Er hätte noch umkehren können. Seinen Spuren folgen den Berg hinunter. Er tat es nicht. Er lag im Zelt, und wenn er die Augen öffnete, sah er die graue Zeltwand über sich, dort schwebte das Logo seines Sponsors Exped, mit dickem schwarzem X hinter dem E. Der Wind hatte jetzt nachgelassen. Die Zeltwände flatterten kaum, heute war ein guter Tag, die Sonne schien, endlich mal wieder Sonne, immerhin war dieses Morgenlicht warm. Gasherbrum 1, im pakistanischen Himalaja.

Unter ihm türmten sich 7600 Meter Eis und Fels, es war minus 40 Grad, und wenn er atmete, fühlte sich das an, als würde er eisige Luft durch einen Strohhalm ziehen. Er arbeitete sich aus dem Schlafsack und begann, seinen Rucksack zu packen, Mountain Pro, rubinrot, mit Packbändern an der Seite, in der Fachsprache: Daisy Chain Webbings. Das Schwierigste hatte er hinter sich, die 1600 Meter Eiswand. Heute musste er rauf auf den Gipfel, 400 Meter noch, gestern hatte es nicht geklappt, vorgestern auch nicht, schon viel zu lange war er hier oben.

Er, Cedric Hählen, der beste und stärkste Bergsteiger im Team, er kam jede Wand hoch, egal wie steil, egal wie viel Eis, egal wie sehr der Wind an ihm zerrte. Das Satellitentelefon funktionierte nicht mehr, es war jetzt 10 Minuten nach 9 Uhr. Der zweite Mann im Zelt nahm das Funkgerät und sagte: «Alles ist gut, wir kommen langsam vorwärts, weil unsere Rucksäcke so schwer sind, aber wir gehen hoch.» Die Antwort aus dem Basecamp knatterte: «Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie glücklich wir sind, von euch zu hören.» Es war der letzte Funkspruch, Freitag, der 9. März 2012, Cedric Hählen war 30 Jahre alt und es war der letzte Tag seines Lebens.

Ein Traum geht in Erfüllung

Als er sieben Jahre alt war, wünschte er sich auf den Geburtstag eine Bergtour. Die Eltern gingen mit ihm zur Egerkinger Platte, eine schiefe Wand aus Stein zwischen Egerkingen und Oberbuchsiten SO an der A1, auch einen Grillplatz gab es dort, man konnte Cervelats braten. Eine eigentliche Bergtour war das nicht. Aber für einen Siebenjährigen ging ein Traum in Erfüllung.

Cedric wuchs in Rütihof AG auf, Vater Charly war Ingenieur für Bestrahlungsgeräte bei Brown, Boveri & Cie in Baden. Charly und seine Frau Ursula stammten aus dem Berner Oberland, wo sie auf einem Hügel ausserhalb Zweisimmen ein Bauernhaus besassen. Das Haus verströmte den Duft von Blumenrabatten und das Gefühl von Geborgenheit. An Wochenenden und in den Ferien waren sie mit ihren zwei Kindern in diesem Haus, es gab keine Zentralheizung und die Hählens fällten im Wald Bäume, damit sie im Winter warm hatten.

Unter dem Dach des Hauses lag ein kleines Zimmer, zu dem man über eine steile Holztreppe stieg, ein Erwachsener musste hier den Kopf einziehen, die Dachschräge hing tief. Verregnete Nachmittage verbrachte Cedric mit seiner Schwester Sandra in diesem Zimmer, vor den Fenstern zogen Nebelschwaden vorbei, die Kinder spielten auf dem Teppichboden mit einem weissen Lego-Flugzeug, mit einer Flagge am Heck, blau, weiss und rot. Die Landebahn für das Flugzeug bestand aus grauen Plastikplatten, die in der Mitte eine gelbe Linie hatten und an der Seite graue Noppen, sodass man sie zusammenstecken konnte.

Draussen vor den Fenstern: Vordere Spillgerte, Hintere Spillgerte, Chumigalm und Fromatt.

Von seinem Vater hatte Cedric die Ruhe, von seiner Mutter die schönen Augen und von beiden die Liebe zu diesen Bergen draussen vor den Fenstern. Sie stiegen an den Wochenenden hoch, dann Grindelwaldgletscher im Sommer 1986, Mittagsfluh Herbst 1986, Egerkinger Platte 1988.

