Irgendetwas stimmt nicht in diesem Büro. Aber was ist es? Erst mit der Zeit fällt einem auf: Nirgends steht ein Computer. Er sei seine neue Arbeitsstätte halt erst am Einrichten, sagt Christoph Graf – seit Februar dieses Jahres Kommandant der päpstlichen Schweizergarde – beinahe entschuldigend. Es ist freilich nicht der einzige Anachronismus im hohen Raum: An den Wänden hängen Porträtgemälde aller 34 Vorgänger Grafs. Gegründet wurde die Schweizergarde 1506. 

Herr Graf, sehen Sie den Papst jeden Tag?

Christoph Graf: Der Mittwoch ist ein fixer Termin. Dann ist jeweils Generalaudienz, und ich begleite den Papst zusammen mit dem Kommandanten der Gendarmerie auf den Petersplatz – er an seiner linken, ich an der rechten Seite. Ansonsten kommt es auf seine Agenda an. 

Viele Gläubige reisen von weit her nach Rom, um dem Papst einmal nahe zu sein. Ist es auch für Sie jedes Mal wieder ein spezieller Moment?

Ja. Aber unsere Aufmerksamkeit gilt alleine der Sicherheit des Papstes. Das ist nicht einfach, denn er lässt manchmal spontan das Papamobil stoppen, wenn wir bei der Audienz durch die Menge fahren.

Ist das für die Sicherheitskräfte nicht ein Horror?

Wir mussten uns daran gewöhnen. Es gibt schon Momente, wo wir denken, dass ein Anhalten jetzt nicht ideal ist. Aber wenn er es will, dann machen wir es natürlich.

Er hört nicht auf Ihre Sicherheitsbedenken?

Er wurde in den letzten zwei Jahren zurückhaltender beim Bad in der Menge, auch weil es manchmal brenzlig wurde. In Jordanien besuchte Franziskus Flüchtlinge aus Syrien und Irak. Plötzlich waren wir umzingelt von Menschen. Wir mussten uns mit Ellbogen aus der Menge befreien.

Sie sind seit Februar im Amt. Was haben Sie seither verändert?

Ich habe im Innenhof Grünpflanzen entfernt, es hatte zu viele.

Ist das alles?

Die Garde ist gut organisiert und funktioniert einwandfrei. Nur weil ich neu bin, muss ich nicht alles ändern. Ich habe einige Kommandanten erlebt, die das gemacht haben.

Welchen Auftrag haben Sie denn von Papst Franziskus erhalten?

Keinen konkreten. Mein Ziel ist, dass sich die jungen Gardisten bei uns wohlfühlen. Sie verlassen ihre Familie, ihre Freunde und ihre Heimat, sie kommen für zwei Jahre freiwillig zu uns. Wir sind es ihnen schuldig, dass wir eine Ersatzfamilie bieten.

Von Ihrem Vorgänger heisst es, er sei zu streng und militärisch gewesen.

Jeder hat seinen Führungsstil. Ich bin kein Militarist. Man muss seine Leute gern haben, wenn man sie führen will. Das ist das Wichtigste.

Wann wird die erste Frau in der Schweizergarde vereidigt?

Diesen Tag werde ich bestimmt nicht mehr erleben.

Die Schweizer Armee hat es auch geschafft. Wieso die Garde nicht?

Unsere Kaserne ist bereits jetzt ausgebucht. Wenn wir Frauen aufnehmen würden, müssten wir dafür einen speziellen Trakt einrichten.

Tönt nach guter Ausrede.

Wir haben ja eine Frau – die Sekretärin (lacht). Die Zeit für eine Frau in der Garde ist nicht reif. Wir haben eine Tradition, die seit 500 Jahren andauert und von der wir leben.

Das Problem liegt doch tiefer: Die katholische Kirche als Ganzes hat ein Frauenproblem.

Sehen Sie, die Kirche hat eine Tradition, die sie aufrechterhalten muss. Wo würde das hinführen, wenn sie jeder Modeströmung hinterherlaufen würde? Am Ende hätten wir plötzlich Bischöfinnen oder sogar eine Päpstin.

Na und?

Das geht nicht. Ich verstehe nicht, weshalb diese Fragen immer wieder aufkommen. Die Kirche hat ihre Lehre und ihre Regeln. Wer Mitglied der katholischen Kirche ist, kennt diese und muss sie akzeptieren.

