Essay
Sei es bei der Arbeit oder zu Hause: Mama wird’s schon richten

Mütter sollen «mehr arbeiten», um den drohenden Fachkräftemangel zu verhindern – fordert die Wirtschaft. Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, stellt sich aber als Herkulesaufgabe dar. Die Wirtschaft muss entsprechende Strukturen schaffen.

Sibylle Stillhart
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Nun also die Mütter. Seit das Stimmvolk am 9. Februar die Masseneinwanderungs-Initiative angenommen hat, ist der Ruf nach Fachkräften laut geworden. Diese Fachkräfte, so die Sorge der Wirtschaft, würden fehlen, falls ausländisches Personal bald einmal nicht mehr in die Schweiz einreisen dürfte.

Frauen in der Arbeitswelt: Ein paar Zahlen

71 Stunden pro Woche beträgt der Zeitaufwand einer erwerbstätige Mütter, die sich nach Büroschluss um Kind und Haushalt kümmert.

60 Prozent der Frauen (das sind 1,2 Millionen) arbeiten Teilzeit; davon sind 220 000 unterbeschäftigt und möchten mehr arbeiten.

30 Prozent der Mütter mit Kindern bis sechs Jahre sind nicht erwerbstätig.

7,7 Milliarden Franken entgehen den Frauen pro Jahr aufgrund der Lohndifferenz von 18,9 % zu den Männern in gleichen Positionen.

Um diesem Ausfall vorzubeugen, sollen nun also die Mütter in die Bresche springen – ihre Teilzeit-Pensen aufstocken und mehr arbeiten. So weit, so einfach.

Als ob die Vereinbarung von Beruf und Familie ein Kinderspiel wäre! Nicht nur das: Heute sollte eine Mutter ihr Baby mindestens sechs Monate lang stillen, nach der Geburt aber schnellstmöglich, nach 14 Wochen Mutterschaftsurlaub, an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Im Büro aber sollte sie sich bitteschön etwas anstrengen, denn, das wissen wir seit den Ausführungen von Roland A. Müller, Direktor des Arbeitgeberverbandes: Frauen geben sich einfach nicht genug Mühe, um wirklich Karriere zu machen, sagte er an einer Pressekonferenz zur Lohnstrukturerhebung diesen Frühling. Männer seien eher bereit, Sonderanstrengungen auf sich zu nehmen und «Arbeitszeiten weit über die regulären acht Stunden hinaus zu leisten».

Nicht nur deswegen ist das schlechte Gewissen der ständige Begleiter der berufstätigen Mutter. Denn eigentlich, so wird es immer noch erwartet, müsste sie sich 24 Stunden lang um ihr Baby kümmern, weil zumal am Anfang die Kleinen vor allem eins brauchen: die Mutter. Und ob der Nachwuchs in der Kita nicht doch einen Schaden fürs Leben nimmt, steht immer noch zur Diskussion.

Mehr arbeiten!

Dass Mütter in der Erwerbswelt mehr arbeiten sollen – diese Debatte wird auch bei unserem deutschen Nachbarn geführt. Die Arbeitswissenschaftlerin Christina Boll, Forschungsdirektorin am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut, glaubt etwa, dass es vor allem an den Müttern liege, dass so wenige Frauen eine Führungsposition innehaben.

Sie blieben einerseits zu lange im Mutterschaftsurlaub, andererseits arbeiteten sie zu lange auf Teilzeit-Stellen und liessen damit zu, dass die Männer ihren Vorsprung zementierten. Das ist der Grund, weshalb der ehemalige deutsche Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt für eine Verkürzung der gesetzlichen Elternmonate plädiert. Er will Frauen nach der Geburt wieder schneller in den Job bringen.

Ein Strauss an Anforderungen

Mama soll also Kinder beaufsichtigen und den Haushalt schmeissen, den sie immer noch mutterseelenallein bewältigt, weil der Mann gerade dabei ist, wirklich Karriere zu machen. Zudem soll sie den Nachwuchs in jeder Situation sanft, liebevoll und geduldig erziehen, egal welchen Blödsinn er gerade angestellt hat. Und ja, die Beziehung zum Mann darf natürlich auch nicht auf der Strecke bleiben. Aber als perfekte Partnerin, die selbstverständlich peinlichst genau auf ihr Äusseres achtet, weiss eine Frau von heute, wie sie ihren Mann verwöhnt. Und nun soll Mama auch noch länger im Büro bleiben, mehr arbeiten und bitte sehr Karriere machen.

Die Forderung, dass Mütter ihre Erwerbspensen aufstocken sollen, ist weder emanzipatorisch noch frauenfreundlich – selbst wenn sie unter dem Deckmantel der Gleichstellung daherkommt. Es geht nicht darum, Frauen zu fördern oder ihnen in der Arbeitswelt die gleichen Chancen wie den Männern einzuräumen. Es soll lediglich die Wirtschaftsleistung des eigenen Landes gesteigert werden, um Wettbewerbsvorteile gegenüber Konkurrenzländern zu gewinnen. In der Europäischen Union etwa hat sich der Begriff vom «dual earner couple» etabliert, also der Integration beider Elternteile in den Arbeitsprozess.