Mutter Ursula schrieb sie alle auf, die Bergtouren, Cedric tippte sie später in seinen Computer, er notierte die Meter, die Höhenmeter, die Kilometer, viele Zahlen, ein paar persönliche Bemerkungen.

31. Dezember 1997. Gärstere 1294 M. – Chumigalm 2125 M. 1,25 Std. Der Familie auf 1750 M. ausgerissen, danach 30 Min. warten.

Er lebte für den Sport

Weniger diszipliniert ging er in der Schule vor, er war zwar mit einem schnellen Verstand gesegnet, aber mit wenig schulischem Ehrgeiz, Noten interessierten ihn nicht. Die Bezirksschule schloss er mit 4,5 ab. Dann wollte er den Wind spüren und die Erde riechen, er mochte Maschinen, schwere Maschinen, Bagger und Trax: Lehre zum Landschaftsgärtner.

30 bis 40 Wochenenden pro Jahr verbrachte er auf Bergtouren, die meisten mit den Eltern und mit Sandra, einige mit Jugend und Sport, J&S, dem Programm zur Sportförderung des Bundes. Der Schweizer Alpen-Club SAC listet auf seiner Website zwischen 1995 und 2003 sechzehn Kletterwettkämpfe auf, an denen Hählen teilnahm. Hählen lebte für den Sport, rauchte nicht, trank nicht, in der Kletterhalle in Schlieren schraubte er Routen für die Wettkämpfe, aber wenn er selber teilnahm, gewann er nicht. In den Listen des SAC steht er manchmal unter den ersten drei, meistens aber auf Platz fünf oder sechs, einmal Platz elf.

«Das machte er absichtlich», sagt seine Schwester Sandra. Der Vater sagt: «Er wollte alles, nur nicht in die Nationalmannschaft – dort hätte er Verpflichtungen gehabt.» Pokale waren ihm egal. Die Mutter sagt: «Er wollte selber entscheiden können, wann er auf welchen Berg steigt – er brauchte diese Freiheit.» Der Vater sagt: «Es war vielleicht eine gewisse Besessenheit dabei.» «Ich denke eher Leidenschaft», sagt die Mutter.

Als Erwachsener verbrachte er die Wochenenden in Zweisimmen nicht mehr im Zimmer unter dem Dach, sondern einen Stock tiefer, in einem Teil des Hauses, der nicht beheizt war. Die Kälte war sein Training. Es gab dort zwei Zimmer, eines hatte grosse Fenster und Platz für Betten und Schränke, das andere hatte einen niedrigen Türrahmen, eine Dachschräge und war so breit wie eine schmale Matratze. Er wohnte im kleinen Zimmer. «Es ist grösser als ein Zelt», sagte er zu seiner Mutter.

Einmal wehte ein Wintersturm eine Tanne hinter dem Haus um, am nächsten Morgen war der Baum unter Schnee begraben. Cedric ging mit der Motorsäge raus, ohne Handschuhe. Die Mutter folgte ihm, wollte aber gleich wieder zurück, um sich wärmer anzuziehen. «Das ist ja lächerlich», sagte der Sohn, «du musst dich nur ein bisschen bewegen.» Der Vater sagt: «Er arbeitete immer ohne Handschuhe.» «Er hatte nie kalt», sagt die Mutter. Sein Lieblingsbuch war «Sturz ins Leere» von Joe Simpson, immer wieder gelesen, die Geschichte des Überlebenskampfes zweier Bergsteiger in den Anden. Im Sommer 2002 flog er nach Südamerika.

21. September 2002. Alpamayo 5947 M. Nonstop-Versuch, 300 Meter unter Gipfel umgekehrt. 2600 Höhenmeter im Aufstieg und total 52 Km. Distanz in weniger als 24 Std.

Ein halbes Jahr später sass er im Flugzeug nach Nepal, Shishapangma, 8027 Meter, wieder ohne Gipfelerfolg. Der Vater sagt: «Ich machte mir nie Sorgen um Cedric – Erfolge waren ihm nicht wichtig genug.» «Stimmte etwas nicht, kehrte er um und schaute nicht zurück», sagt die Mutter. Die Schwester sagt: «Ich hatte nur Angst um ihn, wenn er mit den Jeeps auf den schrecklichen Strassen unterwegs zu den Basecamps war.»

