Jenische
Selten erwünscht: Seit Jahren kämpfen Fahrende in der Schweiz für ihre Rechte

Von Frühjahr bis Herbst ziehen sie durchs Land und suchen Arbeit – sie treffen vor allem auf Vorurteile. Dabei gibt es an den vorhandenen Standplätzen kaum Probleme. Damit alle Fahrenden über den Winter unterkommen, bedürfte es zusätzlich 27 Plätze.

Anna Wanner
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Fahrende auf dem Berner Allmend-Areal.

Fahrende auf dem Berner Allmend-Areal.

Keystone

Messerschleifer, Altwarenhändler und Korbflicker. Von den rund 35 000 Jenischen, die heute in der Schweiz leben, pflegt nur noch jeder Zehnte einen fahrenden Lebensstil.

Dieser läuft in zwei Phasen ab. Während des Winters sind die Jenischen sesshaft, leben in Wohnwagen, Baracken und Containern. Wo ihnen kein Platz im Freien zur Verfügung steht, mieten sich die Familien in Wohnungen ein. Im April schwärmen sie aus. Dann beginnt die Wanderzeit, die Suche nach Arbeit.

Fahrende und Jenische

Als Fahrende gelten jene Personen, die nicht sesshaft sind.
Heute leben Schätzungen zufolge 2500 bis 3000 Fahrende in der Schweiz. Da sich ihr Lebensstil von jenem der Mehrheitsbevölkerung unterscheidet, wurden sie 1998 als nationale Minderheit anerkannt. Zum Volk der Fahrenden zählen in Europa Jenische, Sinti und Roma. Während Roma traditionell aus Frankreich oder Italien und Sinti aus Deutschland oder Österreich stammen, leben rund 35 000 Jenische in der Schweiz. Von ihnen sind allerdings rund 90 Prozent sesshaft: Etwa jeder Zehnte pflegt noch zu fahren. (wan)

Für maximal einen Monat - oder solange es eben zu tun gibt - weilen die Jenischen an einem Ort. Dann ziehen sie weiter. Bis im Oktober, wenn sie über den Winter sesshaft werden.

Pflichttreue Schweizer

In der Schweiz dürfen Fahrende nicht auf der nächsten grünen Wiese parkieren und ihr Lager aufstellen. Sie sind auf bewilligte Plätze angewiesen. Das Raumplanungsgesetz schreibt aber vor, dass «Siedlungen nach den Bedürfnissen der Bevölkerung auszugestalten» sind.

Das Bundesgericht hat 2003 festgelegt, dass dies auch für die fahrende Bevölkerung gilt. Kantone und Gemeinden sind also beauftragt, den Jenischen Plätze zur Verfügung zu stellen - verpflichten kann sie der Bund dazu allerdings nicht.

In Graubünden, wo Fahrende eine lange Tradition pflegen, betreibt die Gemeinde Bonaduz seit 1987 einen Durchgangsplatz. Vor ein paar Jahren eröffnete Gemeindepräsident Christian Theus einen zweiten und ist damit zufrieden: «In 27 Jahren hatten wir nicht den kleinsten Vorfall in der Gemeinde. Das sind Schweizer, die ihre Steuern zahlen und Militärdienst leisten.»

Ausserdem koste der Betrieb der beiden Plätze fast nichts. 3000 bis 5000 Franken würden für die Infrastruktur aufgewandt. «Die Fahrenden brauchen Wasser, Strom, sanitäre Anlagen und Abfallentsorgung», sagt er. Dass sich andere Kantone derart schwertun, den Fahrenden einen Platz zu verschaffen, versteht er nicht. «Wenn sie ihr Kulturgut, das Fahren, weiterleben wollen, dann brauchen sie einen Ort, wo sie das tun können.»

Seit Jahren kämpft die Radgenossenschaft der Landstrasse, die Dachorganisation der Jenischen, deshalb für neue Plätze. Ein Bericht des Bundes stellte 2006 fest, dass die zwölf bestehenden Standplätze für den Winter bloss für 600 der rund 2500 Fahrenden ausreichen. Es brauche zusätzlich 27 Plätze.

Durchgangsplätze zählte der Bund 44. Nur knapp 60 Prozent der Fahrenden finden im Sommer einen Ort, wo sie sich aufhalten dürfen. Benötigt würden 37 weitere Plätze.

Die Platzzahl verändert sich ständig. Erst vor einem Monat gab der Walliser SVP-Kantonsrat Oskar Freysinger die Schliessung des Standorts in Martigny bekannt. Hingegen konnten zwei Plätze in Würenlos und Winterthur eröffnet werden.

Urs Glaus, Geschäftsführer der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende, spricht von «homöopathischen Verbesserungen». Im Grunde passiere nichts. Und das, obwohl all jene Gemeinden, die Plätze betreiben, von guten Erfahrungen berichten würden. Die Knappheit zwinge viele Fahrende, auf informelle Orte auszuweichen. Das sei problematisch: «Wenn die Jenischen nicht der Arbeit nachreisen können, schränkt das ihre traditionelle Lebensweise ein.»

Vorurteil wegen ausländischer Roma

Der Grund für den Mangel an Plätzen liege am Stigma, das den Fahrenden anhafte, sagt Glaus. Und das kommt nicht nur von der Ausgrenzung des Volks seit dem Mittelalter - erst in den 70er-Jahren wurden diskriminierende Gesetze gegen Zigeuner gelockert. Das Problem sei auch ein anderes: Viele würden nicht zwischen ausländischen Roma, die in grossen Konvois auffahren, und einheimischen Jenischen unterscheiden, die mit der Familie reisen. «Schweizer Fahrende verhalten sich anders», sagt Glaus.

Auch Gemeindepräsident Theus macht den Unterschied: In Bonaduz geniessen nur Schweizer Gastrecht. Mit den ausländischen Fahrenden gebe es oft Probleme. So dürfen sich Roma und Sinti in der Schweiz nur am Durchgangsplatz im bündnerischen Ems aufhalten. Wenn sie keinen Aufenthaltsort auf ihrer Durchreise von Nord nach Süd finden, wissen auch die Roma, wie sie ausweichen können.

So mietete eine Grossfamilie vor zwei Jahren das Land eines Bauern im Wallis, feierte eine Hochzeit, hinterliess einen Abfallberg und erweckte so die Aufmerksamkeit der Medien.

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