Die Bezirksschule von Spreitenbach stand unter Schock. Ein Mädchen brachte sich am 28. August um. Es wäre in drei Monaten 14 Jahre alt geworden. Am Freitag fand in der Aargauer Gemeinde die Abdankung statt. Nächste Woche organisiert die Schule eine eigene Gedenkfeier. Im Schulhaus wurde ein Platz bestimmt, wo die Schüler Kerzen und Blumen hinlegen können.

Etwa eine halbe Stunde nachdem der Todesfall bekannt geworden war, traf ein Care-Team der kantonalen Krisenorganisation im Schulhaus ein. Die Mitarbeiter suchten gemeinsam mit dem Schulpsychologischen Dienst und Schulsozialarbeitern den Kontakt zu Schülern sowie Lehrern. Sie führten Einzel- und Gruppengespräche.

Die Schüler hätten offen über ihre Gefühle gesprochen, sagt Schulleiter Roger Stiel. Das habe bei der Bewältigung geholfen. Die Sozialarbeiter hätten den Zugang zu den Schülern gefunden, da sie sie schon vorher kannten und ihr Vertrauen genossen. Die meisten Kinder und Jugendlichen seien nach ein bis zwei Tagen zum Alltag übergegangen. Inzwischen laufe der Schulbetrieb wieder normal. So sollte es gemäss Krisenexperten auch sein.

Empfohlen wird, dass der Ausnahmezustand nicht zu lange dauere und spätestens mit der Beerdigung abgeschlossen werde. Im Schulhaus lief alles ungefähr so ab, wie es im Notfallkonzept vorgesehen ist.

Asoziales auf Sozialen Medien

In der Online-Welt geriet die Situation jedoch ausser Kontrolle. Auf Facebook, Instagram, Snapchat und Whatsapp feindeten sich einige Jugendliche an und wiesen sich gegenseitig die Schuld zu. Einige Kommentare wurden massiv verbreitet. «Bring dich doch selber um», hiess es etwa. Schulleiter Stiel sagt: «Als Schule können wir die Diskussionen auf Sozialen Medien nicht kontrollieren.»

Die gröbsten Äusserungen würden zudem nicht von den eigenen Schülern stammen, sondern von Jugendlichen aus anderen Gemeinden. So bewirkte auch das auf dem Schulgelände geltende Handyverbot wenig. Unabhängig vom aktuellen Vorfall müssen die Geräte immer ausgeschaltet sein.

Diese Woche waren die Schüler im Lager, das schon vorher geplant gewesen war. Für die jüngeren Schüler galt auch dort ein komplettes Handyverbot. Die Älteren durften die Smartphones von 17 bis 19 Uhr einschalten. Danach standen die Lehrer für Gespräche zur Verfügung.

Dass sich ein 13-jähriges Mädchen das Leben nimmt, ist statistisch aussergewöhnlich. Am meisten verbreitet sind Suizide unter älteren Männern. In der Schweiz brachten sich 2014 tausend Menschen um; davon waren nur vier jünger als 15.

In der Alterskategorie der 15- bis 44-Jährigen töteten sich 74 Frauen und 197 Männer. Im europäischen Vergleich liegt die Schweiz im Mittelfeld mit 15 Fällen pro 100 000 Einwohner. Bis 2010 war die Suizidrate rückläufig, seither bleibt sie konstant. Sie gilt als zu hoch. In der Schweiz sterben viermal mehr Personen durch einen Suizid als durch einen Verkehrsunfall.

Lücken der Prävention

Am 10. September findet der Welttag der Suizidprävention statt. Am Freitag lud
der Kanton Zürich Journalisten zu einem Schreibworkshop ein. Den klassischen Medien wurde zum Beispiel die Regel gelehrt, auf die Begriffe Selbstmord und Freitod zu verzichten, da diese wertend seien. Gleichzeitig tobt auf Sozialen Medien wegen des Todesfalls in Spreitenbach ein Shitstorm. Ungebremst. Für den Umgang mit Neuen Medien hat die Suizidprävention kaum Rezepte.

Präventionsexperten fordern mehr Geld für ihre Branche. Jörg Weisshaupt vom Zürcher Form für Suizidprävention stellt einen Vergleich auf: Pro Jahr sterben in der Schweiz 26 Leute an HIV, während tausend Suizid begehen. Die Aids-Prävention wird vom Bund mit Millionenbeträgen gefördert. Für Suizidprävention hingegen beschäftigt das Bundesamt für Gesundheit nur eine Fachperson und eine Praktikantin. Weisshaupt: «Sie leisten hervorragende Arbeit. Aber das reicht nicht.»

Als Mitglied eines Care-Teams leistete Weisshaupt einst einen Einsatz an einer Berufsschule, an der eine junge Frau gestorben war. Die Reaktionen in der Klasse seien heftig gewesen: «Eine Jugendliche sagte, die Verstorbene sei eine Bitch gewesen. Es geschehe ihr recht.»

Es sei gut, wenn man im Klassenzimmer offen über solche Reaktionen sprechen könne. Doch nun verlagern sich diese Diskussionen auf Social Media. Weisshaupt: «Ich empfehle jeder Schule, dass sie auf Sozialen Medien präsent ist.» So könne sie frühzeitig reagieren, wenn es zu einem Shitstorm komme.