Manche Wörter kommen noch zögerlich über ihre Lippen. «Befürworten?» oder «Anerkennung?», sagt Nicoletta Mariolini halb fragend, wenn sie bei einem Wort unsicher ist. Die Deutschkenntnisse der Delegierten für Mehrsprachigkeit sind ein «work in progress», wie sie es nennt. Mariolini feilt an ihrer Interviewtechnik, nachdem sie bei Sprachaufenthalten in Deutschland das Vokabular erweitert und die Grammatik verbessert hat.

Die Tessinerin spricht Italienisch, hat auf Französisch und Englisch studiert und später Deutsch dazugelernt. Ihre Sprachkenntnisse haben nicht bloss Vorbildfunktion, sie gehören zu den Anforderungen ihres Jobs, den sie seit eineinhalb Jahren ausübt.

Doch was macht eigentlich die schweizweit einzige Delegierte für Mehrsprachigkeit? Sie verstehe sich als Botschafterin. «Meine wichtigste Aufgabe ist, die verschiedenen Partner zu begleiten und zu sensibilisieren – auch ein Netzwerk zwischen den verschiedenen Akteuren aufzubauen, die sich für Mehrsprachigkeit engagieren», antwortet sie auf die Frage.

Ein Annäherungsversuch

Darunter kann man sich nur vage etwas vorstellen. Deshalb hilft ein Blick in die Sprachenverordnung, die der Bundesrat per Anfang Oktober erlässt – und die Mariolini als ihren ersten Erfolg feiert: Sie hat bei deren Ausarbeitung geholfen und sich ihre Ziele so gleich selber neu gesetzt.

Zu diesen gehört, den Anteil der Sprachminderheiten in der Verwaltung zu erhöhen. Neu gelten die Zielvorgaben nicht mehr nur für die Departemente, sondern auch für die nächsttiefere Stufe. «Es gibt Bundesämter, in denen wenig Französisch und Italienisch gesprochen wird», weiss Mariolini. Zahlen gibt sie noch keine preis.

Anfang 2015 präsentiert der Bundesrat die Statistik zur Vertretung der sprachlichen Minderheiten in den Ämtern. Bis dahin sind die Zahlen nicht öffentlich. Mariolini sagt aber: «Wir haben noch viel Arbeit vor uns.»

Niemanden zwingen

In Zukunft würden bei Neueinstellungen die Sprachkenntnisse stärker gewichtet als heute, kündigt Mariolini an. Weiter müssen Kader mindestens zwei Amtssprachen fliessend sprechen und die dritte verstehen. Wieso? Jeder Mitarbeiter muss in seiner Muttersprache arbeiten können.

Mariolini selbst kommuniziert noch in Französisch, weil sie sonst nicht alle verstehen würden. Sie gibt sich aber zuversichtlich, bald auf Italienisch zu wechseln: «Im Rahmen des Auftrags des Bundesrats sollte das möglich werden.» Allerdings ist es so, dass sie niemanden dazu zwingen kann, eine Sprache zu erlernen. Auch Sanktionen stehen ihr nicht zu. «Ich bin eine Motivatorin und keine Polizistin.» Sie müsse mit Softpower Druck ausüben.

Die Schweiz im Kleinen

Tessiner und Romands fordern schon länger, gleiche Chancen für hohe Posten in der Verwaltung zu haben – dort wo Entscheide gefällt werden. Die Delegierte für Mehrsprachigkeit setzte der Bundesrat bereits vor mehr als einem Jahr ein, nicht erst im Zuge der Frühfranzösisch-Debatte.

Der Kampf um Gleichberechtigung wird auch auf anderen Ebenen geführt. So verlangte der Freiburger CVP-Nationalrat Dominique de Buman unlängst, dass im Beschaffungswesen auch die Minderheiten einbezogen werden. Der Nationalrat hat diese Woche de Bumans Antrag zugestimmt, der vom Bundesrat verlangt, dass künftig Ausschreibungen in den drei Amtssprachen veröffentlicht werden müssen.

Mariolini hat hingegen die Gesellschaft als Ganzes im Blick: «Die Mehrsprachigkeit in der Bundesverwaltung bildet die Schweiz im Kleinen ab.» Denn das Erlernen der Sprachen in Schule, Beruf und Uni würden die Mehrsprachigkeit in der Verwaltung erst ermöglichen – und darüber hinaus den Zusammenhalt des Landes.

Wer sich fragt, wo die Rätoromanen bleiben: Die Amtssprachen haben Vorrang. Dass dereinst Kurse in vier Landessprachen angeboten werden, ist maximal «work in progress».