Bundespolizei
Schweizer Tamilen kritisieren Grossrazzia

Die Polizeiaktion gegen die zehn Personen aus dem Umfeld der Tamil Tigers sorgt bei Schweizer Tamilen für Unmut. Die Razzia sei nicht verhältnismässig und werfe ein negatives Licht auf die ganze Gemeinde.

Jessica Pfister
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Keystone

Bei Lathan Suntharalingam klingelt seit gestern fast ununterbrochen das Telefon. Familienangehörige der gestern von der Bundespolizei verhafteten Tamilen bitten den 36-jährigen Luzerner

Tamilen in der Schweiz

Die Schweiz beherbergt die zweitgrösste Tamilengemeinde weltweit. Die ersten Flüchtlinge trafen 1983 ein, als der Bürgerkrieg eskalierte. Laut dem Bundesamt für Migration (BfM) leben derzeit etwa 30 000 Flüchtlinge aus Sri Lanka in unserem Land. Dazu kommen 18 000 eingebürgerte Sri Lanker mit Schweizer Pass. Fast alle der total 48 000 Sri Lanker in der Schweiz gehören der Minderheit der Tamilen an. Als sich der Krieg 2006 bis 2009 zuspitzte, stieg die Zahl der Asylsuchenden aus Sri Lanka laut BfM an, 2010 setze sich dieser Trend nicht mehr fort. Vor einem Jahr hatte die tamilische Exilgemeinschaft in der Schweiz eine Abstimmung durchgeführt. Diese ergab, dass über 99 Prozent auch nach dem Ende des Bürgerkriegs einen eigenen Staat in Sri Lanka wollen. (jep)

Doch für den Politiker ist klar: «Die Polizei-Aktion war nicht verhältnismässig». Die verdächtigten Personen würden alle schon lange in der Schweiz wohnen und es hätte auch zu keinem Zeitpunkt Fluchtgefahr bestanden. «Zudem weiss ich, dass viele in ständigem Kontakt zur Polizei standen.»

«Schadet Integrität der tamilischen Bevölkerung»

Suntharalingam bedauert die Grossrazia auch deshalb, weil sie der Integrität der tamilischen Bevölkerung in der Schweiz schade. «Wahrscheinlich hat die sri-lankische Regierung Druck gemacht, so dass die Schweiz in der Öffentlichkeit ein Zeichen gegen die Bekämpfung der Tigers setzen musste.»

Die Bundesanwaltschaft verneint diese Vermutung: «Es ist nicht ungewöhnlich, solche Polizeiaktionen auch öffentlich zu kommunizieren», sagt die Medienverantwortliche Walburga Bur. Das sei in vergleichbaren Fällen in der Vergangenheit ebenso geschehen. Laut der Bundesanwaltschaft werden die Festgenommenen derzeit befragt.

Mit in die Untersuchungen sollen allfällige Aussagen von Opfern und Zeugen fliessen, für welche die Bundesanwaltschaft eine Hotline eingerichtet hat. Je nach Ergebnis komme es zu einer oder mehreren Anklagen - oder zu einer Einstellung des Verfahrens.

«In Europa nicht mehr aktiv»

Und was sagt Politiker Suntharalingam zu den Vorwürfen der Bundesstaatsanwaltschaft, dass die Beschuldigten über Jahre in der Schweiz lebende Landsleute zur Unterstützung der Untergrundorganisation Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) gezwungen haben sollen?

«Wenn die betroffenen Personen gegen die Rechtsstaatlichkeit verstossen haben, ist völlig klar, dass sie die Bundesanwaltschaft zur Rechenschaft ziehen muss.» Er glaube aber nicht daran, dass Geldeintreiber heute noch Druck auf Tamilen in der Schweiz ausüben. «Sei dem Ende des Bürgerkriegs im Mai 2009 ist die LTTE auch in Europa nicht mehr aktiv.»