Grossverteiler werben mit «3 für 2»-Aktionen und bieten Familien-XXL-Packungen feil, die Konsumenten greifen herzhaft zu. Viele Esswaren aber landen im Abfall statt auf dem Teller: Weltweit geht gemäss einer Schätzung der UNO rund ein Drittel aller produzierten Lebensmittel verloren, in der Schweiz ist die Grössenordnung dieselbe. Macht 300 Kilogramm Lebensmittelabfälle pro Kopf und Jahr respektive 2,3 Millionen Tonnen für die gesamte Schweizer Bevölkerung.

Das ist nicht nur moralisch verwerflich – die in Europa weggeworfenen Lebensmittel würden genügen, um die Hungernden dieser Welt zweimal zu ernähren –, es kostet auch eine Stange Geld: Laut einer aktuellen Studie der Berner Fachhochschule landen hierzulande pro Haushalt und Jahr Esswaren im Wert von mehr als 2000 Franken im Müll. Die London School of Economics schätzt die weltweiten Kosten von Nahrungsmittelabfällen auf vier Prozent des globalen Bruttosozialprodukts.

Tierisches Futter für die Schweine

Nun will die Politik handeln. Nächsten Dienstag stimmt der Nationalrat über eine Motion seiner Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) ab, die dem Bundesrat einen klaren Auftrag erteilt: Er soll aufzeigen, welche Gesetze vereinfacht oder aufgehoben werden können, um Lebensmittelverluste zu reduzieren.
Der Zürcher FDP-Nationalrat und Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler, Initiant der Motion, denkt diesbezüglich primär an zweierlei Regulierungen: «Erstens sollen tierische Lebensmittelabfälle wieder an Schweine verfüttert werden dürfen», sagt er. Dies ist seit dem Ausbruch der Maul- und Klauenseuche Anfang Jahrtausend europaweit untersagt – eine Sicherheitsmassnahme, die laut Bigler heute nicht mehr nötig sei. «Zweitens soll das Mindesthaltbarkeitsdatum auf Lebensmitteln eine Wandlung erfahren: Statt ‹zu verkaufen bis› könnte auf den Produkten zukünftig beispielsweise ‹best before› stehen.»

Der letzte Käse für die Nationalrätin

Die von der WBK einstimmig beschlossene Motion stösst im Parlament auf breite Zustimmung. «Allzu rigide Regulierungen verhindern, dass Lebensmittel über das Verfallsdatum hinaus verkauft werden können, obwohl dies in vielen Fällen gesundheitlich völlig unbedenklich wäre», sagt die Luzerner CVP-Nationalrätin Andrea Gmür. Kürzlich habe sie dies selbst erlebt, als sie in einem Lebensmittelgeschäft den letzten Käse erwerben wollte, der im Verkaufsregal lag. «Leider war das Verfallsdatum überschritten. Obwohl ich den Käse auf meine eigene Verantwortung hin kaufen wollte, durfte ich nicht.»

Für die Thurgauer SVP-Nationalrätin Verena Herzog ist die rigide gesetzliche Handhabung von Ablaufdaten «ein typischer Fall einer gut gemeinten, aber nicht bewährten Überregulierung», die nun angepasst, überarbeitet oder abgeschafft werden müsse.

Unterstützung findet die Motion auch bei linken Parlamentariern. Regulierungen im Ernährungsbereich seien historisch vom Aspekt der Lebensmittelsicherheit geprägt, sagt der Aargauer Grünen-Nationalrat Jonas Fricker. «Dabei wurde zu wenig beachtet, dass die Regulierungen zu mehr Lebensmittelverschwendung führen können.» Die Motion der WBK versuche, diese Entwicklung zu korrigieren, indem Aspekte der Lebensmittelsicherheit, der Ökologie und der Ressourceneffizienz sinnvoll abgewogen werden. «Vorschriften sollten sich auf hygienetechnisch heikle Produkte beschränken, bei denen gesundheitliche Risiken nicht immer mit Geruchs- und Geschmackssinn spürbar sind», sagt Fricker. Er denke dabei etwa an Produkte mit rohen Eiern, welche Salmonellengefahr bergen.

Für Deregulierung «dort, wo zu viele Vorschriften zu grösseren Abfallbergen führen», tritt auch die SP ein, wie Matthias Aebischer sagt. Der Berner Nationalrat allerdings gibt zu Bedenken, dass Regulierung auch zu einer Reduktion von Foodwaste führen könne. «Wer beispielsweise für Kompost und Abfall Gebühren bezahlen muss, überlegt sich zweimal, was man noch brauchen kann und was nicht.»

Kanton Solothurn macht Druck

Gegen Nahrungsmittelverschwendung will gegenwärtig nicht nur die WBK vorgehen. Druck macht auch ein kantonales Parlament: Vergangene Woche hat der Solothurner Kantonsrat eine Standesinitiative ans Bundesparlament in Bern überwiesen. Mit der Forderung, das Parlament solle endlich «verbindliche Zielvorgaben zur Verringerung von Lebensmittelverlusten definieren».