Im Missbrauchsprozess gegen den Sozialtherapeuten vor dem Berner Regionalgericht hat die Anklage eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren und die Verwahrung des Angeklagten gefordert. Die Verteidigung plädiert hingegen für eine stationäre Massnahme.

Einig waren sich Anklage und Verteidigung in der Feststellung, dass der geständige Sozialtherapeut seinen Opfern schweren Schaden zufügte und wegen Schändung, sexuellen Missbrauchs mit Kindern, Pornografie sowie Verletzung des Geheim- und Privatbereichs durch Aufnahmegeräte verurteilt werden soll.

Die Anklage plädierte für eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren, die Verteidigung für maximal 10 Jahre - aufgeschoben zugunsten einer stationären Massnahme. Die Anklage wiederum zweifelt am Erfolg einer Behandlung und plädierte für eine Sicherheitsverwahrung.

Grosse kriminelle Energie

Staatsanwältin Erika Marti sprach von einem "Fall der Superlative". Das Ausmass der Übergriffe sei kaum in Worte zu fassen, nicht nur was die hohe Zahl von Opfern, sondern auch was die extreme Zahl von Missbräuchen betrifft. Diese fanden zum Teil mehrmals täglich statt.

Der Angeklagte habe skrupellos und mit enormer krimineller Energie gehandelt. Als Sozialtherapeut habe er gezielt Stellen angetreten, um seinen pädophile Neigungen auszuleben. Bei den Opfern handle es sich um besonders Schutzbedürftige, die aufgrund ihrer Behinderung niemanden um Hilfe hätten bitten können.

Opfer gingen durch die Hölle

Zugute hielt die Staatsanwältin dem Angeklagten hingegen, dass er im Verfahren ehrliche Aussagen machte, die glaubwürdig schienen. Denn von den 33 meist schwer behinderten Opfern konnten nur zwei befragt werden. Die Anklage stützte sich zudem auf rund 20 Stunden Videomaterial sowie zahlreiche Fotos.

Die Anwältinnen und Anwälte der Privatkläger berichteten in ihren Plädoyers vom Leid der Opfer und ihren Familien. Die missbrauchten Kinder seien durch die Hölle gegangen, hätten das Grundvertrauen in ihr Umfeld verloren und litten zum Teil unter Panik und Angststörungen.

Verteidigung gegen Verwahrung

Der "nicht alltägliche Fall" lasse auch die Verteidigung nicht kalt, erklärte der amtliche Verteidiger John Wyss. Sein Mandant habe vor der Verhaftung "jeden Bezug zur Realität verloren" und den Opfern schweren Schaden zugefügt.

Der Verteidiger plädierte für eine stationäre Massnahme, wie sie das psychiatrische Gutachten empfiehlt. Weil die Gutachterin eine Behandlung für erfolgversprechend halte, seien die Voraussetzungen für eine Verwahrung nicht gegeben.

Der Ruf nach Verwahrung gelte einzig dem "verständlicherweise starken Bedürfnis nach Vergeltung". Wer aber eine stationäre Massnahme als "Kuscheljustiz" bezeichne, habe "keine Ahnung", sagte der Verteidiger.

Denn im Gegensatz zu einer Verwahrung zwinge eine solche Massnahme den Beschuldigten, sich mit seinen Taten auseinanderzusetzen. Zudem werde die Massnahme alle fünf Jahre überprüft.

Eine Freiheitsstrafe soll aus Sicht der Verteidigung für maximal 10 Jahre ausgesprochen werden. Der Verteidiger machte dafür mildernde Umstände geltend - unter anderem wegen des kooperativen Verhaltens des Beschuldigten.

Angeklagter entschuldigt sich

Dieser nutzte am Dienstag die Gelegenheit, um sich vor Gericht bei den Opfern und ihren Eltern zu entschuldigen. "Es ist mir klar geworden, dass die Opfer lebenslang an meinen Missbräuchen leiden werden."

Das Regionalgericht gibt sein Urteil am Freitagnachmittag bekannt.

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