Kennt er ihn? Kennt er Michail Chodorkowski persönlich, den aktuell berühmtesten Zuzüger in der Schweiz?

Hinter seinem Bürotisch lächelt der russische Immobilienmakler fein, lächelt noch eine Sekunde länger und sagt dann: «Nein.»

Etwas anderes hätten wir auch nicht erwartet. Russen seien an sich schon diskret, ihre Kreise für Aussenstehende meist verschlossen. Damit wurden wir genug gewarnt.

Und ein russischer Immobilienmakler muss dann sozusagen die doppelte Diskretion wahren.

Sonst wäre er sicherlich nicht der richtige Mann in seinem Metier.

Sergey Sander aber wirkt wie der ideale Mann für einen solchen Posten. Ausserdem scheint er auch alle groben Klischees zu unterlaufen, die solchen Leuten und solcher Tätigkeit gemeinhin entgegengebracht werden.

Der Mann wirkt auf Anhieb vertrauensbildend, offen, so weit er offen sein kann, verbindlich und wohltuend unprätentiös. Sein Blick aus klaren hellblauen Augen weicht nie ab vom Gegenüber.

Der 35-jährige Sergey Sander besitzt eine Immobilienfirma in Montreux, an bester Lage. Dort, wo irgendwo die Frau von Michail Chodorkowski und dessen Kinder wohnen. Sander sagt, neunzig Prozent seiner Kunden sprechen russisch. Und Chodorkowski wäre nicht darunter?

Immerhin ist Sander sehr gut im Bild darüber, wo der Oligarch am Vortag gesehen worden sei (am Paradeplatz in Zürich). Und wieder erinnert sein Lächeln an das perfekte Understatement, das Sander auch bei der Frage an den Tag legte, woher er stamme.

Aus Pensa, einer Stadt in Russland mit rund einer halben Million Einwohner. «Das liegt in der Nähe der Wolga», lächelt Sander - nur ist die Wolga 3500 Kilometer lang, der längste Fluss Europas.

Eine typisch russische und sehr alte Einrichtung hat uns geholfen, Sergey Sander zu kontaktieren und für ein Gespräch zu gewinnen: das System der Empfehlung.

Der Schriftsteller Michail Schischkin empfahl uns der Redaktion der «Russkaja Schwejzarija», einem Monatsblatt von und für Russen in der Schweiz mit hierzulande rund 6000 Lesern. Von da aus wurde der Kontakt nach Montreux geknüpft, zu Sergey Sander.

Er selber hatte so begonnen in der Schweiz: als Journalist, als Mitbegründer der «Russkaja Schwejzarija».

Das sind Lebensläufe, wie sie bei Schweizern kaum zu finden wären: Welcher Journalist wird hierzulande bald Immobilienmakler mit Tätigkeit in der Schweiz, in Monaco oder Deutschland, mit eigenen Baukomplexen in London?

In der Schweiz werden Lebensläufe mit Lebensplänen gleichgesetzt; dass vieles, vor allem viel Erfindungsreiches, gar nicht linear verlaufen kann, ist wohl die Erfahrung vieler Russen.

Darüber redet Sergey Sander nicht. Er verteilt keine Zensuren unterschiedlicher Lebensweisen, schon gar keine herablassenden.

Er bleibt bei seinen Leuten, den Russen, und sagt zu den Schweizern bloss: «Die Angst vor uns ist unbegründet. Es kommen gar keine Massen. Jene, die kommen, sind gut ausgebildet, wissen sich zu benehmen und können ihren Lebensunterhalt mühelos bestreiten.»

Um 7 in Montreux, um 8 Uhr in London, um 10 Uhr zurück

Er verwendet mehrfach einen lapidaren Satz, der erst durch die Wiederholung bedeutungsvolleren Charakter bekommt: «Wir Russen sehen das locker.»

Das heisst, bezogen auf die Wahl eines Domizils in der Schweiz: Ein Ort hierzulande ist lediglich eine Option in einem Strauss von anderen.

Neulich sei ein Russe, erzählt Sander, unmittelbar vor der Entscheidung für ein Anwesen in Montreux gestanden, besuchte dann kurz Marbella in Spanien und kehrte zurück mit dem Vorsatz, sich dort niederzulassen.

Oder in Monaco - sehr steuergünstig, einer der Orte, wo die Zahl der Russen fast am schnellsten wachse. Oder in England. In Portugal ...

«Für uns sind alle Distanzen kurz in Europa», lächelt Sander. Er selber besteigt morgens um sieben in Genf eine Maschine von EasyJet, erledigt in London Geschäfte und ist um zehn zurück zum Aperitif an Montreux' Seepromenade, wo Russen überaus gern spazieren, wo immer es sonnige Promenaden gibt. «Das könnte ich nicht von Moskau aus.»

30000 Franken pro Quadratmeter

«Locker» sieht Sergey Sander auch das eigene Geschäft. Schweizerisch muss es nicht um jeden Preis bleiben. «Ob ich in drei oder vier Jahren noch hier bin», sagt er, «weiss ich wirklich nicht.»

Am Genfersee sei es für Ausländer unmöglich geworden, Häuser zu kaufen - ausser in Montreux.

