Das erste Mal WEF – diese Eindrücke vergisst niemand mehr. Wer das mit Stacheldraht abgeriegelte Kongresszentrum betritt, fällt in den Zustand der Verwirrung oder der Überwältigung; bei den meisten Teilnehmern dürfte es eine Mischung davon sein. Als Journalist hat man, mit viel Glück, das Privileg, eine Woche lang ins Davoser Bienenhaus zugelassen zu werden.

Das erste Mal war beim Schreibenden 2003. Bill Clinton, von Bodyguards abgeschirmt, ist ausser Reichweite, aber mit seiner Tochter Chelsea kann man plaudern. Auf der Treppe zum Hauptsaal kreuzt man Colin Powell, den damaligen US-Aussenminister. Und überall Gesichter, die aus CNN bekannt sind. Man wähnt sich mittendrin in
der Weltpolitik.

Powell steigt auf die Bühne, er spricht über den Irak und Saddam Hussein, der eine Bedrohung für den Weltfrieden darstelle. Powell deutet an, dass die USA auch ohne UNO-Mandat militärisch eingreifen könnten. Zwei Monate nach seiner Davos-Rede marschieren die Amerikaner im Irak ein. Die Intervention führt zum Sturz von Hussein, beruht allerdings auf einem Irrtum, wie sich später herausstellt: Über Massenvernichtungswaffen, wie von Powell behauptet, verfügte der Diktator nicht.

1971 über Computer gesprochen

WEF-Gründer Klaus Schwab hat schon in jungen Jahren das Gespür für die richtigen Themen und Gäste. Als der Professor aus Ravensburg (D), der unter anderen an der ETH Zürich studierte, 1971 erstmals nach Davos einlädt, lautet das Motto: «Sich der amerikanischen Herausforderung stellen». Europa beobachtet damals mit Sorge den rasanten Aufstieg der US-Grosskonzerne. Schwab, 32-jährig, setzt auch einen Workshop aufs Programm, der seiner Zeit voraus ist: «Der Einfluss von Computern auf das Leben jedes Einzelnen».

Das kommt an: 450 Teilnehmer sind beim ersten WEF im neu gebauten Kongresszentrum zugegen (nächste Woche werden es erstmals über 3000 sein). Schwab spürt, dass die Globalisierung, verbunden mit neuen Informationstechnologien, die Welt grundlegend verändern wird. Früher als die meisten Unternehmen erkennt er auch, welche gewaltige Rolle China und Indien spielen werden.

1979, drei Jahre nach dem Tod von Mao Zedong, reist erstmals eine Delegation aus China nach Davos. Seither ist China Jahr für Jahr ein Top-Thema am Kongress, dieses Jahr ist zur Eröffnung sogar der Staatspräsident angekündigt.

Ronald Reagan meldet sich

In den 80er-Jahren wird das Forum politischer – nicht zuletzt unter dem Eindruck des Kalten Kriegs, der auch ein Wirtschaftskrieg ist. 1980 wählen die Amerikaner Ronald Reagan zum Präsidenten. Ein Jahr nach Amtsantritt kommt er zwar nicht persönlich nach Davos, wendet sich aber mit einer über Satellit übertragenen Rede an die WEF-Teilnehmer.

Die «Reaganomics» faszinieren die Manager in Davos: Steuersenkungen, Abbau des Staatsapparats und von Regulierungen sollen die US-Wirtschaft wieder in Schwung bringen. Reagan weist in seiner Rede auf die Unterlegenheit der kommunistischen Ostblock-Wirtschaft hin.

1987 schickt erstmals die Sowjetunion eine Delegation nach Davos. Im Reich der Kommunisten tobt gerade ein Machtkampf zwischen sozialistischen Betonköpfen und Reformern um Michael Gorbatschow, der für Glasnost (Öffnung) und Perestroika (Umbau) wirbt.

Gorbatschow selbst erscheint nicht am WEF, aus Davos brandet ihm aber viel Unterstützung entgegen – etwa vom deutschen Aussenminister Hans-Dietrich Genscher. Dieser habe eine «denkwürdige Rede» gehalten, schreibt der ehemalige «FAZ»-Journalist Jürgen Dunsch in seinem neuen WEF-Buch «Gastgeber der Mächtigen». Genscher habe in den Saal gerufen: «Lassen Sie uns Gorbatschow ernst nehmen!»

