Schöne Zahnärztinnen

Smile! So bauten die Abivardi-Schwestern ihr Reich auf

Die beiden Gründerinnen und Mehrheitsaktionärinnen der swiss smile clinic.

Golnar und Haleh Abivardi.

Die beiden Gründerinnen und Mehrheitsaktionärinnen der swiss smile clinic.

Als sie noch Schülerinnen in Muttenz waren, besserten sie mit Nachhilfestunden und als Kassiererin ihr Sackgeld auf. Heute betreiben Haleh (43) und Golnar Abivardi (40) die Zahnklinik swiss-smile, eine der grössten - und schicksten - der Schweiz.

Es waren einmal zwei Mädchen, die kamen aus dem fernen Persien in die Schweiz. Zusammen mit ihrer Mutter, Leiterin einer Englischschule, und ihrem Vater, einem Naturwissenschaftler, lebten sie stets dort, wo ihr Vater Arbeit fand. Zwölf Mal zogen sie um, jedes Mal wechselten die Mädchen die Schule, bis die Abivardis schliesslich in Zürich Fuss fassten. Die Familie war nicht gerade auf Rosen gebettet; was zählte, war Arbeit. Und die Überzeugung: «Geht nicht gibts nicht.»

Die zweite Schweizer Station der Familie Abivardi war Muttenz. Immer wieder radelte Haleh, die Ältere, als 13-Jährige von Muttenz nach Pratteln, um sich mit Mathematiknachhilfe etwas dazuzuverdienen. «Bei jedem Wetter fuhr ich diese Strecke. Für fünf Franken die Stunde!», erinnert sie sich heute. Ihre Schwester Golnar, fast vier Jahre jünger, sass in den Sommerferien an der Kasse eines Grossverteilers oder jobbte in einer Kleiderboutique. Golnar lächelt sanft: «Die andern kamen braun gebrannt aus den Ferien zurück, wir kultivierten die vornehme Blässe.»

Heute, 25 Jahre später, sind aus den beiden blassen Mädchen Multimillionärinnen geworden: weit über die Grenzen der Schweiz hinaus bekannte Dentistinnen; ihr Zahnarztzentrum in Zürich gilt als eines der modernsten und grössten Europas; die Champagnermarke Veuve Clicquot zeichnete die Schwestern im vergangenen Jahr als «Unternehmerinnen des Jahres» aus; keine Hochglanzpostille kommt mehr ohne sie aus. Denn die Abivardis sind nicht nur clevere Geschäftsfrauen, sondern auch - Prinzessinnen: perfekter Teint, perfekte Pose, edel gewandet in Lanvin oder Gucci, makellos wie Wesen von einem anderen Stern.

Kultivierte Bescheidenheit

Doch Arroganz ist Abivardis Sache nicht. Die beiden erweisen sich bei dem Gespräch in ihrer todschicken Praxis an der Bahnhofstrasse 110 in Zürich als ein Ausbund an Bescheidenheit und Freundlichkeit. Ihre höfliche Zurückhaltung kontrastiert auffällig mit der luxuriösen Einrichtung, die direkt einem hochrangigen Interior-Magazin zu entstammen scheint. Minimal chic nennt sich das: wenige Möbel, aber erstklassige Materialien. Teure Stoffe, farbige Wände. Die Teeschalen passen zum dunkel gebeizten Tisch im Wartezimmer. Perfektionismus wird hier überdeutlich demonstriert - dennoch machen es Haleh und Golnar Abivardi einem schwer, sie nicht zu mögen. «Wir sind sehr bodenständig erzogen worden, das hält uns auf dem Teppich», sagt Haleh, die ihr Leben ganz unromantisch als «Sinuskurve» beschreibt: immer wiederkehrende Höhen und Tiefen, eine Gesetzmässigkeit sei das: von unten gehts nach oben und umgekehrt, «diese Gewissheit verleiht Bodenhaftung».

Start in Amriswil. Seit geraumer Zeit befinden sich die Abivardis ziemlich weit oben. Weil sie im richtigen Moment das Richtige entschieden haben. Und viel Arbeit für die beiden Kurzschläferinnen eben kein Problem ist. Nach dem Medizinstudium in Zürich eröffneten die Schwestern eine eigene Praxis. Im thurgauischen Amriswil, eine gute Zugstunde von Zürich entfernt. Also pendelten die beiden jahrelang nach Amriswil; anfangs waren Halehs Kinder samt Kindermädchen dabei, zwischen den Behandlungen wurde gestillt. Anstrengend, die Pendelei, aber Kalkül. Eine Standortanalyse hatte ihnen klargemacht, dass Zürichs Zahnärztedichte keine weitere kleine Praxis braucht, sondern dass ihre Chancen in der Provinz liegen.

