Interview

«Sexueller Übergriff muss gemeldet werden»

Anton Strittmatter vom Schweizer Lehrerverband will die sexuellen Übergriffe bekämpfen.

Anton Strittmatter

Anton Strittmatter vom Schweizer Lehrerverband will die sexuellen Übergriffe bekämpfen.

Anton Strittmatter vom Schweizer Lehrerverband äussert sich zum Fall eines pädophilen Lehrers in Wohlen, dass die Schulen früher sexuelle Übergriffe oft nicht meldeten und dass dies nun kaum noch vorkäme.

Diese Woche wurde bekannt, dass ein Lehrer seinen Schüler sexuell missbraucht hat. Er ist inzwischen geständig. Gibt es Schulen, die trotz Übergriffen schweigen?
Anton Strittmatter: Das war früher gang und gäbe. Heute kommt es kaum noch vor, dass ein Kollegium oder die Schulleitung das Problem verstecken helfen.

Wäre Schweigen gesetzeswidrig?
Strittmatter: Ja, sowohl die Standesregeln des Berufsverbands wie auch Gesetze schreiben vor: Wenn eine Lehrperson oder die Schulleitung Kenntnis von einem sexuellen Übergriff hat, sind sie dazu verpflichtet, es den zuständigen Behörden zu melden.

Was geschieht, wenn die Lehrperson das nicht tut?
Strittmatter: Sexueller Missbrauch ist ein Offizialdelikt. Die Behörden können Amtspersonen, die davon gewusst haben, aber nicht eingeschritten sind, disziplinarisch oder gar strafrechtlich belangen. Ich gehe davon aus, dass heute alle Lehrer und Vorgesetzen ihre Verantwortung wahrnehmen. Gefährlich war ja immer, dass Mitwisser zu lange geschwiegen und sich so mitschuldig gemacht haben. Und dann natürlich kein Interesse mehr an der Aufdeckung hatten.

Im aktuellen Missbrauchsfall behauptet ein Schüler, dass der Lehrer seinen Schützlingen Handys geschenkt hat. Wieso hat die Schulleitung diese Warnsignale nicht erkannt?
Strittmatter: Ich kenne den Fall nicht. Allgemein gilt: Wenn ein Lehrer in seinem Nähe-Distanz-Verhältnis zu seinem Schüler grobe Auffälligkeiten zeigt, muss die Schulleitung eingreifen. Mir sind einige Fälle bekannt, in denen so rechtzeitig Korrekturen vorgenommen werden konnten.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Strittmatter: Ein jüngerer Lehrer hat angefangen, Schülergruppen privat zu Pop-Konzerten nach Zürich und anderswo einzuladen. Die Schulleitung hat ihn damit konfrontiert und klar gemacht, dass das nicht geht.

Was geschah dann?
Strittmatter: In diesem Fall war absolut nichts Pädophiles dabei, sondern eine unreife Art von Kumpelhaftigkeit. Der Lehrer hat verstanden, weshalb das nicht geht, und dann eine gute Balance von Distanz und guter Nähe zu den Jugendlichen gefunden.

Wie können Eltern merken, dass es zu sexuellen Übergriffen gekommen ist?
Strittmatter: Das hängt von der Beziehung zwischen Eltern und Kind ab. Es gibt Kinder, welche zu Hause ihren Eltern keinen Ton sagen. Da müssen sich die Eltern die Frage gefallen lassen, weshalb das so ist. Es gibt aber auch Kinder, die zu Hause Geschichten erzählen, welche sich bei näherer Überprüfung in Luft auflösen. Es ist eine Daueraufgabe von Eltern, eine so gute Beziehung mit ihren Kindern zu pflegen, dass diese weder Wichtiges verschweigen noch Phantasiegeschichten erzählen müssen.

Nicht nur sexueller Missbrauch ist ein Problem, sondern auch Schüler, die ihre Lehrer körperlich angreifen.
Strittmatter: Es gibt solche Fälle - aber das Problem ist nicht flächendeckend.

In einem Fall weigerte sich die Schule etwas zu unternehmen, obwohl die Lehrerin um Hilfe ersucht hat. Wie ist das möglich?
Strittmatter: Das darf nicht passieren. Es gibt aber verschiedene Möglichkeiten, weshalb die Schulleitung untätig bleibt. Die Schulleitung hält die Lehrperson für führungsschwach: Sie beobachtet Fehler in der Unterrichtsführung und Klassenführung. Oder sie beobachtet Grobheiten von den Lehrern, was Disziplinprobleme provoziert. In beiden Fällen müsste das aber auf den Tisch. Ausserdem kann es sein, dass die Lehrperson keine stufen- oder fachgerechten Diplome hat. Dann hat die Schule kein Interesse daran, aktiv zu werden, weil sie Gegenvorwürfe der Eltern befürchtet. Grundsätzlich ist die Schule als Betriebsleitung arbeitsrechtlich dazu verpflichtet, den Lehrern Hilfe zu leisten. Darüber hinaus sollte die Schule als Betriebsleitung eine Klage einreichen, wenn das die Lehrperson wünscht und auch die Kosten voll übernehmen.

