profis, den Lehrpersonen und den Schulleitungen mehr Vertrauen geben. Wer sich indessen bei Schuldebatten in kantonalen Parlamenten umhört, stellt fest: Es läuft meistens anders. Schliesslich ging auch jeder Parlamentarier, jeder Vater und Grossvater mal zur Schule, er weiss schon, wie es läuft.

Wie weiter? Wie finden wir die Balance zwischen Interesse und Engagement für die Schule (ja, auch finanziellem Engagement) und Zurückhaltung bei der Ausgestaltung der inhaltlichen Details, der Methodik und Didaktik? Wir dürfen nicht aufhören mit Informieren, mit Auf- und Erklären. Politisch Verbohrte, parteiliche Besserwisser und Zuhörens-Verweigerer werden wir zwar nicht erreichen. Aber alle, die guten Willens sind. Eben – siehe oben: Die Schule dient primär dem Wohl der Kinder und Jugendlichen. Wer das ernst meint, muss seine eigene Weltsicht, seine eigenen Ambitionen, seine eigene Schulzeit überwinden – und darauf bauen, dass es objektive Erkenntnisse gibt. Und dass die Profis diese Erkenntnisse zum Wohle unseres Nachwuchses umsetzen.

Eine etwas kürzere Ursprungsversion dieses Textes ist als Gastbeitrag in der jüngsten Ausgabe von «Bildung Schweiz», der Zeitschrift des Dachverbandes Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH), erschienen.