Der Auftritt am Mittwoch war typisch für Pierre Maudet (FDP). Nach einer Zeit des Schweigens, der Gerüchte und der Spekulationen war er plötzlich wieder da. Im Lokalfernsehen richtete sich der Genfer Regierungspräsident an «sein» Volk und entschuldigte sich. «Ich habe einen Teil der Wahrheit verheimlicht. Das ist unannehmbar. Ich bedaure es zutiefst.»

Und dann erzählte er, wie es zur von einem Scheich bezahlten Reise nach Abu Dhabi kam und zur Affäre, die die Karriere des 40-jährigen Politstars auf einen Schlag beenden könnte. «Ich plante vor drei Jahren einen Aufenthalt mit meiner Familie in Abu Dhabi, um dem Formel-1-Rennen beizuwohnen.» Er habe von Anfang an auch geplant, die private Reise mit offiziellen Treffen in den Arabischen Emiraten zu verbinden, die mit Genf seit langem freundschaftlich verbunden seien. Noch vor der Abreise im Jahr 2015 habe er bemerkt, dass die Emirate – Kronprinz Mohammed bin Zayed al Nahyan – die Flüge und die Hotels zahlten. Das sei ihm peinlich gewesen.

Dann habe er den ersten Fehler gemacht: Er habe an der Reise festgehalten. Den zweiten Fehler habe er ein halbes Jahr später gemacht, als er einem Journalisten gegenüber dies nicht zugab. Aus Angst vor einer Polemik um seine Familie. So sei er in eine Negativspirale geraten. Aus dieser versucht er sich nun mit einem offenen Brief an die Genfer zu befreien: «Mein Benehmen hat enttäuscht und schockiert», schreibt er und hofft auf ein schnelles Verfahren.

Vorwurf Vorteilsannahme

Letzte Woche hat der für seine Unerschrockenheit bekannte Genfer Staatsanwalt Olivier Jornod ein Strafverfahren gegen Maudet eröffnet. Es geht um den Straftatbestand der Vorteilsannahme. Das Gesetz verbietet es Amtsträgern, einen ihnen nicht gebührenden Vorteil anzunehmen. Wer dagegen verstösst, muss bis zu drei Jahre ins Gefängnis oder eine Geldstrafe bezahlen.

Ein Politiker, der Maudet gut kennt, sagt: «Er fühlt sich nach seinem Geständnis viel wohler. Er ist wieder im Kampfmodus, und das ist seine Stärke. Wenn einer es schafft, aus einer solchen Situation wieder herauszukommen, dann Maudet.»

«Er war der König von Genf», sagt ein anderer Beobachter über Maudet. Noch Ende letzten Jahres wurde er glanzvoll wiedergewählt. Als einziger im ersten Wahlgang. Und dies obwohl die Skandalreise schon bekannt war. Er wurde schliesslich Regierungspräsident.

Ausgerechnet Maudet

Schon vorher muss Maudet der Erfolg zu Kopf gestiegen sein. Er wurde leichtsinnig. In einer internationalen Stadt wie Genf, in der es von steinreichen Scheichs und Oligarchen aus aller Welt wimmelt, würden einem «König» wie Maudet laufend Geschenke aller Art angeboten, sagt ein Kenner der Szene. Aber viele trauten Maudet zu, dass er damit umgehen könne. Er selbst sagt von sich, und das bestätigen selbst Kritiker, es gehe ihm nicht um persönliche Bereicherung. Maudet geht es um Macht. «Traurig», aber auch «wütend» ist ein langjähriger Förderer von Maudet. Er will nicht mit Namen zitiert werden, sagt aber: «Das war dumm und unvorsichtig. Es erstaunt mich, dass ihm das passieren konnte.»

Maudet, der seinen Kampfgeist im Wahlkampf für den Bundesrat bewiesen hat, als er aus scheinbar aussichtsloser Position zur Gefahr für Ignazio Cassis wurde, denkt nicht ans Aufgeben. «Kommt nicht infrage, Forfait zu geben. Ich bin der Typ, der kämpft», sagte er dem Lokalsender zur Rücktrittsfrage.

Seinen Kampf erleichtern die Genfer Institutionen. Die Möglichkeit eines Amtsenthebungsverfahrens gibt es rechtlich nicht. Seine Regierungskollegen können ihm lediglich Dossiers entziehen. Gestern musste Maudet, der eben noch den Papst empfangen hat, seine repräsentativen Aufgaben abgeben. Auch der Kontakt zur Justiz wurde dem Sicherheitsvorsteher entzogen. Seine Ratskollegen stellten sich mit diesen sehr zurückhaltenden Massnahmen hinter Maudet. Die Genfer FDP-Sektion bezichtigte in einer Stellungnahme Maudet der Lüge, nur um ein paar Zeilen später seinen Einsatz für Genf zu loben.

Von einem «Phänomen Maudet» spricht der ehemalige Chefredaktor von «Le Matin», Peter Rothenbühler. Die Genfer hätten Maudet die Reise verziehen. Dass er aber nicht die Wahrheit sagte, wiege schwer. «Die Lüge ist für Politiker eine Todsünde.» Trotzdem könne es sein, dass Maudet diese Krise überstehe.

Das Kantonsparlament wird wohl am 20. September über die Aufhebung von Maudets Immunität befinden. Also auf den Tag genau ein Jahr nach seinem bisherigen Karrierehöhepunkt. Am 20. September 2017 fehlten ihm nur wenige Stimmen für den Einzug in den Bundesrat.