Hauptsächlich bedingt durch die Lex Koller, während die Zweitwohnungs-Initiative wohl erst in einem bis zwei Jahren richtig durchschlagen werde.

Die Verknappung begünstigt doch zunächst den Makler? Sander lächelt: «Die Preise sind schon verrückt, das ist wahr.»

Im Aargau bewege sich der Quadratmeterpreis um die 5000 bis 6000 Franken für neu gebaute Wohnungen, rechnet er vor, in Montreux stehe man jetzt bei 20 000 bis 30 000 Franken.

Kein Wunder, tummeln sich rund drei Dutzend Makler-Agenturen am Ort. Kein friedsamer Karpfenteich wie im Spa-Park des «Palace», wo sich niedlich auch Gold-, aber keine Raubfische bewegen.

Ein Ende indes ist absehbar. Darum ist Sander längst anderswo tätig. Und die Heimat? Das berühmte russische Heimweh? Hat er nicht das Bedürfnis nach Wurzeln?

«Wir haben eine völlig neue Zeit. Es gibt Internet, Skype», antwortet Sander, «es gibt täglich fünf Direktflüge nach Russland. Nur bei spärlichen Mitteln ist das problematisch.»

In seinem Auto führt uns der Makler herum in Montreux. Es ist kein Protzschlitten, sondern ein - allerdings luxuriös ausgestatteter - Mini, aussen versehen mit den klangvollen Ortschaften, wo Sanders Firma tätig ist.

Einzig dieser Firmenname tönt pompös: «The Leading Properties of the World». Pflegt er also doch ein wenig den «Charme discret de la Oligarchie»?

Sander verneint gelassen: «Zurückhaltung gehört zur Geschäftswelt und ist im Übrigen auch gut-schweizerisch.»

Sander zeigt aufs Hotel Belmont, heute eine Residenz mit mehrheitlich russischen Bewohnern. Dann aufs Restaurant Le Chalet, früher klassisch schweizerisch, heute russisch.

Auf eine Tankstelle mit Autoverleih: «Socar», in aserbaidschanischer Hand, Sponsor des Jazz-Festivals.

Auf eine Privatschule: «Chodorkowskis Kinder gehen auf eine Privatschule.» Auf eine neue Residenz am See: «In Montreux gäbe es noch berühmtere Namen zu entdecken als den von Chodorkowski. Aber sie lassen sich eben nicht finden.»

Wenn man die verschwiegene Gesellschaft kennenlernen wolle, dann müsse man an den russischen Dezember-Ball gehen im «Palace»: «Der Preis selektioniert die Leute. Zudem wird ausschliesslich russisch gesprochen. Aber der Ball ist rauschend.»

Dann zeigt uns Sander das edle Speiselokal «Palais Oriental»: Vor kurzem noch das «beste ukrainische Restaurant im Land», sagt er, «geführt von einem Schweizer und von seiner ukrainischen Frau. Die beiden leben heute zwischen Senegal und Monaco.»

In «Harry's Bar», oft kolportiert als Treffpunkt von Russen, sitzt ein farbiges Fotomodell mit Begleiter in der glasigen, frühlingshaften Wintersonne.

Man sieht: Es sind längst nicht mehr allein russische Geschichten. Montreux zieht auch Kasachen an, Usbeken, Araber, vermögende Afrikaner.

Und die Schweizer? Sie sehen es offenbar zunehmend ebenso «locker» und folgen dank solider Konti ihrerseits dem Beispiel des mobilen Daseins über alle Grenzen.

Montreux ist generell ein Spiegel.

Wegen dreierlei Dingen, sagt Sergey Sander, würden sich Russen einen Wohnsitz in der Schweiz überlegen: Stimmt unterm Strich die Rechnung? Stimmt die Sicherheit, in Abwägung dessen, dass es vielen Russen hier schnell auch langweilig werde? Und vor allem: «Erfahren meine Kinder hier eine gute Ausbildung?»

So erweist sich nicht zuletzt eine Vielzahl von Privatschulen als bester Magnetismus für vermögende Russen, nicht vorrangig Steuervorteile.

Wo immer solche Schulen angesiedelt sind, auch Privat-Internate wie am Rosenberg in St. Gallen, in Zuoz oder Zug, finden sich Russen. Liegt erst noch ein gutes Skigebiet in der Nähe, umso eher, wie in Villars.

Das kann mitunter darin gipfeln, dass der Gründer einer exklusiven Privatschule in Moskau seine Kinder selber in Montreux ausbilden lässt.

Das lässt erahnen, wie fatal, ja desolat der Auszug so vieler Russen für das Heimatland bald werden kann. Riesige Mittel fliessen ab. Gut ausgebildete Leute wandern aus. Junge Russen, die im Ausland studieren, kehren nicht zurück.

Vor der altehrwürdigen Bankfiliale der Credit Suisse steigen wir aus. War es etwa hier, als russische Anarchisten einst in Montreux eine Bank überfielen?

Jetzt lacht Sergey Sander. Er, der wohl alles weiss über Russen in Montreux - diese Geschichte aber (die uns Schischkin erzählte) kannte er noch nicht.