Sozialversicherungs-Detektive

Sie organisiert den Widerstand auf Twitter: Die Schweizerin aus der DDR

Viele ihrer Theaterstücke handeln von der Liebe, ihre Bücher – preisgekrönt – von Versagern und wenig Hoffnungsvollen: Sibylle Berg.

Viele ihrer Theaterstücke handeln von der Liebe, ihre Bücher – preisgekrönt – von Versagern und wenig Hoffnungsvollen: Sibylle Berg.

Die Autorin Sibylle Berg ist der bekannteste Kopf einer kleinen Gruppe, die für das Referendum gegen die Überwachung von Versicherten kämpft. Und sie weiss, wovon sie spricht.

Als «Designerin des Schreckens» hat man sie schon bezeichnet, als eine «über Leichen latschende Schlampe» und eine der «kunstfertigsten Pessimistinnen der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur».

Sibylle Berg schreibt unruhige Romane über stille Menschen. Viele ihrer Theaterstücke handeln von der Liebe, ihre Bücher, preisgekrönt, von Versagern und wenig Hoffnungsvollen. Sie beschreibt das Leben düster bis erbarmungslos, erzählt bissig, wütend, ironisch, nimmt ihren Leserinnen und Lesern alle Illusionen und lässt sie trotzdem noch an das Gute glauben.
Sie polarisiert, man liebt oder hasst sie, gleichgültig lässt sie kaum jemanden. Sibylle Berg ist Schriftstellerin, Kolumnistin, Reporterin, Dramatikerin und jetzt auch noch Polit-Aktivistin.

Die über 70'000 Follower ihres Twitter-Accounts mit der Unterzeile: «Kaufe nix, ficke niemand», forderte sie letzte Woche auf, das Referendum gegen die Überwachung von Versicherten zu ergreifen.

Die Empörung hat Sibylle Berg mit anderen zusammengebracht: «Manche treffen sich beim Bier und machen ein Referendum, andere treffen sich auf Twitter.» Mitte März winkte das Parlament im Eiltempo die gesetzlichen Grundlagen durch, die den Sozialversicherungen weitreichende Befugnis für Observationen durch Sozialdetektive ermöglicht, die auf alle Schweizer Bewohnerinnen und Bewohner ausgeweitet werden kann: neben den Versicherten bei der Unfall- und Invalidenversicherung auch auf jene der AHV, Krankenversicherung und Arbeitslosenkasse.

DDR hat Vertrauen zerstört

Während die linken Parteien weiter hadern, ob sie doch noch das Referendum dagegen ergreifen wollen oder ihre eigenen Wähler, die wie Bergs Romanfiguren nicht alle hoffnungsvoll sind, reich und schön, mit fadenscheinigen Argumenten trösten, ist eine kleine und lärmige Gruppe aktiv geworden.

Das sind der Anwalt Philip Stolkin, der 2016 vor dem Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg ein wegweisendes Urteil gegen den Einsatz von männlichen und weiblichen Sozialdetektiven erwirkte, und der Campaigner Dimitri Rougy, gerade mal 20 Jahre alt.

Und da ist Sibylle Berg. Es gehe bei der Frage nicht um links oder rechts, sagte sie gegenüber diversen Schweizer Medien, sondern um die Frage: «Wer prüft diese Menschen? Nach welchen Kriterien wird vorgegangen? Ist es der Nachbar, der mich schon zehnmal verzeigt hat?» Solche Gedanken förderten das Misstrauen in einer Gesellschaft.

Man stelle nicht nur alle Bürger unter Generalverdacht, sagte sie weiter, sondern sie könnten nach Stasimanier überwacht werden. Denn nicht immer ist es auf Anhieb so, wie es scheint. «Auch wenn ich krankgeschrieben bin, darf ich spazieren oder einkaufen gehen.»

Die DDR sei ein gutes Beispiel, wie das Vertrauen unter Bürgern zerstört worden sei. Sibylle Berg, 55 Jahre, muss es wissen. Erstens ist sie in den Sechzigern in der ehemaligen DDR geboren und aufgewachsen. Ihre Mutter war alleinstehend, ohne Arbeit und alkoholsüchtig.

Sie habe oft Angst gehabt, ins Heim zu kommen, sagte Sibylle Berg später einmal. Lesen und den Rhythmus der Sprache lernte sie bei einem entfernt verwandten Musikprofessoren-Ehepaar. Nach der Schule bildete sie sich zur Puppenspielerin aus, besuchte oft das Weimarer Kaffeehaus, in dem sich viele trafen, welche die DDR verlassen wollten.

Fünf Jahre vor dem Mauerfall und mit 22 Jahren schrieb Sibylle Berg einen Brief an Erich Honecker, den Vorsitzenden Staatsrat: Sie wolle in den Westen. Daraufhin läutete die Stasi an der Tür, sie verlor ihre Stelle im Puppenspieltheater, man lud sie zum Verhör ins Innenministerium. Gebracht habe es wenig, sagte sie später: «Damals konnte ich noch weniger reden als heute, nämlich gar nicht.»

Ein paar Monate später klappte es trotzdem: Sie reiste nach Westberlin aus, lebte von der Sozialhilfe, zog nach Hamburg, arbeitete als Gärtnerin, Putzfrau, Sekretärin und Versicherungsvertreterin.

Zweitens hatte Sibylle Berg selbst mal einen schweren Unfall. Als sie 1991 Weimar besuchen wollte, überschlugsich ihr Auto mehrfach und entstellte ihr Gesicht. Es waren 22 chirurgi-
sche Eingriffe nötig. Sie weiss also, was es heisst, beobachtet und angestarrt zu werden.

Die Schweiz ist ein guter Ort

Seit 22 Jahren lebt die Autorin in Zürich, einer Stadt, die für sie zur schönsten und angenehmsten gehört. Seit sechs Jahren hat Berg die Schweizer Staatsbürgerschaft, darf abstimmen, sich aufregen, laut werden.

Sie freue sich, hatte sie später gesagt, weil sie die Menschen hier so gerne möge. Und sie jetzt kein Ausschaffungswägeli mehr abholen könne. Nach ihrer Flucht aus der DDR und erstmals in der Schweiz hatte sie folgende Szene beobachtet: Ein alkoholisierter Mann war auf der Bank einer Bushaltestelle eingeschlafen. Ein Polizist legte ihm ein Kissen unter den Kopf und deckte
ihn zu.

Die Schweiz als Ort, an dem niemandem etwas zustossen kann. Berg sagt: «Es gibt keinen Grund, die Menschen in der Schweiz gegeneinander aufzuhetzen und Misstrauen zu säen.»
Nun kämpft sie unruhig für die stille Freiheit mit Ironie und den Worten, die ihr in der DDR noch fehlten.

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