Ein Wohlfühlprogramm

Doch eine Provinzpraxis war das keineswegs, was die Schwestern in Amriswil betrieben. Dort schufen sie, was sie später in Zürich vervollkommnen sollten: eine wohnliche Praxis, die eher an ein Hotel erinnert als an einen Ort, in dem kariöse Zähne geflickt werden. «Eine schöne Einrichtung, Filme oder Musik, verbunden mit einer erstklassigen zahnärztlichen Behandlung ist das, was wir unseren Patienten bieten wollen», erzählen sie. Die Leute sollten gern zum Zahnarzt gehen. Ihre Amriswiler Patienten jedenfalls staunten beim ersten Besuch: «Hier sieht es ja gar nicht aus wie in einer Praxis!» Und schon hatten sie ein bisschen weniger Angst vor dem Bohrer.

Haleh und Golnar Abivardi verbrachten nicht nur viel Zeit in Amriswil, sondern auch auf den Bahnhöfen. Die Erkenntnis, dass dort täglich Hunderte von Menschen warten, brachte sie auf eine Idee: Warum nicht diese Zeit für einen Zahnarztbesuch nutzen? Und so begannen die beiden Schwestern, ein Konzept für ein Zahnärztezentrum in der Nähe des Zürcher Hauptbahnhofs zu entwerfen.

Vor vier Jahren haben sie ihren Traum wahrgemacht: «swiss smile», ein Kompetenzzentrum für Zahnmedizin. Technische Infrastruktur auf dem neuesten Stand, hochqualifiziertes Personal, Zahnärzte, die sich einmieten, und Belegärzte, die für die genutzte Infrastruktur zahlen. Öffnungszeiten: 365 Tage im Jahr, von morgens um sieben bis in den Abend.

Mit dem Konzept war Haleh Abivardi von Bank zu Bank geeilt. Für einmal ohne ihre Schwester, denn Golnar war damals gerade schwanger. «Hätten sie den Bauch von Golnar gesehen, hätten wir als komplett verrückt gegolten», erinnert sich Haleh. Einfach war es ohnehin nicht, für ein so unerprobtes Konzept Unterstützung zu finden. Schliesslich konnten die Zahnärztinnen mit finanziellen Eigenmitteln und einem Kredit der Migrosbank ihr Zentrum eröffnen: mit fünfzehn Angestellten und vorsichtig geschätzten «drei Zufallspatienten pro Tag».

Erfolg in Zürich

Schneller als gedacht wurden aus den drei Patienten 400, und aus den ehemals 15 Angestellten 150 Mitarbeiter. Nur drei Jahre nach der Gründung schrieb das Unternehmen bereits Jahresumsätze im zweistelligen Millionenbereich - genaue Umsatzangaben verweigern die Schwestern. Eines aber verraten sie gern: Der Patientenstamm sei in drei Jahren von null auf 30 000 Namen angewachsen.

Tatsächlich, wie eine Praxis sieht es auch in der «swiss smile»-Klinik im Hauptbahnhof Zürich nicht aus. Überall Fische und Pflanzen an den Wänden, fast könnte man meinen, man wäre in einem Grossaquarium, wenn nicht das gestylte Interieur wäre: dunkel gebeizte Möbel, hier eine Orchidee, dort ein Bonsai, im Hintergrund läuft sanfte Chillout-Musik. Die Angestellten sind zuvorkommend wie in einem Fünf-Sterne-Hotel - eigens für den Umgang mit Patienten haben Haleh und Golnar ein Handbuch verfasst. Der Zahnarztbesuch soll zu einem sinnlichen Erlebnis werden, sagen die Schwestern - im Wartezimmer laufen Filme auf Grossleinwand.