Gut zwei Jahre später fällt der Eiserne Vorhang, und 1992 erleben die WEF-Teilnehmer einen weiteren historischen Moment: Nelson Mandela, der Anführer der Anti-ApartheidBewegung in Südafrika, reist nach Davos. Klaus Schwab bezeichnet die Begegnung mit ihm noch heute als sein eindrücklichstes Erlebnis. Und sein Davos-Aufenthalt hinterlässt Spuren bei Mandela: Später, als Präsident Südafrikas, erzählt er, am WEF habe er gelernt, dass die Marktwirtschaft die richtige Wirtschaftsordnung sei.

Protest gegen Globalisierung

Ende der 90er-Jahre sorgt das Weltwirtschaftsforum mit Krawallen für Schlagzeilen. «Davos» wird zum Reizwort der aufkommenden Anti-Globalisierungs-Bewegung und mobilisiert Demonstranten aus dem In- und Ausland. Die Bilder von brennenden Autos und zertrümmerten Schaufenstern gehen um die Welt.

Die Sicherheitskosten explodieren um die Jahrtausendwende von 200'000 Franken auf mehr als 13 Millionen, finanziert werden sie mehrheitlich von den Steuerzahlern und nur zu einem kleinen Teil vom WEF. Dieses wird nun grundsätzlich infrage gestellt. Das Magazin «Facts» titelt 2001: «Das WEF vor dem Aus.»

Terror bestimmt die Agenda

Doch just dann geschieht ein Ereignis, das alles ändert: 9/11. Der Anschlag auf die Türme des World Trade Center in New York setzt den Terrorismus auf die politische Agenda. Für die Anti-Globalisierungs-Bewegung interessieren sich die Medien nun weniger.

Seither ist der Terrorismus ein Dauerbrenner in Davos. In der erwähnten Rede von Colin Powell 2003 ist der Terror die Begründung für die Militärintervention; und jedes Jahr hört man im Kongresssaal nun Aufrufe zum Kampf gegen die Terroristen. 2015 kommt es, zwei Wochen vor dem WEF, zu den Anschlägen auf «Charlie Hebdo» in Paris.

Zuerst ist unklar, ob Frankreichs Präsident François Hollande nach Graubünden kommt, doch schliesslich nutzt er die Gelegenheit, die «Weltgemeinschaft», wie er sagt, auf den «Krieg gegen den Terror» einzuschwören.

In den vergangenen zehn Jahren gibt es noch zwei weitere unvermeidbare Themen: Die vierte industrielle Revolution, deren Urheber gern gesehene Gäste sind in Davos, und die Finanzkrise. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg spaziert 2007, damals 22-jährig, ziemlich unbehelligt durchs Kongresszentrum – seine grosse Zeit kommt erst noch. Die Stars sind die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page, die soeben Youtube aufgekauft haben. Der Gründer der Videoplattform, Chad Hurley, ist ebenfalls da, doch ihn sieht man eher an den legendären WEF-Partys und in der Davoser «Piano»-Bar als in den Kongresshallen.

Überhaupt, die Partys: An den letzten Jahrestreffen vor Ausbruch der Finanzkrise wird in den Hotels hemmungslos gefeiert. Die Wirtschaft brummt, die Gewinne sprudeln, man lässt es sich gut gehen.

Ende der Party

Das ändert sich im Januar 2008 abrupt. In den USA ist die Hypotheken-Krise im Anflug, die Banken, auch die UBS mit dem langjährigen WEF-Stammgast Marcel Ospel, haben die ersten Milliarden-Abschreibungen vorgenommen, doch das ganze Ausmass ist noch nicht absehbar.

Es zeigt sich, rückblickend, ein erhellendes Bild der Davoser Debatten. Die Politiker beschwichtigen mehrheitlich: So schlimm werde es nicht kommen. Die Ökonomen warnen hingegen. Die Superstars unter ihnen, Joseph Stiglitz und Nouriel Roubini, malen rabenschwarz: Die USA und bald auch Europa stünden vor einer schweren Rezession, die Notenbanken müssten die Zinsen massiv senken. So sollte es kommen.

Auf die Finanzkrise folgt die Schuldenkrise, die Euro-Krise, die Vertrauenskrise, die bis heute noch nicht bewältigt ist – und ohne die vielleicht ein Präsident Trump in den USA nicht möglich gewesen wäre. Der kommt in der Woche seiner Amtseinsetzung natürlich nicht nach Davos, jedoch ein Vertreter seiner Übergangsregierung. In den Referaten, Panels und Diskussionen aber wird diesmal in Davos niemand präsenter sein als Donald Trump.