Katastrophenfall
SMS statt Sirenen: So soll Bevölkerung künftig alarmiert werden

Statt über Sirenen soll im Katastrophenfall die Bevölkerung per Handy alarmiert werden. Doch bis das erste SMS vom Bund bei Hochwasser verschickt wird, wird noch viel Wasser die Aare runterfliessen. Technisch birgt so ein SMS-Alarm nämlich Tücken.

Manuel Bühlmann
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Der Lärm der Sirenen geht durch Mark und Bein. Womöglich wird der Ton dereinst von einem sanfteren Geräusch abgelöst: dem Piepsen des Handys. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (Babs) prüft die Einführung eines SMS-Alarmsystems. Bis die Schweizer Bevölkerung per Kurzmitteilung vor Hochwassern, AKW-Unfällen oder Erdbeben gewarnt wird, dürfte es aber noch Jahre dauern.

Erste Priorität beim Bund hat vorerst ein anderes Projekt. Bis 2015 sollen rund 5000 stationäre Sirenen umgerüstet werden, sodass sie über Funk- statt wie bisher über Kabelnetz gesteuert werden können. Für die Entwicklung von anderen Projekten stünden deswegen zurzeit nur beschränkte Mittel zur Verfügung, sagt Babs-Sprecher Kurt Münger.

Den Kollaps verhindern

Eine Prognose, wann die ersten Kurzmitteilungen verschickt werden können, will Münger nicht wagen – dafür sei es zu früh. Viele Fragen sind offen. «Die Einführung eines SMS-Alarms ist schwieriger, als sich das ein Laie vorstellt», sagt Münger. Es bestehe die Gefahr, dass das Netz im Notfall überlastet zusammenbricht. Abklärungen laufen, wie sich ein solcher Kollaps verhindern lässt.

Solange eine hohe Zuverlässigkeit nicht gewährleistet sei, wolle der Bund noch zuwarten, sagt Münger. «Sirenen und Radio haben nach wie vor die höchste Ausfallsicherheit.»

Technische Schwierigkeiten bereiten aber auch die Grundeinstellungen der verschiedenen Mobiltelefone, die teilweise den Empfang der offiziellen SMS verunmöglichen. Die nötigen Anpassungen liessen sich nicht leicht kommunizieren und erklären, sagt Münger.

Holländer erhalten Warn-SMS

Dazu kommen ungeklärte rechtliche und finanzielle Fragen. So muss etwa geregelt werden, ob sich jemand aus Datenschutzgründen vom Service abmelden kann oder nicht. Ausserdem ist die Einführung eines SMS-Alarmsystems nur mit der Beteiligung der Telekommunikationsfirmen möglich. Die Swisscom teilt mit, erste Sondierungsgespräche mit dem Bund liefen. Derzeit sei es aber zu früh, um mehr zu sagen.

Die holländische Regierung kann bereits seit zwei Jahren warnende Kurzmitteilungen verschicken. Sie bietet den «NL-Alert» an, der die Bevölkerung per Kurzmitteilung kostenlos über Gefahrensituationen und Verhaltensregeln informiert. Allerdings zeigen Tests, dass mit dem Dienst weniger als 30 Prozent der Holländer erreicht werden. «Aus Sicht des Bevölkerungsschutzes ist das ein ungenügender Wert», sagt Münger. Ziel sei es, möglichst alle zu erreichen, was mit den Sirenen sowie Hinweisen in Radio und Fernsehen deutlich besser gelinge.

Schweizer Pioniere in Basel

Erste Erfahrungswerte gibt es auch aus dem Kanton Basel-Stadt, wo über SMS alarmiert wird. Allerdings richtet sich das Angebot nicht an die Gesamtbevölkerung, sondern an Menschen mit einer Hörbehinderung, die nicht durch Sirenen gewarnt werden können. Wer registriert ist, erhält im Notfall ein SMS.

Die Liste werde regelmässig aktualisiert, sagt Eric Herbertz, Geschäftsführer der Basler Gehörlosenfachstelle. Ein gesamtschweizerisches SMS-Alarmsystem würde er begrüssen. «Das ist aber Zukunftsmusik, bis dahin müssen noch viele Details geklärt werden.» Nun sei es für die Zuständigen bei Bund und Kantonen an der Zeit, zu handeln.