Schweiz

Selbst ihre Kritiker geben sich jetzt diplomatisch: Der Weg für Wermuth und Meyer an die SP-Spitze ist frei

Bei diesem Auftritt im Februar waren sie noch Gegner: Das Kandidatenduo Mathias Reynard (l.) und Priska Seiler Graf (r.) nimmt das Duo Cédric Wermuth und Mattea Meyer in seine Mitte.

Bei diesem Auftritt im Februar waren sie noch Gegner: Das Kandidatenduo Mathias Reynard (l.) und Priska Seiler Graf (r.) nimmt das Duo Cédric Wermuth und Mattea Meyer in seine Mitte.

Mathias Reynard will lieber Walliser Staatsrat statt SP-Präsident werden. Das Nachsehen hat seine Co-Kandidatin Priska Seiler Graf. Die Hintergründe.

Es waren keine einfachen Tage für Priska Seiler Graf. Der Zürcher SP-Nationalrätin ist der Partner davongelaufen: Eigentlich wollte sie im Duo mit ihrem Walliser Ratskollegen Mathias Reynard für das Präsidium der SP Schweiz kandidieren. Noch im März legten die beiden ein programmatisches Papier vor. Seiler Graf, 52, und Reynard, 32, positionierten sich zumindest stilistisch als Gegenpol zum homogenen Favoritenduo Mattea Meyer, 32, und Cédric Wermuth, 34. Die beiden bewarben sich als ungleiches Tandem: sie als Exekutivpolitikerin einer Deutschschweizer Agglogemeinde, er als Westschweizer Gewerkschafter. Schön austariert zwischen Geschlechtern und Regionen.

Doch nun will Reynard lieber Waliser Staatsrat werden. Deshalb gibt auch Seiler Graf den Kampf um das Parteipräsidium auf. Eine Einzelkandidatur oder die Suche nach einem neuen Partner für ein Co-Präsidium kämen für sie nicht in Frage, macht sie unmissverständlich klar. Nachdem Reynard im Walliser «Nouvelliste» seine Regierungskandidatur angekündigt hatte («Mein Herz ist im Wallis»), liess er ein gemeinsames Communiqué mit der Zürcherin verbreiten.

Seiler Graf nach Krisengespräch sichtlich geknickt

«Ich bin überzeugt davon, dass Mathias und ich zusammen genau das richtige Team gewesen wären», lässt sich Seiler Graf zitieren. Obwohl sie «dieses Abenteuer» gerne fortgesetzt hätte, verstehe sie, dass es «kompetente und motivierte Genossinnen» in den Kantonsregierungen brauche. Reynard seinerseits erklärt, er habe seinen Entschluss nach zahlreichen Gesprächen mit Seiler Graf und seinen Walliser Parteikollegen gefällt.

Die Nationalrätin gibt sich betont souverän. Tatsächlich dürfte ihre Enttäuschung nach dem Rückzieher Reynards gross sein. Wie mehrere Genossen hinter vorgehaltener Hand bestätigen, wurde es in den vergangenen Tagen auch mal emotional. Offen zu beobachten war das am letzten Mittwoch, als sich das Noch-Kandidatenduo am Rande der Session in einem Restaurant in der Bernexpo zu einem Krisengespräch traf. Laut übereinstimmenden Berichten von Beobachtern diskutierten die beiden über eine Stunde miteinander, danach sprach eine sichtlich geknickte Seiler Graf von «keiner leichten Situation».

Der Walliser Machtpoker

Offiziell betonen Reynard und Seiler Graf, wie das Coronavirus die politische Agenda auf den Kopf gestellt habe. Das tönt dann so:

«Diese neue Situation hat deutlich aufgezeigt, wie wichtig es ist, dass die SP in den Regierungen gut vertreten ist.»