Tatsächlich steigen die Anforderungen an Mütter fast so schnell, wie die Mode wechselt – während die gesellschaftlichen Strukturen vor sich hin rosten. Die Arbeitswelt ist ziemlich träge, geht es um familienfreundliche Arbeitsbedingungen: Nach wie vor gilt als produktiv, wer von frühmorgens bis spätabends an seinem Arbeitsplatz ausharrt, egal wie effizient er tatsächlich ist.

«Karriere in Deutschland», hat der Trendforscher Matthias Horx einmal geschrieben, «ist ein Wettbewerb um Anwesenheitszeiten, um kommunikative Präsenz. Wer führt, muss nach dem Acht-Stunden-Tag noch für Meetings und Absprachen an der Bar zur Verfügung stehen. Kann sein Wochenende vergessen. Muss immer erreichbar sein.»

Das dicke Ende: Ein Burnout

Wo aber sind die Mütter, die es sich zeitlich leisten können, zwölf Stunden bei der Arbeit auszuharren und am Feierabend mit Kollegen in einer Bar abzuhängen?
Während ihre männlichen Berufskollegen ihr Feierabendbier geniessen, hetzt die berufstätige Mutter in die Kita und von dort mit dem Nachwuchs nach Hause, wo sie schnurstracks in der Küche verschwindet. Denn selbst wenn man offiziell von Gleichberechtigung spricht, hat sich in Wahrheit viel weniger verändert, als es scheint. Das merkt man erst dann, wenn ein Kind geboren wird. Mütter stehen – trotz guter Ausbildung – nach wie vor am Herd. Und dabei bleibt es meistens auch, wenn sie wieder zu arbeiten beginnen.

Diese Doppelbelastung hat vor allem eins zur Folge: Erschöpfung. «Burnout bei Hausfrauen und bei berufstätigen Müttern nimmt tendenziell zu», sagte Wulf Rössler, Vorsteher und Klinikdirektor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, unlängst in der «Nordwestschweiz».

In Deutschland, so liess sich Marlene Rupprecht vom sogenannten Müttergenesungswerk im «Spiegel» zitieren, seien in den letzten acht Jahren Erschöpfung, Depressionen, Angstzustände, Schlafstörungen und Burnouts um rund ein Drittel angestiegen. Frauen müssten Managerinnen für alles sein und sollen dabei auch noch guter Laune sein, das sei kaum machbar. Eine schwedische Studie hat die Gesundheit von Frauen um die fünfzig untersucht. Daraus ging hervor, dass über die Hälfte der Frauen frühzeitig zu arbeiten aufhört – aus Erschöpfung aufgrund der Doppelbelastung.

Die Politik hilft nicht weiter

Weder Wirtschaft noch Politik sind willens, an diesem überkommenen System etwas zu ändern. Zwar gehört es heute für fast alle politischen Parteien zum guten Ton, mehr Krippenplätze zu fordern, damit Frauen vom Erwerbsleben nicht ausgeschlossen würden. Allerdings helfen «mehr Krippenplätze» nicht, wenn sich eine Frau mehr oder minder allein darum kümmern muss, wie sie Familie und Beruf unter einen Hut bringt.

Familienfreundliche Strukturen würden bedeuten, dass etwa die Arbeitstage kürzer wären, die Möglichkeit für Home-Office bestünde oder projektbezogene Arbeiten zu Hause ausgeführt werden könnten, was in vielen Dienstleistungsberufen theoretisch problemlos möglich ist.

Was sich ändern muss

Was sich zwingend ändern sollte, ist die Arbeitskultur. Im Arbeitszeitmodell des 21. Jahrhunderts muss der Fokus auf die Familie gerichtet werden. Die Aufgabenverteilung zwischen den Geschlechtern muss neu definiert werden – auch in der Familie. Beispielsweise müssten Teilzeitbeschäftigungen für Väter genauso normal sein wie eine erwerbstätige Mutter, die von zeitraubenden Haushaltspflichten befreit ist.

Niemand will zurück in die starre Zweigeschlechterwelt, die schon so weit weg liegt, dass Schüler sie nur vom Hörensagen kennen. Doch an der sogenannten Vereinbarkeit von Familie und Beruf muss noch viel gearbeitet werden, solange sich Mütter bis zum Umfallen verbiegen müssen, wenn sie das tun, was mittlerweile von ihnen erwartet wird.

Denn wirklich geändert hat sich in den letzten zehn, zwanzig Jahren allein das Anforderungsprofil an die «moderne Mutter», das zu einer noch grösseren Gesamtbelastung der Frau führt. Alles andere ist beim Alten geblieben.

Sibylle Stillhart ist Mutter und freischaffende Journalistin