Wolf
Sind Bündner die besseren Schafhirten als die Walliser?

Schafe auf der Alp sollen besser geschützt werden,fordert der Schweizer Tierschutz – und lobt die Bündner. Von Tierschützern lassen sich diese aber nicht gerne den Bauch pinseln.

Daniel Fuchs
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Ungeschützt sind sie Freiwild für den Wolf: Schwarznasenschafe im Wallis.imago

Ungeschützt sind sie Freiwild für den Wolf: Schwarznasenschafe im Wallis.imago

imago stock&people

Das «Della Casa» ist unter Stadtbernern bekannt für Fleischgerichte wie Kutteln und Schweinshaxe. Im Restaurant in Bahnhofsnähe luden gestern aber nicht Freunde von Berner Platte und Metzgete zum Gespräch, sondern Aktivisten des Schweizer Tierschutzes (STS).

Sie präsentierten eine Petition zum besseren Schutz der Schafe auf Schweizer Alpen. Darin fordern sie konsequenten Schutz mit Zäunen, Hirten und Hunden sowie eine Koppelung der staatlichen Sömmerungsbeiträge an die bessere Überwachung der Schafe.

Um die 4000 Schafe liessen jeden Sommer auf der Alp ihr Leben, gerade einmal 200 fielen Wolf, Bär oder Luchs zum Opfer, referierten die Tierschützer. Schlimmer seien Abstürze, Blitzeinschläge oder Krankheiten. Herumirrende Schafe würden im Spätherbst nicht gefunden oder gar vergessen und bei Wintereinbruch qualvoll verenden.

Kurz: «Nicht der Wolf ist des Schafes ärgster Feind», sagte der STS-Präsident Heinz Lienhard. Aber dessen Verwahrlosung.

Bündner Musterschüler

Harte Worte, die sich vor allem an die Schafzüchter im Wallis, im Tessin und in Bern richteten. Dort werden die Hälfte der Alpweiden weder von Hirten bewacht noch durch Zäune oder Herdenschutzhunde geschützt.

Was für ein Unterschied zu den Alpweiden in Graubünden. Die Bündner Schafhalter und Schafzüchter wurden von den Tierschützern in Bern regelrecht zu Tierschutz-Musterschülern geadelt: 81 Prozent der Bündner Sömmerungsweiden würden mit Hirten, Zäunen oder Herdenschutzhunden geschützt, so der STS.

Sogar Esel kommen zum Einsatz. Nur auf 19 Prozent der Bündner Alpweiden seien die Schafe den Angriffen von Raubtieren schutzlos ausgeliefert.

Die Schafzüchter wundern sich über die Zahlen, über die sie selbst gar nicht verfügen. «Im Wallis sind die Verluste durch Wolfsangriffe massiv höher, als es uns der Schweizer Tierschutz weismachen will», sagt der Präsident des Oberwalliser Schwarznasenschaf-Zuchtverbands Daniel Steiert. Viele der Abstürze seien zudem auf den Wolf zurückzuführen, was man aber nicht beweisen könne. «Die Schafe geraten in Panik und rennen in den Tod, wenn der Wolf kommt», so Steiert.

Zum tiefen Schutzanteil der Alpweiden im Wallis sagt er: «Die Topografie im Wallis lässt sich nicht mit derjenigen in Graubünden vergleichen. Unsere Alpen liegen höher, sind kleiner und dadurch schwieriger zu schützen.»

Zahlen, die er nennt, weisen sogar auf einen noch tieferen Anteil geschützter Walliser Weiden hin, als jene des STS: «Bei uns im Wallis sind lediglich 7 Prozent der Weiden schützbar. 30 Prozent sind es gar nicht und bei den restlichen 60 Prozent ist es aus wirtschaftlicher Sicht nicht sinnvoll», so Steiert.

Der qualvolle unnötige Tod

Was aber sagen die Musterschüler aus Graubünden dazu? Dort kommt das Lob der Tierschützer aus Bern nicht gut an. Zwar bestätigt der Präsident des Bündner Schafzuchtverbands, Duosch Städler, den Befund des STS, wonach ein grosser Teil der Weiden geschützt ist.

Das hänge aber vor allem mit den guten Voraussetzungen zusammen. «Wir halten grosse Herden, denn aus wirtschaftlicher Sicht lohnen sich Schutzmassnahmen nur bei ihnen», sagt Städler. Damit sich ein Hirte lohne, müsse eine Herde aus mindestens 600 Schafen bestehen, rechnet er vor.

«In Graubünden haben wir grosse, oft zusammenhängende Flächen, in Bern und im Wallis sind die Weideflächen dagegen oftmals klein», so Städler.

Ob Bündner oder Walliser – die Schafzüchter halten also zusammen. Lieber als erzwungene Schutzmassnahmen des Schafes möchten sie gelockerte Schutzbestimmungen des Wolfs. Das Rezept: der Abschuss.

Für die Tierschützer indes ist der Fall klar: Die Schafzüchter schöben dem bösen Wolf den schwarzen Peter am «qualvollen und unnötigen Tod» in den Bergen zu.

«Lieber», so Heinz Lienhard vom STS, «greifen sie zur Flinte und knallen den Wolf ab, als dass sie die wirklichen Gefahren ernst nehmen und Geld für den Schutz ausgeben.» Er ist überzeugt: Würden die Schafe besser gepflegt und geschützt, liessen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Abstürze oder Krankheiten verhindern und Schafe vor Wolfsangriffen schützen.