Auf dem K2 schenkte er seine Sauerstoff-Flasche einem Italiener, am Broad Peak nahm er einen Erschöpften ans Seil und schaffte ihn so aus der Todeszone. Auf dem Ostgipfel des Gasherbrum 2 gelang ihm mit Ueli Steck die Erstbesteigung der Nordwand. Er war Spezialist für Abalakows, eine Sicherungstechnik im Eis, die ohne Schrauben auskommt.

Mit 30 Jahren hatte er fünf Achttausender hinter sich, elf Expeditionen, er war es sich gewohnt, an Orte zu steigen, die für keinen Menschen und kein Tier geschaffen waren. Um dann zurückzugehen, zu seinem Job als Landschaftsgärtner in Wettingen AG.

Vom Bergsteigen leben

In der Schweiz wohnte er in einer WG am Stollenweg 6 in Hausen bei Brugg, in die Disco ging er nicht, in die Bar auch nicht, selten ins Kino. War er nicht in den Bergen oder der Kletterhalle in Schlieren, traf er sich mit seiner Familie, spielte stundenlang Lego mit Manuel, dem Sohn seiner Schwester, der aussieht wie er selber, nur jünger und kleiner.

Im Sommer 2011 begann sich vieles zu ändern, Hählen trennte sich von seiner langjährigen Freundin Régine und er kam seinem Traum näher, vom Bergsteigen leben zu können; er war jetzt Aspirant des Schweizer Bergführerverbandes. Seinen Beruf als Landschaftsgärtner gab er auf. Für Oktober nahm er den Auftrag an, eine Touristengruppe auf den Kilimandscharo zu führen.

Im Sommer kam auch die Anfrage des österreichischen Extrembergsteigers Gerfried Göschl. Göschl wollte den 8080 Meter hohen Gasherbrum 1 in Pakistan besteigen. Neu war das nicht, dass Hählen angefragt wurde, neu war die Bedeutung dieser Expedition. Der Österreicher wollte mit einer Besteigung drei Rekorde brechen.

Er wollte die erste Überschreitung eines Achttausenders im Winter wagen, das heisst auf der einen Seite des Berges hinauf und auf der anderen Seite hinunter. Noch dazu über eine neue Route. Es würde gleichzeitig die erste Winterbesteigung des Berges sein. Jedes dieser Vorhaben war eine körperliche Höchstleistung, in der Kombination wurden sie noch nie versucht. Sollte die Expedition klappen, würde sie Geschichte schreiben. «Dieses einmalige Projekt bedeutet die Weiterentwicklung des Alpinismus», schrieb Göschl auf seiner Website. Ein Kameramann würde einen Teil der Besteigung filmen.

Hählen wusste nicht, ob er gehen soll, wusste nicht, ob er den pakistanischen Winter aushalten würde. Aber es gab da etwas, das er mit Sicherheit wusste. Es hatte weder mit Geld noch mit Ruhm zu tun, sondern mit Eis und Fels: Göschls neue Route ging eine senkrechte Eiswand hoch, 1600 Meter. Keiner hatte die Wand zuvor geschafft.

Göschl hatte es versucht, der Kanadier Louis Rousseau und der Spanier Alex Txikon hatten es versucht, und alle waren gescheitert. Hählen schaute sich Fotos der Wand im Internet an, sie war machbar, schwierig, eine Herausforderung, aber machbar. Er schickte Zelte, Matten, Schlafsäcke, Rucksäcke nach Pakistan, sein Expeditionsmaterial.

Der Oktober kam, die Kilimandscharo-Besteigung mit der Touristengruppe, in der Abflughalle in Zürich Kloten wartete Hählen auf das Flugzeug nach Nairobi, als ihn eine Teilnehmerin ansprach. Sie hiess Michaela Camenzind, ein Jahr älter als er, 31. «Kann man vor dem Abmarsch noch irgendwo duschen?», fragte Camenzind. Hählen fragte zurück: «Ist das dein einziges Problem?» Zwei Wochen später waren sie verliebt.

