Obama
«Sie tun in erster Linie Obama einen Gefallen»

Der türkische Nahostexperte Timor Goksel glaubt nicht an den Erfolg der aktuellen Nahostfriedensgespräche. Damit wolle man lediglich Obama nicht enttäuschen.

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«Sie tun in erster Linie Obama einen Gefallen»

«Sie tun in erster Linie Obama einen Gefallen»

Michael Wrase, Beirut

Der Nahostkonflikt soll in einem Jahr gelöst sein. Ist das realistisch?

Timor Goksel: Als jemand, der die Konflikte im Nahen Osten seit 30 Jahren hautnah verfolgt hat, gehöre ich zu den Skeptikern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei den aktuellen Gesprächen nennenswerte Fortschritte erzielt werden.

Warum?

Goksel: Von beiden Seiten werden weitgehende Zugeständnisse in hoch sensiblen Bereichen erwartet. Diese sind aber erst möglich, wenn vorher beide Seiten ihr Haus in Ordnung gebracht, also ihre internen Konflikte gelöst haben. Das gilt besonders für Abbas in seinem Konflikt mit Hamas. Aber auch Netanjahu muss Rücksicht nehmen auf seine Koalitionspartner, die Siedler.

Dennoch gehen die Friedensgespräche weiter...

Goksel: Weil die Amerikaner dies wünschen. Und weder Netanjahu noch Abbas möchten Präsident Obama enttäuschen. Indem sie nach Kairo kommen, tun sie in erster Linie dem US-Präsidenten einen Gefallen.

Kommen wir zum Libanon, der kürzlich vom saudischen König Abdullah und von Syriens Präsident Assad besucht wurde. Wurde das Ziel erreicht, neue konfessionelle Konflikte zu verhindern?

Goksel: Wir müssen diesen Besuch, dem eine Annäherung zwischen Damaskus und Riad vorausging, als ein temporäres Konfliktmanagement betrachten. Die Lage hat sich entspannt. Eine nachhaltige Lösung des konfessionellen Konflikts zwischen Sunniten und Schiiten wurde aber nicht erzielt. Das müssen die Libanesen selbst tun. Der Bereitschaft dazu erkenne ich nicht.

Das UNO-Tribunal zur Aufklärung des Hariri-Mordes sorgt für massiven politischen Sprengstoff im Libanon. Angeblich soll Hisbollah jetzt angeklagt werden, nachdem vor drei Jahren die Syrer als Schuldige praktisch feststanden. Können Sie die Vorgehensweise des Tribunals nachvollziehen?

Goksel: Das ist eine ganz traurige Geschichte. Niemand versteht die Vorgehensweise des Hariri-Tribunals. Zuerst hatte der deutsche Chefermittler Detlev Mehlis, vielleicht unter dem Eindruck der massiven antisyrischen Proteste, Syrien für schuldig erklärt. Und jetzt ist Damaskus plötzlich unschuldig, und andere Schuldige werden ins Gespräch gebracht. Es ist daher kein Wunder, dass die Unparteilichkeit des Hariri-Tribunals diskutiert und gefragt wird, ob sich fremde Mächte in das Verfahren einmischen.

Saad Hariri hat sich inzwischen in Damaskus dafür entschuldigt, dass er Syrien verdächtigt hatte, und von einer «politischen Anklage» gesprochen, die jetzt vom Tisch sei.

Goksel: Damit hat nun auch Hariri selbst das Tribunal verurteilt.

Im Südlibanon, wo Sie über 10 Jahre gearbeitet haben, soll Hisbollah 40 000 Raketen in Stellung gebracht haben. Stimmt das?

Goksel: Das weiss ich nicht. Mit Sicherheit kann ich Ihnen aber sagen, dass Hisbollah stärker ist als vor vier Jahren. Nicht wegen neuer Raketen, sondern weil sie aus dem Krieg von 2006 gelernt haben. Hisbollah ist, das muss man deutlich sagen, heute eine gegen Israel gerichtete Abschreckungsmacht Irans. Hisbollah ist besser ausgerüstet, besser organisiert, besser getarnt.

Was für Israel erst recht ein Grund sein könnte, diese «iranische Abschreckungsmacht» zu zerschlagen.

Goksel: Die israelische Armee hat im 33-Tage-Krieg von 2006 viel von ihrer Glaubwürdigkeit als Abschreckungsmacht eingebüsst. Das heisst aber nicht, dass die israelische Luftwaffe nicht in der Lage wäre, die Infrastruktur des Libanon in einem halben Tag zu zerstören. Aber zu welchem Preis? Die Libanesen sind nach so vielen Kriegen unglaublich leidensfähig, sie können Schmerzen ertragen, sind gestählt im Überleben. In Israel sieht das anders aus. Ein Krieg wie im Jahre 2006, als die Hälfte des Landes über Wochen paralysiert war, kann sich Israel nicht leisten. Und Hisbollah, das ist sicher, wird in einem neuen Krieg nicht die geringste Rücksicht nehmen.

Um Hisbollah endgültig zu besiegen, müsste Israels Armee wie 1982, als Arafats PLO nach Tunesien vertrieben wurde, bis nach Beirut oder Baalbeck kommen?

Goksel: Das würde nichts nützen. Hisbollah ist mehr als nur eine Miliz. Es ist eine Glaubenslehre, Ideologie. Sie können die-se Organisation vorübergehend schwächen, aber nicht zerstören. Und selbst der Preis für eine vorübergehende Schwächung wäre gewaltig. Im Konflikt mit Hisbollah gibt es für Israel keine militärische Lösung.

Und wie sieht es im Atomstreit mit Iran aus? Israel schliesst Militärschläge nicht aus. Gibt es bald Krieg?

Goksel: Das glaube ich nicht. Es gibt da zu viele Fragezeichen, zum Beispiel: Wie würde Hisbollah dann reagieren? Würden sie dann Israel angreifen? Wird Israel daher vor einem Angriff auf Iran versuchen, die Hisbollah zu zerstören? Ich weiss es ehrlich gesagt nicht. Ausserdem wären in einem Krieg gegen Iran auch die USA, Syrien, viele Länder der Region involviert. Es käme zu einem Flächenbrand.