In ihren 28 Jahren bei der Schweizergarde haben Sie drei Päpste erlebt. Wie unterscheiden sich diese voneinander?

Johannes Paul II. war jung und dynamisch. Ein Chrampfer, der sich aufopferte für die Kirche. Dann machte sich Ende der 1990er-Jahre seine Krankheit bemerkbar. Er wurde ruhiger, sein Programm war nicht mehr so dicht. Papst Benedikt war schon bedeutend älter, als er sein Amt antrat. Ich glaube, er suchte es gar nie. Seine öffentlichen Auftritte waren von Anfang an spärlich. Er wusste um seine Kräfte und ging damit haushälterisch um. Ein gut organisierter und strukturierter Tagesablauf war ihm sehr wichtig. Er nahm sich immer seine Pausen, auch auf Auslandreisen legte er grossen Wert darauf. Franziskus schliesslich wiederum ist mit Johannes Paul II. vergleichbar. Er ist voller Elan, obwohl er ja auch schon 78 Jahre alt ist! Ich bin von seinem Programm beeindruckt.

Wie ist Franziskus als Chef?

Er ist sehr väterlich. Er spricht mit allen, auch mit normalen Angestellten. Das gab es vorher nie. Früher mussten sich die Angestellten verstecken, wenn der Papst kam. Niemand sollte ihm begegnen. Franziskus hingegen ist für den Vatikan eine Revolution. Er sagte von Anfang an, dass die Leute nun mal arbeiten müssen und nicht einfach verschwinden können. Einmal ging er gar in die Mitarbeiterkantine essen. Er ist aber auch sehr entschlossen und entscheidungsfreudig.

Offenbar geht er auch ohne Begleitung aus dem Vatikan.

Innerhalb des Vatikans wissen wir nicht immer, wo er ist – auch das gab es vorher nie. Selbst dass er den Vatikan inkognito verlässt, ist gut möglich. Aber dann ist die Sicherheit immer diskret dabei.

Das sind ja alles schöne Zeichen. Aber geht die Revolution über den neuen Stil hinaus? Reformiert Franziskus die Kirche wirklich?

Er verändert die Kurie fortlaufend, das ist harte Arbeit. In welche Richtung es geht, kann ich nicht beurteilen. Sein Ziel ist, dass die Kurie nicht einfach befiehlt, sondern den Diözesen als Ratgeber zur Seite steht. Ich bin mir sicher: Papst Franziskus wird noch für einige Überraschungen gut sein.

Wie wichtig ist der persönliche Glaube für Ihre Arbeit?

Der Glaube und die Beziehung zur Kirche sind eine Voraussetzung. Ich bin in einer gläubigen Familie aufgewachsen, wir haben jeden Sonntag die Messe besucht. Als Gardist schwört man auf die Fahne, dass man bereit ist, sein Leben für den Papst zu lassen, wenn es die Situation erfordert. Und auch im Alltag sind unsere Dienste streng. Wenn man sechs Stunden alleine Nachtdienst leistet, muss man eine Überzeugung haben. Sonst macht man das nicht.

Bodyguards von Präsidenten müssen auch bereit sein, für ihren Auftraggeber zu sterben. Was ist der Unterschied?

Personenschützer von ranghohen Politikern sind sehr gut bezahlt. Wegen des Geldes muss man nicht zu uns kommen. Ein Gardist verdient 1500 Euro pro Monat.

Offenbar darf man während des Dienstes nicht mal trinken, wie sogar der Papst moniert haben soll.

Ach, bei solchen Anekdoten ist oft die Hälfte richtig und die Hälfte falsch. Es stimmt, dass Gardisten auf Dienstposten, die der Öffentlichkeit ausgesetzt sind, nicht trinken dürfen – es kann ja nicht sein, dass sie fotografiert werden, wie sie gerade eine Flasche ansetzen. Ein Dienst an den Eingängen dauert aber maximal sechs Stunden, mit einem Postenwechsel nach drei Stunden, das heisst, der Gardist hat immer wieder die Möglichkeit, etwas zu trinken. In den Wachtlokalen und auf weniger exponierten Posten dürfen sie auch mal einen Schluck nehmen.

