Porträt

Sepp Blatter, ein Machtmensch mit Charme

Ein Auftritt, wie ihn Sepp Blatter liebt: 2008 eröffnet der Präsident ein von der Fifa gesponsertes Trainingszentrum nahe der georgischen Hauptstadt Tiflis.Badri Ketiladze/Keystone

Ein Auftritt, wie ihn Sepp Blatter liebt: 2008 eröffnet der Präsident ein von der Fifa gesponsertes Trainingszentrum nahe der georgischen Hauptstadt Tiflis.Badri Ketiladze/Keystone

Der Fifa-Präsident tritt mit der Überzeugung ab, ein globaler Gutmensch zu sein, der doch nur den Frieden wollte.

Fifa-Präsident Sepp Blatter (79) beherrschte die Machtpolitik im internationalen Sport wie kaum ein anderer. Ein Machiavelli des 21. Jahrhunderts. Er ist mit ziemlicher Sicherheit nicht korrupt. Vielleicht ist er deshalb gescheitert. Die Würdigung einer Weltkarriere, die gestern zu Ende gegangen ist.

«Ich liebe die Fifa mehr als alles andere»: Sepp Blatter kündigt in einer ausserordentlichen Medienkonferenz am Dienstag seinen Rücktritt als Fifa-Präsident an.

«Ich liebe die Fifa mehr als alles andere»: Sepp Blatter kündigt in einer ausserordentlichen Medienkonferenz am Dienstag seinen Rücktritt als Fifa-Präsident an.

Wir können es ganz banal sagen: Sein erstes Amt im Sport war ein Beziehungsdelikt und auch sein letztes Amt war eines. Er verdankt den Aufstieg zum mächtigsten Mann der Sportwelt seiner Fähigkeit, Menschen für sich zu gewinnen. Beziehungen zu knüpfen. Sepp Blatter ist ein Machtmensch mit dem Auftreten eines Biedermannes. Kein Blender, der sich Feinde und Neider schafft, rhetorisch ein bisschen linkisch, fast ein wenig unbeholfen und bisweilen ein wenig an Inspektor Columbo mahnend.

Die Gegner haben ihn unterschätzt

Er ist ein Mann, der es versteht, jedem Gesprächspartner das Gefühl zu vermitteln, gerade der wichtigste Mensch in seinem Leben zu sein. Und er hat ein phänomenales Gedächtnis für Menschen. Als er nach seiner Wiederwahl am letzten Samstag sagt, er vergebe, aber er vergesse nicht, dürften einige Herren erschrocken sein. Typisch für Blatter ist eine Szene aus dem letzten Jahr. Er wird von Jean-Claude Schertenleib, einem Journalisten der Westschweizer Zeitung «Le Matin» interviewt. Er kennt den Mann aus dem Umfeld von Xamax, hat ihn aber seit Jahren nicht mehr gesehen. Er begrüsst den Interviewer mit den Worten. «Schön, Sie zu sehen. Wir haben doch beide am gleichen Tag Geburtstag.» Und es stimmte. Das ist Sepp Blatter. Seine Gegner haben ihn immer unterschätzt. Bis ganz zuletzt.

Ist verletzt: Die Tochter von Sepp Blatter kritisiert die öffentliche Haltung gegenüber ihrem Vater.

Ist verletzt: Die Tochter von Sepp Blatter kritisiert die öffentliche Haltung gegenüber ihrem Vater.

Sein Karriereanfang beginnt mit einem Beziehungsdelikt. 1963 wird Josef Kuonen aus Visp als Präsident des Schweizerischen Eishockeyverbandes gewählt. Er macht einen 28-jährigen Mann aus seinem Dorf zu seinem Generalsekretär. Sepp Blatter. Auf dem Umweg durch die Privatwirtschaft in der Marketingabteilung des Uhrenherstellers Longines wird er im Sommer 1974 Entwicklungsdirektor der Fifa. Es ist der Anfang einer Weltkarriere. Er bereist sozusagen alle Fifa-Mitgliederländer, vor allem auch jene, die in Asien oder Afrika der Entwicklung bedürfen. In dieser Zeit knüpft er jenes Netz der Beziehungen, das nie mehr reissen wird und ihm letzte Woche noch einmal die Wiederwahl ermöglicht hat. Er hatte früher als alle erkannt, dass nicht die Europäer den Fifa-Präsidenten machen. Sondern die Afrikaner, Asiaten, Süd- und Mittelamerikaner. 1981 wird er Generalsekretär der Fifa und 1998 wird er als Nachfolger des Brasilianers Joao Havelange Fifa-Präsident.

