Einst waren sie Geschäftspartner. Der estnische Investor Timo Sas wollte Ende 2016 die Flotte von Pleite-Reeder Hansjürg Grunder kaufen. Die Verhandlungen waren weit gediehen. Sas hatte die Kaufverträge schon unterschrieben. Beobachter vermuten: Hinter Sas stand Russland, das es auf Schiffe unter Flagge der neutralen Schweiz abgesehen hatte (wir berichteten).

Das bestreitet Sas jetzt gegenüber der «Nordwestschweiz»: «Ich war nie für Russland aktiv. Russland hat nie versucht, die Flotte durch mich zu kaufen.»

Der schillernde Investor geht in die Gegenoffensive. «Die Wahrheit ist, dass mir Hans Grunder anbot, eine Gesellschaft zu kaufen, der eine Schweizer Flotte gehörte und die bald bankrott war. Dies hätte ihm die Möglichkeit gegeben, die Schweizer Regierung übers Ohr zu hauen.» Laut Sas bot ihm Grunder die Flotte weit unter dem angeblichen Wert an. «Wir erhielten von Herrn Grunder die Bewertung für jedes Schiff und er persönlich bestätigte mir, dass die Gesamtschätzung der Flotte bei 300 Millionen Franken lag und dass es eine sehr lohnende Transaktion wäre.»

Sas: «Er wollte Schwarzgeld»

Aber der Preis, für den Grunder ihm die Flotte habe verkaufen wollen, sei weit tiefer gewesen: «Er bot mir die Flotte für 90 Millionen Franken an. Aber von diesem Betrag verlangte er für sich selbst 8 Millionen Euro in cash oder via Offshore.» Sas behauptet also, Grunder habe von ihm Schwarzgeld verlangt. «Er bestand wiederholt auf diesem Bestechungsgeld», so Sas. «Ich bin sicher, er wollte die Schweizer Regierung und mich übers Ohr hauen.»

Der Reeder habe die Flotte sogar heimlich zurückkaufen wollen: «Er liess mich wissen, dass er Investoren in Kanada und in Deutschland habe, die einverstanden wären, Geld zu geben, sodass er die Flotte zurückkaufen konnte.» So oder so: Der Deal kam letztlich nicht zustande.

Die Affäre um die Grunder-Flotte, die den Bund 215 Millionen kostet, wird immer abenteuerlicher. Bei einem Treffen in den Büros seines Anwalts weist Reeder Grunder die Vorwürfe zurück: «Sas lügt. Ich habe nie irgendwelche Provisionen, irgendwelches Schwarzgeld verlangt oder erhalten. Ich habe auch keine Offshore-Konten.»

Laut Grunder verhielt sich die Sache so: 2016 habe ihm eine deutsche Vermittlerin den Esten Sas als Investor empfohlen. «Unser Problem war, dass seit 2008 die Schiffswerte gesunken waren. Wir wollten das investierte Geld und die Arbeitsplätze retten.» Er, Grunder, sei dann mit Sas ins Gespräch gekommen und sogar bei ihm in Tallinn gewesen. «Er hatte dort ein Büro und eine Sekretärin und zeigte mir seine «Linda Line», einen Fährdienst zwischen Tallinn und Helsinki, alles sah überzeugend aus.» Es sei in der Folge vereinbart worden, dass Sas in mehreren Schritten Geld einschiesse und die Holdinggesellschaft mit den Schiffen übernehme. «Zunächst sollte er 8,2 Millionen in die Reederei überweisen, damit wäre er Besitzer von 49 Prozent der Aktien geworden.» In einer zweiten Tranche hätte Sas 7,9 Millionen zahlen sollen, die für die weitere Sicherstellung der Liquidität vorgesehen waren.

Grunder: «Das war klar Betrug»

Schliesslich hätte Sas auch die Schulden der Schiffe übernehmen sollen. Insgesamt, so Grunder, hätte Sas etwa 70 Millionen Franken einschiessen sollen, finanziert von der Sberbank Wien und abgewickelt über die Bank Von Graffenried in Bern, welche als Treuhänder vorgesehen war. Geld kam dann laut Grunder allerdings keines. Im Gegenteil. Er überliess Sas im Sinne eines Testlaufs zwei Schiffe zur Miete, sagt Grunder. Sas wollte die ganze Flotte, aber das war Grunder dann doch zu riskant. Jedenfalls habe Sas mit den Schiffen dann auch Einnahmen generiert. «Zuerst zahlte Sas uns die Charterraten, dann zahlte er sie nicht mehr. Er brachte immer irgendwelche Ausreden, warum das Geld nicht kam», sagt Grunder. Insgesamt sei ihm so ein Schaden von 420 000 Euro entstanden, «durch Veruntreuung von Timo Sas, welcher unser Geld als Privatbezug aus seiner Firma entwendet hat, was klar Betrug ist». Die entsprechenden Kontoauszüge der Banken in Tallinn lägen als Beweis vor. Er sei, im Nachhinein gesehen, naiv gewesen, so Grunder. «Sas’ Geschäftsmodell ist, die Leute einzuseifen und zu schauen, wie er Geld machen kann. Er hat mich übers Ohr gehauen.» Wie von einem Anwalt aus Tallinn zu hören sei, solle Sas in den nächsten Tagen Privatkonkurs anmelden.

Sas wiederum gibt zurück: «Grunder präsentierte bis heute kein einziges Dokument, das seine Behauptung belegt, ich schulde ihm Geld.» Seine Anwälte arbeiteten an einer Klage. Der Este sagt: «Grunder gehört ins Gefängnis.»

Sie schimpfen sich Betrüger. Grunder bestreitet aber, dass er die Flotte zurückkaufen wollte. «Ich sehe mich nicht mehr als Reeder, ich werde dieses Jahr pensioniert, da müssen Jüngere ran.» Bei Sas wäre er, so die Planung, Consultant geworden, sagt Grunder. Was richtig sei: Von der Sas-Lösung hätte auch er, Grunder, insofern profitiert, als er sich erhoffte, 3,9 Millionen Franken zurückzuerhalten. Das Geld komme aus seinem Eigenheim, er habe es in die Firma gesteckt, als es schlecht ging.