Kommunikation
Sie tauchen ab: So gehen unsere höchsten Politiker mit Krisen um

Die Kritik prasselt nach dem Bundesgerichtsurteil im «Fall Carlos» von allen Seiten auf Martin Graf nieder. Doch der Zürcher Justizdirektor schweigt. Ebenso auf Tauchstation ging Schneider-Ammann oder der Berner Polizeidirektor Hans-Jürg Käser.

Manuel Bühlmann
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Droht Gefahr, steckt der Vogel Strauss seinen Kopf in den Sand und wartet, bis alles vorbei ist. So jedenfalls besagt es die Redewendung - die allerdings falsch ist. Was in der Natur nicht funktioniert, klappt auch bei Politikern nur selten. Aussitzen ist nicht das, was Kommunikationsexperten in Krisen empfehlen. Dennoch versuchen sich immer wieder Politiker auf diese Weise aus der Affäre zu ziehen.

Die grössten Fauxpas in der Krisen-Kommunikation

Wer im Fokus der Öffentlichkeit steht, bewegt sich auf dünnem Eis. So sollte in Krisen besser nicht kommuniziert werden:
• Vor die Medien treten, ohne Fakten und Details des Falls zu kennen.
• Nur so viel zugeben, wie bereits bekannt ist und versuchen, alles andere unter dem Deckel zu halten.
• Die eigenen Fehler nicht eingestehen.
• Statt einer öffentlichen Entschuldigung nach Ausflüchten suchen.
• Nur schriftlich und in kleinen Dosen kommunizieren, statt sich an einer Medienkonferenz den Fragen zu stellen.

Aktuell geht der Zürcher Justizdirektor Martin Graf auf Tauchstation, der wegen des «Falls Carlos» heftig in der Kritik steht. Lange geschwiegen hat auch Bundesrat Johann Schneider-Ammann: Als die Steuerkonstrukte seiner Firma im Ausland publik wurden, machte er sich gegenüber den Medien rar, äusserte sich erst sehr spät und nur gegenüber der «NZZ» zu den Vorwürfen.

«In der Regel funktioniert aussitzen nicht», sagt der emeritierte Medienwissenschafter Roger Blum. Wer versucht, in einer Krise zu schweigen, sei «auf dem falschen Dampfer». Zu einer proaktiven Kommunikation rät auch Politikberater Mark Balsiger. Nur in den wenigsten Fällen lohne es sich, auf Tauchstation zu gehen.

Allerdings tun sich in einer Krisensituation viele schwer damit, die Dimensionen richtig abzuwägen: «Politiker unterschätzen oft, welche Sprengkraft einzelne Fälle entwickeln können», sagt Balsiger. Im Zeitalter des Onlinejournalismus muss noch schneller auf Vorwürfe reagiert werden. «Weil Onlinemedien rund um die Uhr publizieren können, ist die Krisenkommunikation noch viel komplexer geworden.» Innert weniger Stunden könne aus einer Vermutung eine Vorverurteilung resultieren.

Deshalb rät Balsiger zu einer schnellen Reaktion: «Spätestens innerhalb eines Tages muss zu einer Medienkonferenz eingeladen werden.» Vor dem Schritt an die Öffentlichkeit muss allerdings die Faktenlage geklärt werden. Wer schlecht vorbereitet vor die Medien tritt, riskiert Falschinformationen, was wiederum der eigenen Glaubwürdigkeit schadet.

Die erste Regel lautet deshalb: «Die Fakten müssen alle auf dem Tisch und wasserdicht sein», sagt Balsiger. Wer versucht, die Öffentlichkeit mit häppchenweiser Information zufriedenzustellen, begeht ebenfalls einen Kommunikationsfehler. «Der Worst Case ist, wenn jeden Tag wieder neue Einzelheiten ans Licht kommen», sagt Politikberater Louis Perron.

Sein Rezept: «Alles Negative selber und auf einmal sagen.» Den Kopf koste den Politikern häufig nicht die Krise selber, sondern der Umgang damit. «Kein Kommentar etwa wird oft als Schuldeingeständnis interpretiert.»

Dabei wären die Schweizer durchaus bereit, Fehler zu verzeihen - wenn sich ein Politiker entschuldigt. «Das Büsserhemd anziehen und reinen Tisch machen», empfiehlt Roger Blum. Und Mark Balsiger spricht von der Asche, die es über das Haupt zu streuen gilt. «Die Politiker unterschätzen die Bereitschaft der Leute, zu verzeihen.» Doch auch wenn eine Affäre überstanden ist, etwas bleibt immer hängen. Blum sagt: «Skandale um Personen sind sehr nachhaltig.»