Blatter – der Entwicklungshelfer

Der freundliche, gute Mensch aus der Schweiz, der Entwicklungsgelder bringt, ist aber auch ein Machiavellist. Dieser Vergleich mag klischeehaft sein. Aber wenn wir den Aufstieg von Sepp Blatter verstehen wollen, kommen wir eben nicht am grossen Politiker, Philosophen und Schriftsteller aus dem Florenz der Renaissance vorbei. Er hat den Begriff Machiavellismus geprägt: Machtpolitik mit Ausnutzung aller Mittel. Seine Bücher sind noch heute die Gebrauchsanleitung zu jeder politischen Karriere. Tief im Herzen möchten alle Politiker kleine Machiavellis sein. Nur ganz wenige sind es mit Leib und Seele. Einer davon ist Sepp Blatter. Aber er ist ein sanfter Machtmensch mit Charme, Schlauheit und einer Mission. Und letztlich ist er mit ziemlicher Sicherheit genauso wie Niccolò Machiavelli unbestechlich und erliegt nie der Sünde der Gier.

FIFA-Präsidentenwahl: Was denken die alten Fussballkollegen über Sepp Blatter?

Das hätten selbst seine alten Fussballkollegen aus dem Wallis nicht gedacht – am 29. Mai haben sie noch auf ihren Sepp angestossen und waren überzeugt, dass er noch einmal als Fifa-Präsident brilliert.

Traum vom Friedensnobelpreis

Die ein bisschen naive Vorstellung, mit dem Fussball die Welt zu retten, treibt ihn um und sein Traum, der unerfüllt bleiben wird, war der Friedensnobelpreis. Er hat einmal gesagt, auf der Leiter nach oben solle man mit allen Menschen freundlich sein. Vielleicht müsse man ja die Leiter wieder einmal hinabsteigen. Wären nur Macht und Gier seine Antriebskräfte gewesen, dann wäre er früh gescheitert. Wer gierig ist, macht Fehler und dann lassen ihn andere bald nach ihrer Pfeife tanzen. Sepp Blatter war mit ziemlicher Sicherheit nie korrupt. Gerade deshalb war er unangreifbar. Auch das ist typisch Sepp Blatter: Mit rührend wirkender Naivität nannte er in einem Zeitungsinterview seine jährliche Spesenpauschale von einer Million. Er spielte, wenn es um seine ganz persönlichen Verhältnisse ging, mit offenen Karten. Seine Kritiker liefen ins Leere.

Ab 1981 war Sepp Blatter als Generalsekretär der zweite und ab 1998 als Präsident der erste Mann der Fifa. Und doch ist die Fifa, so wie wir sie heute kennen, nur bedingt sein Werk. Es geht ihm wie jemandem, der ein Löwenbaby aufzieht und hätschelt und dann irgendwann ein ausgewachsenes Raubtier in seiner Wohnung hat. Es ist reichlich vermessen, den Mann an der Spitze für den Sumpf der Korruption verantwortlich zu machen. Er hatte nicht mehr die Machtmittel, wohl auch nicht mehr die Energie, um die Ordnung durchzusetzen. Die Fifa ist weder eine öffentlich-rechtliche Institution noch eine Aktiengesellschaft. Sondern bloss ein Verein nach Art. 60ff. unseres Zivilgesetzbuches und daher ohne strenge Auflagen für Bilanzierung, Buchführung, Gewaltentrennung und Transparenz. Ein global operierender Milliardenkonzern mit der Rechtsform eines Vereins – eigentlich ein Wahnsinn.

Der lange Arm der US-Justiz

Und nun ist er doch gestürzt worden. Oder besser: Er hat sein Amt niedergelegt. Auch Machiavelli ist schliesslich gescheitert. Sepp Blatter hat jetzt wohl erst in vollem Umfang begriffen, was in seiner Fifa wirklich läuft und was ihm droht. Eine gewisse Naivität, die ihn vor dieser Erkenntnis geschützt hatte, machte es möglich, dass die Fifa geworden ist, was sie ist. Vor dem langen Arm der US-Justiz ist er nur noch in der Schweiz sicher. Weil die Schweiz keinen Schweizer Bürger an eine andere Macht ausliefert. Aber wenn er nur nach Deutschland reist, riskiert er Verhaftung und Auslieferung in die USA. Ein Mann, der nicht mehr reisen darf, kann auch nicht mehr Fifa-Präsident sein. Sepp Blatter tritt mit der Überzeugung ab, ein globaler Gutmensch zu sein, der doch nur den Frieden und die Freude am Spiel wollte. Vielleicht war er das in seinem Herzen eben doch ein wenig. Deshalb ist er so mächtig geworden und deshalb ist er am Ende doch gescheitert.

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