Strassenverkehr

Silence, s'il vous plaît! Genfer sagen lauten Autos den Kampf an – drohen nun bald nationale Lärm-Bussen?

Getunte Autos mit lauten Motoren sind bei vielen jungen Lenkern zum beliebten Hobby geworden. Doch für Anwohner sorgen sie damit häufig für Lärm-Plagen.

Getunte Autos mit lauten Motoren sind bei vielen jungen Lenkern zum beliebten Hobby geworden. Doch für Anwohner sorgen sie damit häufig für Lärm-Plagen.

Eine neue Methode soll im Strassenverkehr für mehr Ruhe sorgen. Weitere Kantone zeigen daran Interesse - auch in der Deutschschweiz. Und das Bundesamt für Umwelt denkt sogar laut über nationale Lärm-Radare nach. Wird das Aufheulen der Motore nun vermehrt bestraft?

Und plötzlich war es ruhig. In wohl keiner anderen Schweizer Stadt war die Verminderung des Strassenverkehrs während der Corona-Krise derart ausgeprägt wie in Genf. Denn hier ist das Verkehrsnetz seit Jahren chronisch überlastet. Die Stadt, die in den 30er-Jahren das dichteste Tram-Netz der Welt aufwies, setzte nach dem Zweiten Weltkrieg voll auf den mondänen Autoverkehr, riss die Tramschienen aus dem Boden – und büsst dafür bis heute. Denn der Ballungsraum Gross-Genf, der bis in die Waadt und nach Frankreich reicht, ist in der Vergangenheit massiv gewachsen, und mit ihm auch die Zahl der Fahrzeuge.

Mit den vielen Autos und Töffs kam auch der Lärm. Kein Wunder, sehnen sich nun so manche Einwohner nach den ruhigeren Corona-Zeiten. Nun wagt die Stadt zusammen mit dem Touring Club Schweiz einen neuen Test, um die Geräuschpegel in der Innenstadt zu reduzieren. An der Avenue Wendt im dichten Stadtviertel Servette, nördlich des Bahnhofs Cornavin, steht seit Dienstag für die nächsten zwei Wochen eine elektronische Lärmanzeige.

Mit Hilfe eines akustischen Radars wird der Lärm der vorbeifahrenden Suzukis, Toyotas und Ferraris gemessen. Ist der Lärmpegel in Ordnung, erscheint ein grünes «Merci», ansonsten ein rotes «Bruit» (Lärm). Die Strasse, umringt von Wohnhäusern mit bis zu zehn Stockwerken ist derart stark befahren, dass die Journalisten bei der Präsentation der Innovation Mühe haben, die Antworten der Behördenvertreter zu verstehen. Ähnliche Systeme sind bereits schweizweit im Einsatz, die anhand von lächelnden oder traurigen Smileys zeigen, ob die Geschwindigkeitsgrenze befolgt wird oder nicht.

Tessin, Wallis und St. Gallen zeigen Interesse

Genf bezeichnet sich als Pionierin was die neuen Lärmtests anbelangt. Das stimmt allerdings nicht ganz. Denn vergangenen Herbst fand während drei Wochen ein ähnlicher Test im solothurnischen Metzerlen-Mariastein statt. Der Unterschied: Im Gegensatz zu Genf wurde hier das «Smiley»-System in einer ländlichen Region eingesetzt. Generell herrschen hier idyllisch-ruhige Verhältnisse. Doch beim Dorfausgang in Richtung Challpass heulen regelmässig die Motoren der Autos und Töffs auf.

Test-Installation an der Avenue Wendt im Genfer Quartier Servette, wo viele, mehrstöckige Wohnhäuser stehen.

Test-Installation an der Avenue Wendt im Genfer Quartier Servette, wo viele, mehrstöckige Wohnhäuser stehen.