Wie muss man sich das Leben eines Gardisten vorstellen? Gibt es zum Beispiel Urlaub?

Sie haben dreissig Tage Ferien pro Jahr, da sind aber Feiertage und Wochenende eingerechnet. Wir haben sechs Tage Dienst am Stück, dann folgen drei Reservetage – das sind keine freien Tage. Die Gardisten stehen für Einsätze zur Verfügung. Ist an diesen Tagen nichts geplant, hat der Gardist frei.

Dürfen die Gardisten eine Freundin haben?

Das sind normale Männer. Wir kontrollieren es nicht. Wenn sie eine haben, sollen sie ihr Sorge tragen (lacht).

Wie schwierig ist die Rekrutierung ihres Nachwuchses?

Pro Jahr brauchen wir 30 bis 35 neue Rekruten. Im Moment haben wir genügend Nachwuchs, nach der Wahl von Papst Franziskus gab es einen Schub. Aber es ist schwierig, die heutige Jugend hat keine grosse Beziehung mehr zur Kirche und zum Glauben. Die wichtigsten Werbeträger sind die Ex-Gardisten, die in ihrem Umfeld werben. Wir haben auch oft Firm- oder Ministranten-Gruppen als Gast in unserem Quartier und hoffen, dass der eine oder andere Interesse an der Päpstlichen Schweizergarde bekundet.

Warum öffnen Sie die Schweizergarde nicht für andere Staatsangehörige?

Das geht nicht, es wird ein Privileg für Schweizer bleiben. Die Garde wird eher aufgelöst, als dass sie Ausländer aufnimmt. Dazu ist sie zu stolz.

Die Gardisten dürfen in den ersten acht Monaten nicht für längere Zeit in die Schweiz zurückkehren. Das schreckt ab.

Das glaube ich nicht. Die Gardisten sollen Zeit haben, sich hier zu akklimatisieren. Nach drei Monaten gibt es eine erste Prüfung. Wenn die Gardisten diese bestehen, erhalten sie drei Tage Urlaub. Manche kehren dann auch nach Hause zurück.

Denken sich nicht viele Junge, dass zwei Jahre bei der Garde ihrer Berufskarriere schaden?

Im Gegenteil, für viele ist die Zeit in Rom ein Sprungbrett. Zahlreiche Gardisten wechseln später in den Sicherheitsdienst, zur Grenzwache oder zur Polizei. Da helfen ihnen die Erfahrungen, die sie hier machen. Es gibt auch einen bis zwei Gardisten pro Jahr, die danach Priester werden oder in ein Kloster eintreten.

Woher stammt Ihr Nachwuchs?

Der Kanton Bern stellt acht Gardisten – erstaunlich für einen protestantischen Kanton. Sonst stammen sie mehrheitlich aus katholischen Kantonen. Aus dem Wallis alleine kommen derzeit 17 Gardisten.

Werden die Kandidaten über ihren Glauben befragt?

Ja. Bei diesen Gesprächen ist immer auch der Kaplan dabei. Es wird intensiv über den Glauben gesprochen und über die persönliche Einstellung zum Leben. Wir stellen hier aber schon Veränderungen fest. In der Schweiz gibt es ja praktisch kein Pfarreileben mehr. Am Wochenende gibt es eine Messe, unter der Woche läuft nichts mehr. Das war früher ganz anders.

Die Öffentlichkeit kennt die Gardisten in ihren Uniformen. Wie viel von ihren Aufgaben sind für die Sicherheit und was ist schlicht Folklore und Foto-Sujet?

Die Schildwachen an zwei Eingängen zur Vatikanstadt haben nichts mit der Sicherheit zu tun. Sie leisten Ehrendienst und begrüssen die ein- und ausgehenden Personen im Namen des Papstes. Alle übrigen Gardisten sind im Sicherheits- und Ordnungsdienst eingesetzt. Unsere Mission ist ganz klar: Wir sind für die Sicherheit des Papstes verantwortlich.

Sind Sie in Zeiten des Terrors wirklich gewappnet für diese neuen Gefahren?

Wir sind ausgebildet im Gebrauch von Schusswaffen und im Nahkampf. Jeden Monat gibt es Wiederholungskurse und einmal jährlich Sporttests. Wer in der Garde dienen will, muss fit sein.

