Bundesratsserie

«Sie isch eusi Doris blibe»: Besuch in Leuthards Heimatgemeinde

Bundespräsidentin Doris Leuthard stammt aus Merenschwand im Freiamt. Das bodenständige Dorf kämpfte einst gegen neuartiges Gedankengut. Ein Ex-Lehrer von Leuthard gerät derweil ins Schwärmen.

Ding-dong. Die Schule ist aus. Kaum ertönt der Gong der Glocke, hüpfen die Merenschwander Dorfkinder vergnügt aus dem Schulhaus. Endlich Ferien! Oben, im zweiten Stock des modernen Betonbaus, legt Sekundarlehrer Markus Strebel an diesem Freitag vor zweieinhalb Wochen die Kreide weg. Nach 44 Jahren Unterricht ist für ihn für immer Schluss: «Ein Glückstag», sagt Strebel. Gegen 700 Schüler habe er geformt, nun müsse er «abefahre», die Energie vollständig aus seinem Körper lassen. Der Lehrerberuf sei kräfteraubend, hektischer geworden mit der Zeit.

Strebels berühmteste Schülerin sitzt heute im Bundeshaus. Bundespräsidentin Doris Leuthard besuchte 1974 bei ihm die 1. Klasse. «In ihren Aufsätzen spürte man, dass am Familientisch fundiert über Politik gesprochen wurde», erinnert sich das Lehrer-Urgestein. Politik gehörte in der Familie zum Alltag. Leuthards 2016 verstorbener Vater war jahrelang Gemeindeschreiber und Aargauer CVP-Grossrat. Hinter den Kulissen habe er die Gemeinde gelenkt, erzählt man im Dorf. Obschon von Haus aus kein Jurist, habe er alle Verträge verfasst.

Geheimwaffe des Landmädchens

Im Gegensatz zum Vater lernte die Tochter das juristische Handwerk. Auch sonst stand sie ihm in nichts nach: Mit einer schlanken, steilen Karriere schaffte es die gebürtige Merenschwanderin früh – 43-jährig – in die Landesregierung. «Sie hat die gottgegebene Gabe, herzlich auf die Leute zuzugehen», verrät Strebel die Geheimwaffe des einstigen Landmädchens. Obschon Leuthard heute im Ausland mit militärischen Ehren empfangen werde, «isch sie eusi Doris blibe», sagt Strebel. Bodenständig und hartnäckig, eine echte Freiämterin eben.

Grosser Empfang in der Heimat: Bundespräsidentin Doris Leuthard in Aarau und Merenschwand.

Grosser Empfang in der Heimat: Bundespräsidentin Doris Leuthard in Aarau und Merenschwand. (Archiv/Dezember 2016)

Obschon sie an diesem Tag eigentlich ihre Bundesratskollegen durch Luzern und Obwalden führt, begleitet einen Leuthard gut gelaunt durch ihre Heimat: als fraushohe Silhouette auf einer silbernen Tafel am Schulhaus, als lächelndes Konterfei auf einer noch viel grösseren Skulptur vor dem Ortsmuseum. Und auch vor dem Restaurant «Huwyler», in dem Leuthard hin und wieder ein Erdbeertörtchen mit ihrer Mutter isst, steckt ein bronzenes Schild im Boden: «Wahl vom 14.  Juni 2006 Bundesrätin Doris Leuthard», steht drauf – auch schon wieder eine Weile her.

Geklaut im Morgengrauen: Weshalb die Leuthard-Skultptur aus Merenschwand – vorübergehend – beim AKW Beznau stand.

Geklaut im Morgengrauen: Weshalb die Leuthard-Skultptur aus Merenschwand – vorübergehend – beim AKW Beznau stand. (Archiv/Oktober 2016)

Doch nicht eine strahlende Politikerin, sondern ein grimmiger General ist Merenschwands berühmteste Figur: Heinrich Fischer, Anführer des Freiämter-Aufstands, sammelte am Morgen des 5. Dezember 1830 vor seinem Wirtshaus «Schwanen» die ersten Freiwilligen. Schliesslich zog der General mit 6000 bewaffneten Aufständischen nach Aarau. Sie besetzten das Zeughaus, umstellten das Regierungsgebäude und erzwangen Verhandlungen mit der Regierung. Die katholisch-konservativen Freiämter fühlten sich von der liberal-reformierten Regierung im von Napoleon neu geschaffenen Kanton Aargau gepiesackt. Sie kämpften gegen dessen aufklärerische Ideen und wollten ihre althergebrachte Lebensweise wieder zurück. Fischer und seine Mannen nahmen Aarau am 6. Dezember kampflos ein. Genützt hat es allerdings wenig, das liberale Gedankengut setzte sich im Aargau durch. Noch heute aber fühlen sich ältere Dorfbewohner der Innerschweiz stärker verbunden als dem Mittellandkanton.