Wie hoch ist die Dunkelziffer, bei denen Lehrer die Übergriffe ihrer Schüler nicht melden?
Strittmatter: Ich schätze die auf über 90 Prozent. Zu den üblichen Schamgefühlen - wie bei geschlagenen Frauen - kommt noch der „pädagogische Impetus" dazu. Das heisst, die Lehrer versuchen - manchmal zu lange - das Problem mit erzieherischen Massnahmen zu lösen.

Wie können sich Lehrer vor solchen Übergriffen schützen?
Strittmatter: Abschirmen ist der Anfang vom Ende. Es führt zu noch schlimmeren Verhältnissen und in Burnouts. Einen absoluten Schutz gibt es nie. Es wird immer Schüler geben, welche Grenzen überschreiten.

Lehrer und Schüler geraten in letzter Zeit immer wieder aneinander. Was ist der Grund dafür?
Strittmatter: Dieses Konfliktpotential ist nicht neu und liegt am System. Die Klasse und die Lehrperson bilden - auch an Privatschulen - eine nicht freiwillig gewählte Zwangsgemeinschaft, die an nicht frei gewählten, sondern vom Lehrplan vorgegebenen Aufgaben arbeiten. Das ging und geht nicht ohne Konflikte ab. Zudem stehen Lehrer vor einem einzigartigen Problem innerhalb der Dienstleistungsbranche.

Welchem?
Strittmatter: Kein Dienstleister auf der Welt muss sich fünf Tage die Woche, über Stunden und eingesperrt in einem Raum um 20 Menschen gleichzeitig kümmern. Simultan-Schach ist einfacher. Anwälte, Ärzte, Schalterbeamte oder Bäcker fertigen ihre Klienten einen nach dem anderen ab.

Wollen Sie damit sagen, dass Lehrpersonen zu viel arbeiten müssen?
Strittmatter: Es geht hier nicht um das Quantum, sondern um die Intensität. Der Dompteur mit der gemischten Raubtiernummer im Zirkus - wo ständig rundum und hinter seinem Rücken was läuft - macht das eine Viertelstunde und ist anschliessend geschafft. Lehrer haben diese Präsenz während Stunden aufzubringen. Das gelingt natürlich nur unvollkommen und schafft dann Raum für Konflikte.

Das ist die Konsequenz dieser konstanten Anspannung?
Strittmatter: Lehrer fühlen sich übermässig beansprucht - zu Recht. Neben der Intensität kommt nun auch das Quantum und die Verteilung der Arbeitzeit hinzu. Lehrer aller Stufen arbeiten mittlerweile über 2'100 Stunden im Jahr, in den Schulwochen sind 60 Stunden keine Seltenheit. Und trotzdem bleibt zu wenig Zeit für die Vor- und Nachbearbeitung der Lektionen und für notwendige Absprachen untereinander. Zunehmend mehr Arbeitszeit geht für Sitzungen, Reformprojekte, Elternkontakte und Administration drauf. So zeigt denn die neueste Arbeitszeituntersuchung, dass immer mehr Lehrpersonen ihr Lektionenpensum zum Wohle ihrer Gesundheit und seriöserer Arbeit reduzieren, obschon sie dann immer noch um 20-30 Prozent mehr arbeiten, als ihnen besoldungsmässig abgegolten wird.

Das heisst: Lehrer möchten ihr Pensum reduzieren, um einem Burnout-Syndrom vorzubeugen?
Strittmatter: Ja.

Viele Pädagogen sagen, dass Eltern die Arbeit der Lehrer zunehmend erschweren und so die Überbelastung noch verschärfen. Teilen Sie diese Einschätzung?
Strittmatter: Die Rolle der Eltern und die Zusammenarbeit mit der Schule haben sich verändert. In den fünfziger und sechziger Jahren herrschte eine grosse Übereinstimmung unter den Eltern und Lehrpersonen über die wichtigsten Werte, über was gut und böse und anzustreben und zu unterlassen sei. Das hat nach 68 ganz stark geändert. Der kulturelle Zusammenhalt hat - nicht erst seit der Migrationswelle - abgenommen. Es ist schwieriger geworden, sich als Lehrer in der Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Ansprüche an die Schule zurechtzufinden. Die Lehrerschaft ist richtigerweise auch ein Abbild der gesellschaftlichen Vielfalt. So müssen heute die pädagogisch nötigen Übereinstimmungen erst mal erarbeitet werden.

Eltern und Lehrer ziehen somit nicht mehr am selben Strang.
Strittmatter: Ja, man kann keine Selbstverständlichkeiten mehr voraussetzen. Es ist viel Arbeit zu leisten, um alle Eltern für ein paar wichtige Werte und Regeln für den Schulbetrieb und für den Umgang mit Disziplinproblemen zu gewinnen.

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