Krisengeschäft

Schweizer Versicherungspolicen für Zypern?

«Schande»: Protestnotiz an einem Schild der Zentralbank von Zypern. Petros Karadjias/Keystone

«Schande»: Protestnotiz an einem Schild der Zentralbank von Zypern. Petros Karadjias/Keystone

Wie die Schweizer Finanzbranche versucht, mit Sicherheitsüberlegungen für Zypern ein Geschäftsmodell zu basteln. Die Akquisition von Neugeldern ist nicht nur in Fällen wie Zypern eine Strategie.

Der Schweizer Versicherungsbroker Gonthier sorgt in Zypern für heisse Köpfe. Per E-Mail hat sich das Büro in Montreux den potenziellen Kunden in Erinnerung gerufen. Dabei erinnerte Gonthier an die sichere Schweizer Alternative, im Speziellen an «Anlagevehikel mit sehr tiefem Profil, die nicht als Bankkonten oder Trust klassifiziert werden und deshalb nicht auf dem Radarschirm nationaler Steuerbehörden erscheinen würden», wie die «International Herald Tribune» gestern schrieb.

Wie die Chefin von Gonthier, Tilly Schneeberger Gonthier, gegenüber der «Nordwestschweiz» bestätigt, ging das E-Mail an zypriotische Rechtsanwälte und auf diesem Weg dann wohl an die internationale Presse. Dabei stecke keine schlechte Absicht dahinter, und man sei auch nicht an Schwarzgeldern interessiert, wie es der Artikel in der «International Herald Tribune» andeutet. «Wir wollen sicher keine unversteuerten Gelder und derzeit sind die Gelder in Zypern wegen der Kapitalkontrollen ja sowieso blockiert», so die Gonthier-Chefin.

Bisher noch nichts verkauft

Wenn in Zukunft aber die Kapitalexportkontrollen einmal gelockert würden, dann würden sichere Finanzplätze wie die Schweiz bestimmt vermehrt Gelder von verunsicherten Anlegern auf Zypern anziehen. «Schweizer Finanzinstitute sind sicherer, weil sie besser reguliert sind als die Institute in anderen Ländern», sagt Schneeberger Gonthier.

Der Westschweizer Broker mit drei Mitarbeitern verkauft vor allem Lebens- und Rentenpolicen von grossen Schweizer Versicherungskonzernen – Namen nennt die Geschäftsführerin keine. Sie steht aber mit Überzeugung hinter den Produkten: «Geld ist bei Schweizer Versicherern sicherer als bei Banken, weil Versicherungen besser reguliert sind», so Schneeberger Gonthier. Bisher habe noch niemand in Zypern auf ihr Angebot geantwortet. «Das braucht seine Zeit.»

Für Insider gilt als sicher, dass Zypern dieser Tage auch bei Banken ein grosses Thema ist. «Die Banken spielen Zypern ganz bestimmt, auch wenn sie es nicht öffentlich sagen», so eine Schweizer Bankerin, die nicht namentlich genannt werden will, gestern gegenüber der «Nordwestschweiz». «Spielen» heisst im Jargon: Man sorgt dafür, dass sich Anleger in ganz Europa weiter darüber sorgen, dass ihre Gelder dereinst auch für eine Bankrettung im Stile von Zypern beigezogen werden könnten. «So fliessen Gelder von kritischen Peripheriestaaten wie Spanien, Portugal, Slowenien und Italien in die Schweiz und andere als sicher eingestufte Finanzplätze», so die Bankerin weiter.

Unsicherheit lässt Gelder fliessen

Mojmir Hlinka von dem unabhängigen Vermögensverwalter AGFIF wittert dahinter eine bewusste Strategie zur Akquisition von Neugeldern. «Die Banken nutzen die Unsicherheit der Anleger, um neue Gelder zu gewinnen», so der Zürcher Vermögensverwalter. Dabei sei aber klar, dass Zypern ein isolierter Einzelfall sei und in anderen Ländern Einleger wohl nie zur Rettung einer Bank beisteuern werden müssen. «Schweizer Finanzinstitute haben kein Interesse, dass sich diese Auffassung durchsetzt, weshalb sie über den verlängerten Arm ihrer Research-Abteilungen bewusst die Information streuen, dass mit Zypern ein Tabubruch an Einlegern begangen wurde und ihre Gelder in Europa nicht mehr so sicher sind wie vor dem Zypern-Fall», so Hlinka.

Risiken werden neu eingeschätzt

Daniel Kalt, Chefökonom Schweiz bei der UBS, ist auch der Ansicht, dass nach dem «Tabubruch» von Zypern Geldflüsse von strukturell schwachen Finanzländern in strukturell stärkere Länder zu beobachten sein werden. «Vermögende Kunden werden ihr international diversifiziertes Portfolio stärker auf die sicheren Finanzplätze ausrichten», so Kalt im Gespräch. Hinter einer solchen Aussage stecke aber keine heimliche Akquisitionsstrategie. «Nachdem in Zypern erstmals bei einer Bankrettung Einleger zur Kasse gebeten worden sind, ist es meiner Ansicht nach eine logische Konsequenz, dass auch ausserhalb von Zypern Anleger ihre Risiken neu einschätzen und ihre Gelder neu diversifizieren und allozieren werden», so Kalt gegenüber der «Nordwestschweiz».

Am meisten leiden unter dem Geldabfluss würde Zypern. Kein Wunder, dass man auf der Mittelmeerinsel über Werbemailings aus der Schweiz derzeit keine Freude hat.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1