Als Bundesratskandidat Ignazio Cassis am späten Dienstagnachmittag das Hearing der CVP-Fraktion verlässt, empfängt ihn eine dicht gedrängte Medienschar. Aber nicht wie sonst üblich ein Journalist aus der Deutschschweiz, sondern ein Korrespondent des Tessiner Fernsehens RSI darf die erste Frage stellen. Auf Italienisch.

Nie in den vergangenen 18 Jahren ist ein Politiker aus dem Südkanton so kurz vor dem Sprung in den Bundesrat gestanden wie FDP-Nationalrat Cassis. Spätestens seitdem ihn die SVP-Fraktion diese Woche mit einer deutlichen Mehrheit zur Wahl empfohlen hat, scheint einem Erfolg am Mittwoch kaum noch etwas im Weg zu stehen. Spannung und Stolz machen sich breit. Von Airolo bis Lugano, über Partei- und Berufsgrenzen hinweg. Die Tessiner in Bundesbern treten selbstbewusst und als geschlossene Gruppe auf.

Das bekommt der Genfer Regierungsrat Pierre Maudet bei seiner eigenen Anhörung vor den Christdemokraten am Dienstag deutlich zu spüren. Als er nach einer auf Italienisch gestellten Frage nur zwei Worte in der lingua italiana sagt und danach wieder auf Französisch wechselt, interveniert der Tessiner CVP-Nationalrat Marco Romano: Maudet soll auf Italienisch antworten. Er will testen, ob die Italienischkenntnisse des Genfers tatsächlich so gut sind, wie dieser in seinem Lebenslauf angibt. «Italienischsprachig zu sein, bedeutet, auf Italienisch zu sprechen, zu denken und zu träumen», sagt Romano auf Anfrage.

Es ärgert ihn, dass Maudet sagt, er könne auch die Interessen des Südkantons vertreten. «Als Genfer kann man nicht behaupten, dass man die Tessiner versteht und sich als Tessiner fühlt.» Es stört ihn, dass die zwei Kandidaten aus der Romandie auf Kosten des Tessins den dritten welschen Sitz verteidigen wollen.

Tessiner Elite ist pro Cassis

Der Druck auf das Parlament, wieder einen Tessiner in die Landesregierung zu wählen, wächst auch ausserhalb des Bundeshauses. Der Präsident des Filmfestivals Locarno, Marco Solari, sagt, die Schweiz missachte den Grundsatz der angemessenen Vertretung der Sprachregionen seit 18 Jahren. «In einem Land mit verschiedenen Sprachen sollte es normal sein, dass eine Person die italienische Kultur vertritt.» Er vertraue auf die Sensibilität der 246 Parlamentarier, den Kanton nicht noch einmal vor den Kopf zu stossen.

Die Präsidentin des Eishockey-Clubs HC Lugano, Vicky Mantegazza, Vertreterin des gleichnamigen, milliardenschweren Familienclans, unterstreicht ebenfalls, wie wichtig die Wahl von Cassis in den Bundesrat für das Tessin wäre. «Das Tessin fehlt seit 1999 in der Landesregierung.» Nach so vielen Jahren sei es Zeit, wieder mit einem eigenen Vertreter in der Exekutive zu sein. «Unser Kanton ist seit Jahren mit Problemen in der Wirtschaft, der Migration und beim Verkehr konfrontiert. Ein Tessiner Bundesrat könnte diese Baustellen mit einer besonderen Aufmerksamkeit und Sensibilität anpacken.» Der ehemalige Fussballnationalspieler Mauro Lustrinelli bringt es kurz und knapp auf den Punkt: «Entweder jetzt oder nie.»

Angst vor Mitte-Rechts-Mehrheit

Gewählt ist Cassis trotz seiner Favoritenrolle noch nicht. Besonders die SP kann sich nicht mit ihm anfreunden. Nachdem Didier Burkhalter (FDP) im Bundesrat zusammen mit Alain Berset (SP), Simonetta Sommaruga (SP) und Doris Leuthard (CVP) während Jahren Mitte-Links-Mehrheiten ermöglichte, fürchten sich die Sozialdemokraten vor einer MitteRechts-Regierung: Ignazio Cassis vertritt deutlich bürgerlichere Positionen als der linksliberale Burkhalter. Auch dass die SVP schon jetzt derart dezidiert auf Cassis setzt, führt bei der SP zu Abwehrreflexen. Die Sorge ist gross, dass ihn die SVP mit einer Umarmungsstrategie zu Dankbarkeit verpflichten will, ähnlich, wie es die Linke 2007 mit der Wahl von Eveline Widmer-Schlumpf getan hat.

Auch der Genfer Bundesratskandidat Pierre Maudet und die Waadtländer Kandidatin Isabelle Moret passen der SP nicht ins Konzept. Parteipräsident Christian Levrat findet, die Freisinnigen hätten es mit ihrem Kandidatenticket vermasselt. «Sie hatten die Gelegenheit, jemanden zu portieren, der alle Kriterien erfüllt. Eine Person, die aus dem Tessin kommt wie Cassis, die eine Frau ist wie Moret und Exekutiverfahrung hat wie Maudet, dazu noch Nationalrätin in Bern war: die ehemalige Tessiner Regierungsrätin Laura Sadis.» Wie sich die SP am Ende positioniert, ist offen. «Wir werden nach den Anhörungen entscheiden», so Levrat.

Recherchen zeigen, dass die Partei in Kontakt mit der CVP getreten ist, um eine Allianz zu schmieden. Die Sozialdemokraten sind aber – zumindest vorläufig – auf wenig Gegen- liebe gestossen. «In der CVP-Fraktion, vor allem bei den Deutschschweizern, herrscht eine grosse Hemmung, jetzt den Tessiner Anspruch zu übergehen», sagt CVP-Präsident Gerhard Pfister. «Insofern glaube ich, dass ein grosser Teil der Fraktion eher für Cassis stimmen wird.» Er gehe aber davon aus, dass die Fraktion am Dienstag alle drei Kandidaten für wählbar erkläre.

Gefahr droht Cassis nicht nur von links, sondern auch von rechts: genauer gesagt von den Landwirten. Beim Hearing des Bauernverbandes, der immerhin 30 Parlamentarier stellt, hat der freisinnige Arzt mit seinen Aussagen zur Landwirtschaftspolitik für Verunsicherung gesorgt. Seine Stellungsbezüge für weniger Protektionismus – also weniger Zölle, weniger Grenzschutz und offenere Märkte – sind schlecht angekommen. Sie befürchten Verluste von bis zu drei Milliarden Franken, sollte sich der Tessiner Kandidat mit seiner Linie durchsetzen.

Auch ausserhalb des Bauernmilieus hat Cassis Gegner, wie sich bei der SVP gezeigt hat: Die SVP-Spitze um Parteistratege Christoph Blocher soll bei der fraktionsinternen Abstimmung ein einstimmiges Resultat pro Cassis angestrebt haben. Trotzdem haben sich elf Mitglieder, dem Vernehmen nach keine Bauern, für Isabelle Moret ausgesprochen.

Termin für die Wahlfeier steht

Die Tessiner Regierung bleibt optimistisch und stellt sich auf einen Wahlsieg von Cassis ein: «Die Regierung wird am Mittwoch mit vier oder gar allen fünf Vertretern in Bern vertreten sein», sagt Präsident Manuele Bertoli. Im Fall einer Wahl von Cassis werden die offiziellen Festaktivitäten am 28. September in Bellinzona stattfinden. Zum Empfang würde die ganze Bevölkerung eingeladen. Für das Tessin ist klar: Die Zeit ist reif.