Zu Beginn der Enthüllungsserie zog Edward Snowden die Fäden: Die von ihm ausgesuchten Journalisten mussten in Hongkong seinen Spielregeln folgen, um ihn überhaupt zu finden. Seither aber hat Snowden an Souveränität eingebüsst: Vom Jäger ist er zum Gejagten geworden, der sich seit über einer Woche im Nirgendwo aufhalten muss, um vielleicht doch noch irgendwo sicheren Boden zu erreichen. «Diese Extremsituation reisst ihn aus seiner Sozialstruktur heraus. Die alten Freunde gibt es nicht mehr, und die neuen Kontakte könnten Freunde oder Feinde sein. Das ist der blanke Horror», sagt Sozialpsychologe Christian Fichter.

Weltweite Aufmerksamkeit erhielt Ende der 1990er-Jahre auch der grösste Whistleblower-Fall der Schweizer Geschichte – und dessen Protagonist, Christoph Meili. Auf den ersten Blick haben die Fälle und Personen wenig Gemeinsamkeiten, hat doch Snowden gezielt geheime Informationen abgespeichert, während Meili per Zufall auf die Dokumente gestossen war.

Und doch: Es finden sich Parallelen. Beide Männer arbeiteten als Wachmann. Meili war auf einem Kontrollgang, als er im Schredderraum der SBG (heute UBS) die Akten entdeckte, die Auskunft gaben über den Umgang mit jüdischen Vermögen in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Auch Snowden wurde zunächst als Wachmann von einer Einrichtung angestellt, die eng mit der Sicherheitsbehörde National Security Agency (NSA) zusammenarbeitet. Schliesslich erkannte man seine Computerexpertise: Die CIA stellte ihn als Computerfachmann an.

Aussenseiter mit Insiderwissen

Meili und Snowden blieben in ihren Funktionen Aussenseiter. Sie selbst arbeiteten nicht als Banker oder Spitzel – und hatten doch Zugang zum Innersten und Geheimsten ihrer Arbeitgeber. Beide wollten mit ihrem Wissen die Welt verbessern. Und beide entschieden sich für den Gang an die Öffentlichkeit. «Dadurch fügen diese Whistleblower der Sache auch Schaden zu», sagt Fichter. «Snowden lenkt die Aufmerksamkeit der Diskussionen über Spionageprogramme weg auf seine Person.»

Kritisch merkt der Imageforscher an: «Es ist etwas Schönes, ein Held zu sein; es ist aber falsch, ein Held sein zu wollen.» Der Psychologe, der an der Kalaidos Fachhochschule forscht, erkennt Hinweise auf «persönliche Profilierungsbedürfnisse» bei Schulabbrecher Snowden und bei Radio- und TV-Verkäufer Meili.

Kontrollverlust und Instrumentalisierung

Zum Kontrollverlust, den beide hinnehmen mussten, kommt die Instrumentalisierung. Der amerikanische Anwalt Ed Fagan, der sich für die Holocaust-Opfer einsetzte, machte Wachmann Meili zum Verbündeten und Kronzeugen. Jahre später sagte Meili, er fühle sich betrogen und realisiere allmählich, dass er als Investment betrachtet worden sei, «als jemanden, den man für seine Zwecke gebrauchen, manipulieren, vorführen kann».

Dasselbe widerfährt nun auch Snowden: Als Erster hat sich der Präsident von Ecuador in den Vordergrund gedrängt, um von Snowdens Ruhm zu profitieren. Doch auch andere Hacker missbrauchen den 30-Jährigen für ihre Zwecke: Wikileaks-Gründer Julian Assange, der in der ecuadorianischen Botschaft in London festsitzt, will Snowden bei der Flucht helfen. Als Trittbrettfahrer kommt er dadurch selbst wieder ins Gespräch. Dass Snowden aktuell fähig ist, diese Instrumentalisierung zu erkennen, glaubt Christian Fichter nicht. «Er steckt in einer Blase, in der er Argumente, die seiner Einstellung entsprechen, stark gewichtet, andere abschwächt.»

Ob auch der Ausgang der Affäre Snowden Parallelen zu Meilis Geschichte hat, wird sich zeigen: Nach neun Jahren USA-Exil kehrte dieser 2009 in die Schweiz zurück und war hier auf Sozialhilfe angewiesen. «Ein normales Sozialleben ist für Whistleblower sehr schwer; sie sind auf lange Zeit hinaus diskreditiert», sagt Fichter.