Materialseilbahn
Seilbahnunglück: So mancher Älpler lässt sich in seiner Klapperkiste transportieren

Am Wochenende starb ein Ehepaar bei einem Seilbahnunglück im Innerthal, nachdem es mit seinem Baby in eine Materialseilbahn stieg. Sennen lassen sich nicht selten von solchen Seilbahnen transportieren. Damit verärgern sie aber ihre eigenen Vertreter.

Daniel Fuchs
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Würde sich jemand damit transportieren lassen? Materialseilbahn mit befestigten Milchbrenten auf der Musenalp im Urner Isental.

Würde sich jemand damit transportieren lassen? Materialseilbahn mit befestigten Milchbrenten auf der Musenalp im Urner Isental.

Zur Verfügung gestellt

«Wer sich in eine solche Kiste setzt, muss lebensmüde sein», schreibt ein Leser auf den Online-Portalen der «Nordwestschweiz» als Reaktion auf den tödlichen Unfall mit einer Materialseilbahn auf einer Schwyzer Alp. Wussten der Schweizer und seine kanadische Partnerin nicht, welcher Gefahr sie sich aussetzten, als sie sich mit ihrer einjährigen Tochter in die Transportkiste setzten? Hat der Alp-Mitarbeiter fahrlässig gehandelt? Wusste er schlicht nicht, was er tat?

Das Kind überlebte den Absturz schwer verletzt, die Eltern kamen ums Leben. Die Unfallursachen sind noch nicht geklärt.

Die Kantonspolizei hat zur Untersuchung einen Experten der Kontrollstelle des interkantonalen Konkordats für Seilbahnen und Skilifte (IKSS) herbeigezogen. Dies, obwohl Materialseilbahnen nicht unter die Kompetenz des IKSS fallen, IKSS-Experten aber über das nötige Wissen verfügen.

Ein Kavaliersdelikt?

Fachstellen, Vorschriften, Verbote – die Alpen sind weit weg, die Bergbauern häufig auf sich gestellt und der Weg vom Tal beschwerlich. Das ist auch bei jener Bergbauernfamilie aus Engelberg nicht anders, die sich in der Montagsausgabe von «Schweiz aktuell» des Schweizer Fernsehens interviewen liess.

Regelmässig, so die Bauernfrau, würde sie oder ein anderes Familienmitglied die Seilbahn nutzen, um auf ihre abgelegene Alp zu gelangen. Das, obwohl die Bahn nicht für Personentransporte zugelassen ist. Eine Alpinistin behauptete am Dienstag im «Blick», regelmässig in solche Kisten zu steigen, um die Klettergebiete hoch über der Baumgrenze rascher zu erreichen.

Wer die Einfachheit der Einrichtungen indes genauer betrachtet, mag über solchen Wagemut dreimal leer schlucken. Sie sind für den Transport von Gütern ausgerichtet. Die nötigen Sicherheitsvorrichtungen für Personentransporte fehlen – etwa ein Selbstbremsemechanismus.

Auch Jörg Beck, Geschäftsführer des Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verbands (SAV), schluckt leer, ehe er sagt: «Wenn die Betreiber sich hineinsetzen, ist das nicht ohne Risiko. Fremde damit zu transportieren, grenzt an Grobfahrlässigkeit.»

Klare Worte wählt auch Heinz Feldmann von der Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft (BUL). Illegal und fahrlässig sei es, sich damit transportieren zu lassen. Er wundert sich aber nicht: Der verbotene Personentransport in Materialseilbahnen würde unter Berglern allzu oft als Kavaliersdelikt verstanden.

Tiefere Sicherheitsstandards spiegeln sich auch in den Kosten wieder. Eine Materialseilbahn kostet den Bruchteil einer Personenseilbahn. Ab 100 000 Franken ist eine Alpgenossenschaft dabei, will sie eine einfache Materialseilbahn bauen. Für eine vergleichbare Bahn, mit der Personen transportiert werden dürfen, sind um die zwei Millionen fällig, wie angefragte Fachleute sagen.

Zu tiefe Sicherheitsstandards?

Wenn Heinz Feldmann mit seinen Mitarbeitern stichprobenmässig Alpbetriebe besucht, dann nimmt er auch die Seilbahnen unter die Lupe. Ihm gegenüber würden die Sennen und Alpbewirtschafter jedoch niemals einräumen, dass sie ihre Seilbahnen auch mal zweckentfremden und sich selber damit herumtransportieren lassen. «Es stimmt mich traurig für die Alpwirtschaft, dass das so gemacht wird», so Feldmann. Schliesslich gebe es andere Möglichkeiten, wie Helitransporte oder organisatorische Massnahmen, die ergriffen werden könnten, wenn der Zeitdruck zu gross werde.

Die verbotene Praxis ist nicht nur unter Älplern verbreitet. Ein junger Waldarbeiter starb, nachdem er vor zwei Monaten im Bündner Misox in eine Materialbahn stieg und im Tal zerschellte. Unfälle in Forstbetrieben rufen die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva) auf den Plan.

Schwerwiegende Folgen sind aber auch dann vorstellbar, wenn keine Personen in den nicht dafür vorgesehenen Seilbahnen sitzen. Dann etwa, wenn Dritte auf einer Strasse oder einem Wanderweg getroffen werden. Müssten nicht die Sicherheitsstandards angehoben werden? Die angefragten Experten winken ab: zu teuer.

Gerade in den steilen Gegenden der Innerschweiz oder des Glarnerlands seien Materialseilbahnen ein Lebensnerv. Für die Schweizer Berghilfe, die Seilbahnen mitfinanziert, sind diese Anlagen für die Alpbewirtschaftung «eminent wichtig», wie Sprecher Ivo Torelli sagt. Höhere Sicherheitsstandards würden den Bau manch einer verhindern. Es gehe aber um nicht weniger als die Erschliessung abgelegener Alpen.

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