Was ausser der Tradition prädestiniert die Schweiz dazu, die Garde des Papstes zu stellen? Hat es mit unserer Milizarmee zu tun?

Wir haben sehr gute Beziehungen zur Schweizer Armee, sind aber unabhängig. Wir werden vom Vatikan und nicht von der Schweiz besoldet. Die Rekrutenschule ist aber Voraussetzung für einen Gardisten. Es ist für uns schlicht einfacher, da bei Absolventen der Rekrutenschule die formelle Ausbildung bereits erfolgte. Sie können bereits marschieren und haben Schiessen gelernt. Zudem wurden sie bereits mit Eigenschaften wie Kameradschaft, Einsatz für das Gemeinwohl, Zurückstellung der Eigeninteressen und Disziplin konfrontiert. Das verkleinert den Schulungsaufwand.

Papst Franziskus wohnt im Gästehaus und nicht in der päpstlichen Wohnung. Welche Auswirkungen hat das auf die Garde?

Das ist für uns ein Mehraufwand, wir mussten in der neuen Residenz Dienstposten einrichten. Für uns wäre es einfacher, wenn er im Apostolischen Palast wäre.

Und auf die päpstliche Limousine verzichtet er nach wie vor?

Ja. Er lässt sich in einem kleinen Ford Focus chauffieren. Er lebt wirklich sehr einfach und bescheiden. Bereits als Kardinal in Argentinien war er so. Damals benutzte er den öffentlichen Verkehr und war zu Fuss unterwegs. Diesem Stil blieb er treu.

Haben Sie noch Kontakt mit Ex-Papst Benedikt?

Nein. Er wohnt im Vatikan. Aber wir sind nicht für seinen Schutz zuständig. Das macht die Gendarmerie. Persönlich sieht man ihn ab und zu. Er lebt sehr zurückgezogen.

Sie sind oft mit dem Papst im Ausland. Wie unterscheiden sich die verschiedenen Reisen?

Die eindrücklichsten Erlebnisse hatten wir auf den Philippinen. Diese schiere Masse und die Begeisterung der Leute waren gewaltig! Als wir mit Papst Benedikt durch Berlin fuhren, stand kaum jemand am Strassenrand. In Zürich wäre es wohl nicht anders. Auf den Philippinen hingegen standen Millionen Menschen Spalier und zur Hauptmesse kamen sechs bis sieben Millionen Gläubige. Das ist eine andere Kirche, diese Kirche lebt.

Wann bringen Sie den Papst in die Schweiz?

Das wäre schön. Aber der Papst muss einen Anlass dazu haben – zum Beispiel ein Jubiläum.

Gibt es Einladungen von Schweizer Bischöfen?

So viel ich weiss, ja. Der Papst entscheidet aber, wohin er reist. Es gibt nicht nur zwei, drei Anfragen pro Jahr.

Bei uns wird derzeit der Fall Bürglen heiss diskutiert. Solche Fälle zementieren ein rückständiges Bild der Kirche.

Was heisst rückständig?

Ein Pfarrer hat ein lesbisches Paar gesegnet. Homosexualität ist mittlerweile gesellschaftlich breit akzeptiert. Und: Die Kirchgemeinde in Bürglen steht geschlossen hinter ihrem Pfarrer.

Muss sich die Kirche immer der Gesellschaft anpassen? Der Fall Bürglen wird als Anlass benutzt, um die Kirche als rückständig darzustellen. Aber glauben die Einwohner von Bürglen wirklich noch? Gehen all diese Leute zur heiligen Messe, die nun die Kirche kritisieren? Vergessen Sie nicht, die Schweizer Kirche ist nicht die Weltkirche.

Sie beurteilen die Haltung der Kirche gegenüber Homosexuellen nicht als rückständig?

Nein. Es kommt auf die Einstellung an. Wenn die Kirche mit der Gesellschaft gehen will, müsste sie zum Beispiel Abtreibungen erlauben und Homo-Ehen schliessen. Aber ist das dann wirklich noch die römisch-katholische Kirche? Die Kirche schliesst die Homosexuellen nicht aus. Die Frage ist, ob Homosexuelle ihre Sexualität ausleben oder nicht. Wenn sie das tun und katholisch sein wollen, geht das nicht. Da ist die Kirche klar.