Dass sich dahinter ein veritabler Machtpoker verbirgt, verschweigen sie freilich. Denn ohne coronabedingte Verschiebung der SP-Wahl von April auf Oktober wäre Reynard erst gar nie ins Dilemma gekommen, sich zwischen Regierungsamt und Parteimandat entscheiden zu müssen. Dass die langjährige Walliser SP-Staatsrätin Esther Waeber-Kalbermatten im Frühjahr 2021 nicht mehr antreten wird, war längst bekannt. Und spätestens nach seinem guten Abschneiden bei den Ständeratswahlen im Herbst – er scheiterte nur knapp dabei, der CVP einen Sitz abzujagen – zählte Reynard zu den Topfavoriten für die Regierung.

Will nicht für die Parteispitze kandidieren: Die Solothurner SP-Nationalrätin Franziska Roth.

Will nicht für die Parteispitze kandidieren: Die Solothurner SP-Nationalrätin Franziska Roth.

Hinter den Kulissen bot sich in den vergangenen Tagen zumindest eine Politikerin als Reynard-Ersatz an. Die Solothurner Nationalrätin Franziska Roth hätte sich vorstellen können, allenfalls mit Seiler Graf gegen Wermuth und Meyer anzutreten. «Wir standen im intensiven Austausch miteinander», sagt sie. Doch dann sei die Erkenntnis gereift, «dass wir das gute Programm der beiden nicht einfach für eine andere Kandidatur übernehmen können». Das Duo Seiler Graf und Reynard wäre aus ihrer Sicht perfekt gewesen, betont Roth. Selbst ein Tandem mit einer Sozialdemokratin aus der Romandie kam für Seiler Graf gemäss gut informierten Quellen nicht mehr in Frage.

Damit dürften Meyer und Wermuth freie Bahn an die SP-Spitze haben, auch wenn die Kandidatenfrist erst am 2. September abläuft. Die Reihen in der Sozialdemokratie scheinen definitiv geschlossen; Noch-Präsident Christian Levrat hinterlässt ohnehin eine aufgeräumte Partei. Weitere ernst zu nehmende Kandidaturen? Nicht in Sicht.

Die einst ärgsten Kritiker geben sich jetzt diplomatisch

Steht dem Duo Meyer/Wermuth kritisch gegenüber: Die Aargauer SP-Nationalrätin Yvonne Feri.

Steht dem Duo Meyer/Wermuth kritisch gegenüber: Die Aargauer SP-Nationalrätin Yvonne Feri.

Selbst die einst ärgsten Kritiker des Duos Meyer/Wermuth mögen nicht mehr ausrufen. Die Aargauer Nationalrätin Yvonne Feri, eine Vertreterin des sozialliberalen Flügels, preschte noch im Winter mit inhaltlicher Kritik vor. Sie wünsche sich «von der Ausrichtung her etwas Milderes», sagte sie damals. Tempi passati? «Ich hätte noch immer gerne eine Auswahl an Kandidatinnen und Kandidaten am Parteitag», sagt Feri zwar weiterhin. Aber sie werde den Entscheid der Basis so nehmen, wie er kommt, und dann loyal hinter der neuen Parteiführung stehen. «Um über die Ausrichtung der Partei zu diskutieren, ist heute nicht der richtige Zeitpunkt.»

So oder so ähnlich äussern sich mehrere Politiker, die dem Lager Reynard/Seiler Graf zuzurechnen waren – oder den internen Wahlkampf zumindest aus neutraler Warte beobachtet haben. «Es ist immer schade, wenn es keine Auswahl gibt», sagt etwa der Baselbieter Nationalrat Eric Nussbaumer. «Aber es ist so, wie es ist.» Der Solothurner Ständerat Roberto Zanetti pflichtet bei: «Es wäre zweifellos besser, hätte der Parteitag eine Auswahl.» Dies sage er auch, weil die demokratische Legitimation nach einer Ausmarchung umso höher wäre. «Eine richtige Wahl spornt Politiker an.»

Autor

Sven Altermatt

Sven Altermatt

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