Laut der SRF-Sendung «Echo der Zeit» waren die Erkenntnisse nach diesem Test eher ernüchternd. Die ausgewerteten Daten hätten keinen Hinweis geliefert, dass die Lenker ihr Fahrverhalten änderten. Sophie Hoehn, Chefin der Sektion Strassenlärm beim Bundesamt für Umwelt, entgegnet, dies sei beim ersten Test auch noch nicht das Ziel gewesen. «Es ging vorerst darum, zu testen, ob die Technologie überhaupt funktioniert.» Bei einem zweiten Test werde man demnächst die Distanzen zwischen Messung und Lärm-Anzeige entsprechend verändern, um hoffentlich eine Veränderung des Fahrverhaltens zu bewirken. Das Bundesamt begleitet das Projekt im Kanton Solothurn und steht mit Genf in Kontakt.

Laut Hoehn sind die Lärmdisplays in Deutschland erfolgreich im Einsatz, so sei man darauf aufmerksam geworden. Und das Interesse bei den Schweizer Behörden sei da. Das Bundesamt habe bereits Anfragen für ähnliche Tests von den Kantonen Tessin, Wallis, St. Gallen sowie von der Stadt Lausanne erhalten. Das sei nicht überraschend, da rund eine Million Einwohner in der Schweiz übermässigem Strassenlärm ausgesetzt seien.

Wenn ein Porsche durch die Nacht rast...

Das Problem ist laut Hoehn, dass es für Wohngebiete zwar durchaus Grenzwerte gibt. «Gemessen wird aber nur ein Durchschnittswert übers ganze Jahr hinweg.» Da helfe es den Anwohnern wenig, dass die Gesamtrechnung stimme, wenn zwanzig Autos den Grenzwert klar unterschreiten, die Kantone Millionen in ruhigere Strassenbeläge investiert haben, man aber durch ein viel zu lautes Sportauto oder einem Motorrad aus dem Schlaf gerissen werde. «Das ist frustrierend», sagt Hoehn.

Heute sind Lärmbussen selten. Sie können nur verteilt werden, wenn unnötiger Lärm verursacht wird, durch starkes Aufheulen des Motors zum Beispiel, oder wenn das in der Autozulassung notierte Dezibel-Maximum nachweislich erhöht wurde. Laut Hoehn werde das Bundesamt für Umwelt mit dem Bundesamt für Strassenverkehr und den Kantonspolizeien Gespräche führen, um diese Situation zu verbessern.

Ob dabei auch eine strengere Bussenregel ein Thema ist, sagt sie nicht. Folgen also nach den Kameras für Tempo-Limiten bald auch Lärm-Radare? «Im Moment sicher nicht», sagt Hoehn. Dafür fehle die rechtliche Grundlage. Zudem habe der Fahrer im Auto keine Anzeige, ob er zu laut unterwegs sei. Vorerst stünde die Sensibilisierung im Fokus. «Aber mittel- bis längerfristig schliesse ich diese Möglichkeit nicht aus.» Massnahmen seien nötig, sagt Hoehn. «Denn in den vergangenen Jahren sind die Autos generell grösser und lauter geworden.»

Die körperlichen Folgen des Lärm

Früher habe sich das Lärmproblem vor allem auf laute Töffs, Oldtimer und Sportautos auf Passstrassen beschränkt, sagt Hoehn. «Nun ist es aber auch in den Innenstädten angekommen.» Deshalb könne der Test in Genf wegweisend für andere Schweizer Städte sein, sagt Hoehn. Zu viel Lärm erzeuge bei den Menschen Stresshormone, insbesondere im Schlaf. Pro Jahr würden hierzulande 400 Menschen deswegen zu früh sterben und 2500 Personen an Diabetes erkranken. Dies sorge für zusätzliche Gesundheitskosten und Wertverluste von Immobilien in der Höhe von 2 Milliarden Franken pro Jahr.

Eine TCS-Studie kam im vergangenen Jahr zum Schluss, dass übermässiger Strassenlärm vor allem durch eine angepasste Fahrweise vermieden werden kann. Am einfachsten ist es, auf eine starke Beschleunigung oder ein starkes Abbremsen zu verzichten, sowie das Autoradio nicht zu laut einzustellen.

Meistgesehen

Artboard 1