Das Wallis ist ein helvetischer Sonderfall. Nirgendwo sonst ist Bodenbesitz so breit gestreut. Zwei von drei Wallisern sind Eigentümer. Und nirgendwo sonst sind die Bauzonen so überdimensioniert wie hier. Viele Gemeinden haben Bauzonen für die nächsten 50 Jahre ausgeschieden. Bauland wird innerhalb der Familie von Generation zu Generation vererbt.

Vor einem Jahr war die Welt für die vielen Grundeigentümer im Wallis noch in Ordnung: Wer in einer Tourismusgemeinde ein Stück Boden sein Eigen nennen durfte, setzte darauf, früher oder später mit dem Bau einer Ferienwohnung auf seinem Grundstück reich zu werden. Und selbst wer in einer weniger lukrativen Talgemeinde wohnte, hatte in der Regel Land in einer Bauzone und somit Aussichten auf reale Gewinne. Die Banken förderten den Wohnungsbau mit günstigen Krediten nach Kräften. «Das Wachstum der Hypothekarkredite im Wallis ist seit einigen Jahren überdurchschnittlich», sagt Tobias Lux von der Aufsichtsbehörde für den Finanzmarkt (Finma). Im Gegenzug haben die Banken den Boden grosszügig belehnt. «Die Praxis, Grundstücke als Sicherheit und realen Gegenwert für Hypothekarkredite zu akzeptieren, war und ist weit verbreitet», sagt Art Furrer, Hotelier auf der Riederalp.

Dramatischer Umbruch

Solange die Bodenpreise stabil bleiben oder wie in der Vergangenheit deutlich steigen, geht die Rechnung für alle Beteiligten auf: Für die Privaten, die günstig an Kredite kommen. Für die Banken, die ihre Aktiven mit wertvollen Grundstücken absichern können. Und für die Bauwirtschaft, die laufend neue Aufträge generieren kann.

Doch die Zeiten ändern sich rasant. In der Zwischenzeit haben die Unterländer nicht nur den «uferlosen Bau von Zweitwohnungen» im März an der Urne gestoppt. Sie haben im Parlament auch eine Revision des Raumplanungsgesetzes (RPG) durchgedrückt, die das Wallis vor kaum lösbare Probleme stellt. Die Bauzonen müssen massiv redimensioniert und auf die tatsächlichen Bedürfnisse der kommenden 15 Jahre ausgerichtet werden. Im RPG sind zwar Entschädigungen für die von Rückzonungen Betroffenen vorgesehen. Woher im Wallis aber das Geld kommen soll, um die vielen Eigentümer zu entschädigen, ist ein Rätsel.

Verschärfend kommt hinzu, dass auch die Lex Koller, welche den Verkauf von Immobilien an Personen im Ausland limitiert, entgegen ursprünglichen Absichten nicht abgeschafft werden soll. Die Folge dieser Politik auf die Walliser Bodenpreise ist klar: Sie sinken. «Hunderte Papiermillionäre werden faktisch zu normalen Bürgern zurückgestuft», sagt die Zürcher Ökonomin und SP-Nationalrätin Jacqueline Badran. Und zahlreiche Banken stünden vor spektakulären Buchverlusten, welche diese in eine schwere Krise stürzen könnten.

Banken wiegeln ab

«Jetzt bekommen die Banken Angst», sagt denn auch Art Furrer. Sie befürchten, dass die Kreditnehmer nicht mehr zahlen können. Laut Furrer versuchen sie nun, von ihren Kunden neues Geld für die Belehnung zu verlangen. Oder aber sie erhöhen die Zinsen, was aufgrund langfristiger Verträge nicht so einfach sei.

Die Banken selber wiegeln auf Anfrage der «Nordwestschweiz» ab: «Wir haben die Lage im Griff», sagt Jean-Yves Pannatier von der Walliser Kantonalbank. Man halte sich bei der Kreditvergabe an die verschärften Vorschriften der Finma. Konkret: Wer eine Hypothek will, muss mindestens 20 Prozent Eigenkapital mitbringen. Auch Hugo Berchtold, Präsident des Regionalverbandes der Oberwalliser Raiffeisenbanken, glaubt nicht an einen Crash: «Von sinkenden Preisen sind die Walliser Banken nicht alleine betroffen. Das ist ein schweizweites Problem.» Volkswirtschaftsdirektor Jean-Michel Cina (CVP) spricht derweil von einem «Damoklesschwert», das über dem Wallis schwebe. «Ich habe aber noch keine Rückmeldungen von Banken, die deswegen in ernsthafte Schwierigkeiten geraten könnten.»

Finma will kontrollieren

Die Finma wiederum will die Situation der Banken – nicht nur im Wallis – laufend überprüfen: «Das Thema «Hypotheken» bleibt im gegenwärtigen Tiefzinsumfeld ein Gebiet, mit dem wir uns intensiv beschäftigen», sagt Tobias Lux. Dazu gehörten auch Vor-Ort-Kontrollen, die von der Finma oder den mandatierten Prüfgesellschaften durchgeführt werden.