Sie versuchten sich täglich zu sehen, in ihrer Wohnung in Bern, in seiner WG in Hausen, im Bauernhaus in Zweisimmen. Sie verbrachten ein Wochenende in Paris, Hählen nahm vor dem Eiffelturm seine Kamera hervor, Coolpix P7000, er streckte den Arm aus, richtete die Linse auf sich und seine Freundin, drückte ab. Sie redeten darüber, eine Familie zu gründen.

Mitte Januar fuhr er im Zug zum Flughafen München; als er zu seinem Gate kam, sah er dort ein grosses, weisses Flugzeug mit einer Flagge am Heck, grün, schwarz und rot. Mit dem Handy schoss er ein Foto. Er schickte es per MMS an seine Schwester: «Schau, wie gross sie ist, eine A380!»

«Cedric war der Schlüssel zu dieser Wand»

Das Basislager erinnerte an einen Zeltplatz in einem Steinbruch, farbige Punkte lagen zwischen Geröll und Eis. Nach Osten ragte der Gasherbrum 1 auf, der aussah, als hätte ein Riese ein zerknülltes Blatt Papier zur Erde geworfen. An die Decke seines Zeltes klemmte Hählen das Foto aus Paris, zwei lachende Gesichter vor dem Eiffelturm.

22. Januar 2012. Am Tag ist es meistens so um die minus 19 Grad. Da der Wind es die nächsten paar Tage gut mit uns meint, werden wir morgen bereits ein erstes Mal aufsteigen und die Wand genauer unter die Lupe nehmen.

Er ging zum Fuss der Wand. Zwischen hier und dem Gipfel lagen 3000 Meter Eis, Fels und Demut. Mehr als die Hälfte führte senkrecht bis zu einem Grat, und von dort weiter über ein Plateau zum Gipfel.

Hählen machte sich an die Arbeit, am ersten Tag kletterte er 650 Meter die Wand hoch und fixierte sie mit Seilen. Diese Geschwindigkeit verblüffte den Expeditionsleiter Göschl, verblüffte alle im Team.

1. Februar 2012. Langsam und stetig kämpfe ich mich in die Höhe. Die Waden brennen, die Höhe merkt man und gerade schwitzen tue ich nicht.

In Göschls Team war der spanische Bergsteiger Alex Txikon. Er konnte nicht mit Hählen mithalten. «Cedric war der Schlüssel zu dieser Wand», sagt Txikon, «man konnte ihm nicht ansehen, dass an einer solchen Wand jeder leidet.»

SMS an Camenzind: «Ich denke fast jede Sekunde an dich.»

Bis Ende Februar war die Eiswand mit Seilen gesichert, es fehlten nur noch 100 Meter bis zum Grat. Die Arbeit wurde von einem Sturm unterbrochen, der so heftig war, dass er Benzinkanister forttrug. Die Böen wehten Zelte weg und zerrissen Planen. Drei Tage und Nächte verbrachte das Team damit, die übrig gebliebenen Zelte mit Eisschrauben zu sichern und Risse zu nähen.

Keiner der Anwesenden hatte jemals einen solchen Sturm erlebt. In der Nähe des Basislagers lag ein Helikopter, der vor Jahren abgestürzt war, und der Wind verrückte diesen Helikopter um 40 Meter.

24. Februar 2012. Die letzten paar Tage waren wir schlicht und einfach froh, dass wir das Basislager nicht verloren haben. Wir wussten, dass wir uns auf Sturm einstellen müssen, mit welcher Gewalt er auf uns hereinbricht, wussten wir nicht.

Der zweite Spanier der Gruppe, Carlos Suarez, zweifelte an der geplanten Route. Suarez war der Ansicht, dass die Wand zu steil war, zu erschöpfend, so konnte ein Gipfelsturm nicht gelingen. Was er noch mehr fürchtete, war das, was hinter der Eiswand kam. Dort lag das Plateau, eineinhalb Kilometer lang, das man auf dem Weg zum Gipfel überqueren musste. «Das ist eine Falle», sagt Suarez, «wenn man einen gewissen Punkt überschritten hat, ist der Rückweg zu weit, das hält niemand aus.» Suarez reiste frühzeitig ab.