Mittlerweile gibt es auch in St. Moritz einen Ableger der «swiss smile»-Klinik. Und an der Bahnhofstrasse in Zürich haben die Abivardis auf zwei Stockwerken eine Dépendance für Zahnästhetik und Implantologie eröffnet. Unter Stuckdecken und auf Eichenparkett kann man sich dort ein Gebiss verpassen lassen, das mit dem eines Hollywoodstars mithalten kann. Man kann unansehnliche Zähne mit Veneers (hauchdünnen Keramikschalen) verkleiden lassen oder Pink-Esthetics (Zahnfleischkorrekturen) verlangen.

Stars unter den Verschönerungsangeboten sind unsichtbare «lingual brackets», Zahnspangen aus hochwertigen Legierungen, mit denen die Zahnreihen von innen in Reih und Glied gebracht werden. Sie sind so teuer wie ein sehr gut ausgestatteter Kleinwagen. Die Kundschaft: Manager in gehobener Position, denen ein schiefes Lächeln die Karriere kosten kann.

Das Gebiss als Sozialausweis

«Früher ging man zum Zahnarzt, weil man Zahnweh hatte. Das hat sich geändert. Heute sind gesunde Zähne fürs Wohlbefinden zentral und optisch schöne Zähne ein Garant fürs Selbstbewusstsein», sagen die Zahnärztinnen.

Das Gebiss als Sozialausweis, die Zähne ein Lifestyleobjekt? Das hören die Abivardis nicht so gern. Sie wollen ihre Arbeit nicht auf die Ästhetik reduziert sehen. Im Vordergrund gehe es um die Zahngesundheit. Kranke Zähne und ungesundes Zahnfleisch führten zu einer Reihe von Folgekrankheiten. «Nur lockt man mit dem Stichwort ‹schöne Zähne› eben mehr Menschen an», gibt Haleh freimütig zu.

In London bieten die Schwestern ein Bleaching für «nur» 175 britische Pfund (rund 350 Franken) an. Das sei, so schreibt der «Telegraph», ein «Bruchteil dessen, was man sonst zahlen würde». Londons «swiss smile clinic» wurde vor wenigen Monaten eröffnet. Die Mitarbeiter wurden von den Abivardis weitergebildet, denn in der Zahnmedizin, so Haleh Abivardi, «sind Schweizer Ausbildung und Behandlung ein Markenzeichen erster Güte». In England werden die Schwestern begeistert aufgenommen, Zeitungen wie der «Daily Telegraph» preisen Konzept, aber auch Stilempfinden der beiden Schweizerinnen; manche Blätter bilden gar die Lichtkörper, Stoffe und Accessoires ab, die die beiden für ihre Klinken selbst ausgesucht haben.

Auf nach Dubai. Nun sind weitere Zentren geplant, in Spanien oder in Dubai. Diese ehrgeizige Expansionsstrategie finanzieren die Abivardi mit eigenen Mitteln und den Beiträgen der Investorin BB Biotech Ventures, die 20 Prozent an der Holding der Abivardis hält. Doch die umtriebigen Dentistinnen denken bereits an einen Börsengang. Er ist laut Haleh Abivardi «ab 2010 realistisch».

Keine Verschnaufpause

Auf der To-do-Liste der beiden Schwestern stehen auch viele kleinere Projekte: Präventionsprogramme für heikle Kinderzähne. Weiterbildungsmöglichkeiten für ihre Angestellten. Ganz nebenbei haben sie eine Produktlinie mit schicken Zahnbürsten und Zahnpasten auf den Markt gebracht.

Für Verschnaufpausen gibt es keinen Platz im Leben der Abivardi-Schwestern. Die wenige Zeit, die ihnen bleibt, gehört der Familie. Ihren Männern - Banker der eine, Augenchirurg der andere - und ihren Kindern. Golnar hat zwei, Haleh bekommt im Juni das dritte. Wenn sie nicht auf Achse sind, wird mittags zusammen bei den Grosseltern gegessen. Und will die Tochter nachts mit Mami spielen, weil sie sie den ganzen Tag nicht gesehen hat, klappt Golnar ihre bleischweren Augenlider einfach wieder auf. «Aber das geht ja nicht nur uns so, das sind Situationen, die jede Mutter kennt, die arbeitet», sagt sie und meint es ernst. Augenringe sucht man dennoch vergeblich.

Vielleicht haben Haleh und Golnar Abivardi einfach einen Teint, der sich besser mattieren lässt als der unsrige. Bei Prinzessinnen ist alles möglich.

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