Die wissenschaftliche Untersuchung wurde vorgenommen an Skeletten von Menschen, die ab 1854 von den Behörden in die "Kantonale Korrektionsanstalt Realta" in Cazis in Graubünden eingewiesen wurden, dort starben und bestattet wurden. Menschen abseits der Norm, die als "liederlich", "arbeitsscheu" oder "irre" galten, landeten in der Anstalt.

Neue Untersuchungen ermöglichten nun differenzierte Einblicke in die damaligen Lebensbedingungen und den gesundheitlichen Zustand der zwangsweise verwahrten Menschen am Rande der Gesellschaft. Wie das Bündner Amt für Kultur und der Archäologische Dienst am Montag mitteilten, wurden in Cazis 103 Gräber aus dem 19. und 20. Jahrhundert ausgegraben. Die Grabungen erfolgten im Zuge des Neubaus der Justizvollzugsanstalt "Tignez".

Viele Rippenbrüche

Die Forschungen an den Skeletten zeigt, wie bereits bestehende gesundheitliche Einschränkungen und die blosse Zugehörigkeit zur Unterschicht zur Anstaltseinweisung beitrugen. Erwähnt werden das Stickler-Syndrom, angeborene Syphilis oder traumatisch bedingte Behinderungen.

Aufgezeigt werden konnte ausserdem, dass die Anstaltseinweisungen zu einer weiteren Verschlechterung der Gesundheit führten. Eine markant erhöhte Häufigkeit von Tuberkulose wird mit den Lebensbedingungen in der Anstalt verbunden.

Entdeckt wurde ausserdem eine "extrem" hohe Zahl an Rippenbrüchen. Angenommen wird, dass die vielen schlecht verheilten Brüche auf Gewaltanwendung während der Verwahrung zurückzuführen sind.

1500 "Versorgte" in Graubünden

Laut Bündner Behördenangaben werden durch die Archäologie neue Aspekte der Zwangsfürsorge beleuchtet, die bisher aufgrund mangelnder historischer Überlieferung kaum berücksichtigt wurden.

Aus einer schon im Mai 2017 veröffentlichten Studie über die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen in Graubünden geht hervor, dass in der Korrektionsanstalt Realta etwa 1500 Personen "versorgt" worden sind. 75 Prozent davon waren männlichen Geschlechts. Schweizweit wird von 50'000 bis 60'000 administrativ versorgter Personen ausgegangen.