Hählen hielt sich aus den Diskussionen raus, er sagte selten etwas, besonders skeptisch war er gegenüber dem Rampenlicht. Schwenkte eine Kamera auf ihn, sagte er: «Ich sage nichts.» Im einstündigen Dokumentarfilm «Der letzte Weg», der später über die Expedition erschien, gibt es nur eine Interview-Sequenz mit ihm. Er sagt: «Das Ziel ist es, wieder runterzukommen, mit oder ohne Gipfel – sonst schreiben wir zwar Geschichte, aber auf die schlechte Seite.»

26. Februar 2012. Wir hoffen, dass wir am Dienstag den Gipfel erreichen. Wenn die Wetterverhältnisse sich nicht zum Schlechten ändern, werden am Mittwoch wieder alle im Basislager eintreffen. Jeder möchte die kalte, windige Eiswüste verlassen.

SMS: «Ich freue mich, bis ich dich wieder in den Armen halten kann.»

Der erste Gipfelversuch scheiterte, Hählen gelang es aber, bis zum Ende der Eiswand zu klettern. Er hatte den ersten von Göschls drei Rekorden gebrochen. Oben auf dem Grat war es aber zu kalt, zu windig, um sich auf das Plateau zu wagen. Göschl, der hinter Hählen die Wand hochkam, schrieb auf seiner Website: «Ich erfror fast im Stand.»

Zweiter Versuch, 6. März 2012, Cedric Hählen, Gerfried Göschl und der Pakistaner Nisar Hussain kletterten los aus dem Basislager. Sie verbrachten eine Nacht in der Wand und erreichten am folgenden Tag das Plateau. Sie stiegen weiter auf 7200 Meter. Das Satellitentelefon funktionierte nicht mehr, sie beschlossen, von nun an zu funken.

Mit einem Tag Verspätung kamen zwei weitere Mitglieder der Expedition auf dem Plateau an, Tamara Stys und Alex Txikon. Sie schlugen ihr Lager 400 Höhenmeter unter Hählen, Göschl und Hussain auf. Um 20 Uhr funkte Tamara Stys den Berg hoch zu Hählen, er sagte, sie würden nun schlafen gehen und um 3 Uhr früh aufbrechen.

Am 8. März um 13 Uhr meldete sich Göschl über Funk. Eine erschöpfte, leicht lallende Stimme war zu hören. «Wir sind jetzt auf 7800, es ist eine Qual, aber wir hoffen, in zwei bis drei Stunden auf dem Gipfel zu sein.»

Seltsam an diesem Funkspruch war, dass Göschl am späten Nachmittag einen Gipfelversuch wagen wollte. Üblich sind Gipfelversuche am Morgen. Aus dem Basislager kam die Rückfrage: «Ihr wollt in drei Stunden oben sein?» Göschl: «Das hoffen wir, aber wir haben noch viel Arbeit vor uns und wir sind müde.» Drei Stunden später gab es keine Meldung über einen Gipfelerfolg.

In der Nacht versuchten Tamara Stys und Alex Txikon weiter hochzusteigen, zu den anderen. Sie verliessen ihr Zelt um 3 Uhr morgens, ein voller Mond ging lautlos neben ihnen her, hell wie eine Lampe. Es war minus 46 Grad, die Hände von Tamara Stys waren kalt, sie fühlte nichts mehr, etwas stimmte mit ihren Augen nicht, sie wusste nicht, was es war, weiss es heute noch nicht, jedenfalls konnte sie kaum noch sehen. Sie gingen zurück zum Zelt. Alex Txikon, der bei ihr war, sagt: «Ich brachte es nicht übers Herz, sie zurückzulassen – sie hätte es nie alleine ins Basislager geschafft.» Im Zelt bereiteten sie sich auf den Abstieg vor.

Am Morgen des 9. März, kurz nach 8 Uhr stand der Pole Adam Bielecki als erster Mensch im Winter auf dem Gipfel des Gasherbrum 1. Er war von der Nordseite des Berges gekommen, auf dem Normalweg, und schaute nun die Südseite hinunter, in Richtung Hählen, Göschl und Hussain. Während seiner Besteigung war er in Kontakt mit den drei gewesen und hatte erwartet, sie auf dem Gipfel zu treffen. Bielecki sagt: «Man kann da oben nicht klar denken, aber ich erinnere mich, wie mir durch den Kopf ging: Was zum Teufel ist los? Sie müssten längst hier sein.»

