AKW Gösgen
So arbeiten die AKW-Überwacher in Gösgen

Reaktoroperateure überwachen 24 Stunden, 365 Tage im Jahr das Atomkraftwerk. Sie sind es, die bei einem Super-GAU als Erste handeln müssen. In Gösgen durchlebt das Team zurzeit einen Generationenwechsel. Ein Tag zu Besuch im Überwachungsraum.

Silvan Hartmann
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Sie haben den wichtigsten Job der Welt: Reaktoroperateure

Sie haben den wichtigsten Job der Welt: Reaktoroperateure

Die Beine hochlagern, Zeitung lesen und hie und da einen Kaffee trinken: So sieht der Arbeitstag eines Reaktoroperateurs aus – zumindest in der Zeichentrickfilm-Serie «Simpsons». Der Beruf als AKW-Überwacher geniesst deswegen keinen sonderlich guten Ruf in der Arbeitswelt.

Das wissen auch die Reaktoroperateure des AKW Gösgen nur zu gut. Sie würden oftmals von Freunden gehänselt, sie seien Faulenzer und hätten sich nur deshalb für diesen Beruf entschieden. Ein Operateur gibt zwar schmunzelnd zu, dass es ein «einzigartiger» Beruf sei und man «der Typ dazu sein muss», rechtfertigen würde er sich aber nie.

Reaktoroperateur, ein Traumjob für Faulenzer? «Überhaupt nicht», wehren sich alle Arbeitenden im Kanon. Vielmehr sei es ein herausfordernder Beruf. Rund 20 Prozent der Arbeitszeit gehe nämlich auf die Kosten der Aus- und Weiterbildung, erklärt Ausbildungschef Paul Ackermann. «Ich kenne wirklich keine Branche, in der sich die Mitarbeiter mehr weiterbilden lassen als in unserer», sagt er.

1990 letztmals ungeplant abgeschaltet – 2 von 3 Hauptkühlpumpen fielen aus

Montagmorgen, 6 Uhr: Im Kommandoraum des Atomkraftwerks herrscht Hochbetrieb. Die Früh- löst die Nachtschicht ab. In einer kurzen Sitzung wird orientiert, was in der Nacht vor sich ging. Es gab keine Zwischenfälle, keine Pannen, weshalb nach nur vier Minuten die Sitzung beendet ist. Am 11. Dezember 1990 musste die Anlage letztmals ungeplant abgeschaltet werden. Zwei von drei Hauptkühlpumpen des Reaktors stiegen damals aus.

Seit 20 Jahren läuft die Reaktoranlage nun also reibungslos - ein im Vergleich zu anderen Werken bemerkenswerter Lauf: «Das ist eine Bestätigung für unsere Arbeit und macht uns stolz», sagt der Tageschef.

24 Stunden pro Tag, 365 Tage im Jahr wird im Kommandoraum im Drei-Schicht-Betrieb gearbeitet und der Reaktor, wo die radioaktiven Brennelemente vor sich hin strahlen, überwacht. Dafür zuständig sind jeweils acht Operateure. Die Behörden schreiben sieben Mitarbeiter pro Schicht vor. «Wir haben immer mindestens acht eingeteilt. Falls mal etwas passieren sollte und einer nicht mehr arbeiten kann, würden wir noch immer die Vorschriften erfüllen», sagt der Tageschef.

61⁄2 Jahre Ausbildung

Um den Beruf zu erlernen, wird eine technische Erstausbildung vorausgesetzt. Dann soll es möglich sein, in 61⁄2 Jahren zum Reaktoroperateur-Diplom zu kommen. «Viele haben allerdings länger», sagt Ackermann weiter.

Nach der Ausbildung ist auch vor der Weiterbildung, denn die Arbeitslizenz des Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi) läuft nach zwei Jahren wieder aus. Dann muss der Operateur eine Prüfung ablegen, um die Lizenz für weitere zwei Jahre zu erhalten.

Damit die Operateure die wirklich wichtigen Griffe am Fahrpult, das mit Tausenden Knöpfen und Lämpchen versehen ist, nicht vergessen, müssen sie auf Simulatoren im Schulungsraum trainieren. Darauf wird jedes mögliche Szenario – auch ein Super-GAU – durchgearbeitet, um im Ernstfall seriös, ruhig und gekonnt zu reagieren.

Motiviert und gut entlöhnt

Bei den Mitarbeitern kommen die strengen behördlichen Auflagen gut an. «Wir sind der Bevölkerung schuldig, uns ständig weiterzubilden», sagt Betriebsleiter Hans-Ulrich Beutler. Wer die überdurchschnittlich lange Ausbildungszeit durchhält, wird auch gut entlöhnt: Ein junger Operateur verdient rund 6500 Franken plus Schichtzulagen von 600 bis 900 Franken pro Monat. Ein erfahrener Schichtchef kommt auf gut 12200 Franken plus Zulagen.

In den letzten Jahren hat Gösgen pro Jahr drei bis fünf Operateure ausgebildet. «Wir versuchen, dieses Level nun zu halten», sagt Ackermann. Zudem würden sie zurzeit zwangsläufig einen Generationenwechsel vollziehen. Denn die meisten hätten als 30-Jährige mit der Inbetriebnahme des Kraftwerks 1979 begonnen und stünden nun vor der Pensionierung. 46 Jahre beträgt heute das Durchschnittsalter der Operateure. Dieser Wert ist bereits tiefer als früher und werde bald noch weiter fallen, erklärt Ackermann.

Die az besuchte den Überwachungsraum im AKW Gösgen im Herbst 2010.