Die Erleuchtung kostet 190 Franken pro Person und dauert volle sieben Stunden. Stattfinden tut sie diesen Sonntag in der Tonhalle St. Gallen. Und wer sein Ticket bis jetzt noch nicht gebucht hat, der wird das metaphysische Glühen nicht zu sehen bekommen, das Christina Meier – glaubt man ihren Anhängern – bei Anlässen solcher Art zuweilen über das Gesicht flimmert: Das Seminar des selbsternannten 17-jährigen Mediums aus dem Toggenburg ist restlos ausverkauft. Genau wie auch ihre Shows in München, Aarau, Lindau, Winterthur, Bonn und Bern in den vergangen Monaten jeweils ausverkauft waren.

Christina Meier (sie nennt sich in Anspielung auf ihren Wohnort selber «von Dreien») ist der Shooting-Star der spirituellen Szene im deutschsprachigen Raum. Die Verkaufszahlen ihrer Bücher liegen im mittleren fünfstelligen Bereich. Die ehemalige Realschülerin, die sich mit tatkräftiger PR-Unterstützung durch ihre Mutter Bernadette Meier auf den helvetischen Esoterik-Olymp katapultiert hat, rührt darin mit der ganz grossen Kelle an.

Die Teenagerin schreibt über den «historischen Transformationsprozess», in dem sich die Menschheit befinde, über die «Schwingungsfrequenz», die auf dem Planeten zunehme, und über die einzigartige Chance, dadurch zu einem erweiterten Bewusstsein zu gelangen. An ihren Vorträgen spricht sie von einer Zukunft, in der sich Menschen selber heilen und über telepathische Techniken miteinander in Kontakt treten können. Sie spricht davon, wie wir Erdenbürger «vollnarkotisiert» vom Göttlichen getrennt seien und endlich erwachen sollten. Ihre Aufgabe sieht Christina Meier darin, «den Menschen das Licht und den Frieden zurückzubringen». Dann würde sich «das Unlicht» von alleine auflösen.

Das Paradies naht

Religionsexperte Georg Otto Schmid sieht in diesem spirituellen Verständnis zahlreiche Parallelen zur verstorbenen «Fiat Lux»-Sektenführerin Uriella. «Christina Meier ist in manchem die Nachfolgerin von Uriella. Wie Uriella tritt sie gern und oft in den Medien auf. Wie Uriella befeuert sie die Vorstellung vom nahenden Paradies, in dem alles anders und für ihre Anhänger besser sein wird», sagt Schmid. Ein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden sei, dass Meier keine Heilmittel verkaufe oder schwerkranken Menschen Wunderheilungen verspreche. «Was ihre Medienpräsenz und ihre Weltanschauung anbelangt, ist sie mit Uriella aber über weite Strecken auf einer Wellenlänge.»

Anders sieht das Ronald Zürrer, Inhaber des Govinda Verlags, über den Christina Meier ihre Bücher vertreibt. «Ich gehe nicht davon aus, dass Christina die neue Leuchtfigur der Schweizer Spirituellen werden wird, geschweige denn es werden möchte», sagt Zürrer. Christina wolle auch nicht die Anführerin einer Bewegung werden. «Die neue Form der Spiritualität, für die Christina steht, zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass sie die überholten Konzepte von Führerschaft und von religiöser Bevormundung infrage stellt und überwindet», betont Zürrer.

Christina «von Dreien» über Schule und Bildung:

Die Erleuchtete selbst gibt ihrem Verleger recht. Auf Anfrage schreibt sie dieser Zeitung, dass sie Uriella nicht gekannt habe und daher auch nicht viel über sie sagen könne. Grundsätzlich sei es aber wichtig, niemandem einfach so blind zu folgen. «Andere Menschen können uns Ideen, Inputs und Vorschläge geben. Aber nur wir selbst wissen, was der richtige Weg für uns ist.» Ähnlich sieht Christina Meier das punkto Schule: Es brauche Menschen, die neue Impulse gäben, «aber die Zeit der Lehrer ist vorbei», schrieb sie kürzlich auf Twitter. Sie hat ein eigenes Projekt lanciert, mit dem sie das Schulsystem umstellen und die «individuelle Einzigartigkeit» der Kinder ins Zentrum des schulischen Weges rücken will.

Vom neu erwachten Klima-Aktivismus ihrer Altersgenossinnen und -genossen hält die spirituelle Weltverbesserin indes nichts. Diese Streiks würden nur die «Lüge» aufrechterhalten, dass die Klimaerwärmung mit dem durch die Menschheit verursachten CO2-Ausstoss zu tun habe. Das zeigt deutlich: Die volle Erleuchtung hat also auch die junge Frau aus dem Toggenburg noch nicht ganz erfahren. Doch Hoffnung besteht. Denn Lernen, schreibt Christina Meier auf ihrer Homepage, sei ein lebenslanger Prozess. Und das Leben ist mit 17 noch ziemlich lang.