Die Reuss ist keine Grenze mehr

Die Zeiten, in denen die Reuss quasi eine Religions-Grenze bildete und die Merenschwander keinerlei Kontakte ans andere Flussufer pflegten, seien längst vorbei, versichert Ortsvorsteher Hannes Küng. Heute ist Merenschwand eine moderne Pendlergemeinde. Verkehrstechnisch günstig gelegen zwischen Luzern, Zug und Zürich. Die Gemeinde erlebte jüngst ein starkes Wachstum: Hatte sie 1960 erst 1266 Einwohner,

so sind es heute 3500. Kein Wunder, denn die Bodenpreise und der Steuerfuss sind vergleichsweise tief. Mit den Neuzuzügern kamen auch die anderen Parteien: Die CVP-
Hochburg geriet ins Wanken. Heute macht die SVP am meisten Stimmen im Dorf.
Nicht alle Neuzuzüger beteiligen sich am Dorfleben, gibt Küng zu. Doch Merenschwand ist immer noch mehr als nur ein Schlaf- und Rückzugsgebiet: Rückgrat der Gemeinde ist das rege Vereinsleben. Der Turnverein hat gut 500 aktive Mitglieder. Auch Leuthard tanzte früher als fesches Mädchen in der Damenriege, für die sie sich sogar als Präsidentin engagierte. Auch «d’Musig» und der Schützenverein sind wichtige Stützen der Dorfgesellschaft.

Und dann ist da dieser ohrenbetäubende Lärm: Ein Auto nach dem anderen braust durchs Dorf. Trotz guter öV-Anbindung setzen die meisten hier weiterhin auf ihre eigene Blechbüchse. Auf den drei Verkehrsachsen, die den Ort durchschneiden, kommt es abends häufig zum Infarkt. Auch die Verkehrsministerin und ihr Ehemann Roland Hausin tragen dazu bei. Sie kommen mit Tesla und BMW ins Dorf. Hausin aus dem zürcherischen Horgen, wo er eine führende Rolle beim Chemiemulti Dow innehat. Sie aus der Bundesstadt. Zusammen verbringen sie das Wochenende in einem Anwesen mit grosszügigem Garten und unverstelltem Blick über ein Maisfeld auf die Innerschweizer Berge. Direkt dahinter wohnt Leuthards Mutter, die noch immer die Kleider ihrer Tochter wäscht. Der Bruder wohnt mit seiner Familie im Haus nebenan.

Einer, dessen Herz für das Dorf seiner Kindheit schlägt, der den alten Zeiten aber nicht nachtrauert, ist der Dorfchronist Bruno Käppeli. «125 Bauernhöfe gab es hier», sagt er. Übrig geblieben sind nur noch wenige. Früher hätten sich die Merenschwander im Dorf überwiegend selbst versorgt. Von 25 Läden haben gerade mal zwei überlebt, der Volg und ein Blumenlädeli. Statt Häuser mit Giebeldächern werden heute grosse Siedlungen mit Flachdächern gebaut. «Kistenarchitektur», nennt Käppeli das. Der 79-Jährige filmt seit Jahrzehnten im Dorf. Seine Filme zeigen eindrücklich, wie sich das Freiamt in den letzten 50 Jahren verändert hat.
Apropos Freiamt: Neben Leuthard sitzt noch eine zweite Freiämterin in der Regierung: SP-Magistratin Simonetta Sommaruga ist in Merenschwands Nachbargemeinde Sins aufgewachsen. Ob die Freiämter, wenn sie damals den Aargau schon nicht erobern konnten, nun einfach den Bundesrat zu übernehmen gedenken?

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