Der Wind hatte jetzt nachgelassen, es war ein sonniger Tag, die Sicht war gut, Bielecki konnte auf der Südseite des Berges aber weder Fussspuren noch ein Zelt sehen. Er suchte zweimal die Gegend ab und machte sich auf den Abstieg.

Er seilte sich gerade über eine steile Wand ab, als er um 10 Minuten nach 9 Uhr Göschls Stimme über Funk hörte. Göschl sagte, sie seien im Zelt auf 7600 Metern: «Alles ist gut, wir kommen langsam vorwärts, weil unsere Rucksäcke so schwer sind, aber wir gehen hoch.» Er sagte, sie hätten versucht zu funken, aber es sei zu kalt und einfach nicht möglich gewesen.

Bielecki seilte sich weiter ab, glücklich, von den anderen gehört zu haben, zuversichtlich, dass sie es schaffen würden. Auch Tamara Stys, Alex Txikon, das Team im Basislager: Wer Göschls Funkspruch gehört hatte, war froh, dass die drei Bergsteiger noch am Leben waren. Die Freude war grösser als die Zweifel.

Bielecki mühte sich in seiner Wand an der Nordseite ab, während einer halben Stunde kreisten ihm Göschls Sätze durch den Kopf. Bielecki: «Dann dachte ich plötzlich: Scheisse, die haben ein Problem.» Gestern hatte Göschl gesagt, sie seien auf 7800 Metern und in drei Stunden auf dem Gipfel. Jetzt, 19 Stunden später, waren sie nicht höher, sondern 200 Meter tiefer. Und trotzdem wollten sie noch hoch. Etwas war nicht mehr in Ordnung.

Mag sein, dass Gerfried Göschl ein Höhenödem hatte und die Fakten nicht mehr richtig einordnen konnte. Mag sein, dass die Bergsteiger zu erschöpft und unterkühlt waren, um sich noch konzentrieren zu können, oder dass sie sich verirrt hatten. Mag sein, dass sie umgekehrt waren, aber bemerkten, dass der Rückweg über das Plateau tatsächlich zu weit war und der Weg über den Gipfel kürzer. Was es auch war, die Wahrheit wird wohl nie bekannt werden.

Drei Stunden nach dem Funkspruch waren Alex Txikon und Tamara Stys am Ende des Plateaus, auf dem Rückweg zum Basislager. Sie mussten sich beeilen, der Wetterbericht hatte für den Nachmittag Sturm angesagt. Bevor sich Txikon über die Eiswand abseilte, schaute er nochmals den Berg hoch. Er sah die drei Bergsteiger in Richtung Gipfel gehen, sie hatten es fast geschafft, es fehlten nur noch 200 Meter.

Von Norden zog jetzt ein Orkan heran, er erreichte als Erstes Adam Bielecki, der auf der Nordseite abstieg; der Wind fegte über den Berg, die Temperaturen fielen unter minus 50 Grad, die Sicht reduzierte sich auf wenige Meter, es war kaum noch auszuhalten. «Um diese Zeit war es nicht mehr möglich, in der Nähe des Gipfels für länger als zwei Stunden zu überleben», sagt Bielecki. Bielecki kam mit Erfrierungen an Nase und Fingern im Basislager an. Alex Txikon schaffte es um Mitternacht ins Lager, er konnte kaum noch gehen, mit Erfrierungen an den Zehen. Tamara Stys erschöpfte sich beim Abstieg so sehr, dass sie nicht mehr weiterkonnte, sie verbrachte eine Nacht in der Eiswand, überlebte den Sturm und kam am folgenden Nachmittag ins Lager.

Ein Helikopter der pakistanischen Armee schraubte sich nach dem Orkan in die Luft, vorbei an der Eiswand, erhob sich über den Grat, überquerte das Plateau bis auf eine Höhe von 7200 Metern. Ein Offizier schoss Bilder von Eis und Fels, er sah kein Seil, entdeckte keine Jacke, erahnte kein Zelt, der Berg lag da, mächtig und stumm, als wäre niemand hier gewesen. Der Wind hatte alle Spuren verwischt.