Protest
Schweizer Spieler sollen in Russland mit regenbogenfarbenen Schnürsenkeln auflaufen

Grossbritannien und Island schicken keine Politiker an die Fussball-WM in Russland. 60 Europa-Abgeordnete haben die EU-Staaten zu einem politischen Boykott aufgerufen. Und auch zwei Schweizer Politiker wollen einen Boykott: Grünen-Präsidentin Regula Rytz und SP-Nationalrat Fabian Molina. Grund: die Politik von Wladimir Putin.

Othmar von Matt
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Schweizer Fussballer sollen in Moskau Regenbogenfarbe zeigen. Keystone

Schweizer Fussballer sollen in Moskau Regenbogenfarbe zeigen. Keystone

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In der Schweiz stehen Rytz und Molina aber einsam da. Selbst die schärfsten Russland-Kritiker sprechen sich gegen einen Boykott aus. «Damit bestraft man die Fussballer, nicht die russischen Behörden», sagt SP-Nationalrat Carlo Sommaruga. Ein Zeichen wollen die Kritiker dennoch sehen. Ein fantasievolles vielleicht sogar, wie SP-Nationalrat Martin Naef augenzwinkernd anregt: «Mir wäre es am liebsten, wenn die Spieler der Schweizer Nationalmannschaft mit regenbogenfarbenen Schnürsenkeln präsent wären und Bundespräsident Alain Berset eine regenbogenfarbene Captain-Binde tragen würde.» Berset besucht am 17. Juni das Spiel Schweiz gegen Brasilien.

Die Regenbogenfarben stehen als Symbol für Lesben, Schwule, bisexuelle und transgeschlechtliche Menschen. Regenbogen-Schnürsenkel und Regenbogen-Captainbinden wären für ihn «ein Zeichen für Vielfalt und Offenheit, für Meinungsäusserungsfreiheit und Menschenrechte», sagt Naef. «In einem Land wie Russland, das eine Anti-Homosexuellen-Gesetzgebung hat.» Schweizer müssten diese Offenheit gerade an einer Fussball-WM einfordern, «an der Völkergemeinschaft und Begegnungen zelebriert werden», sagt Naef.

Russland-Kritikerin Christa Markwalder betont die Bedeutung der Schweizer Olympia-Kandidatur Sion 2026: «Sind die demokratischen westlichen Staaten nicht mehr dazu bereit, Olympische Spiele durchzuführen, nutzen Staaten wie Russland diese Spiele für ihre politische Propaganda.» Russland-Kritiker Carlo Sommaruga nimmt das Parlament in die Pflicht. Es müsse besser aufpassen, dass es «keine Russen offiziell empfängt, die sich auf der Sanktionsliste der EU befinden». Er spricht von einem Überaktivismus, welcher der Schweizer Diplomatie schade.

Sommaruga denkt an den Besuch von Juri Leonidowitsch Worobjow vor zwei Wochen. Der stellvertretende Vorsitzende des russischen Föderationsrates steht auf der EU-Sanktionsliste. Wie Wjatscheslaw Wolodin, Präsident der russischen Duma. Er gilt als enger Vertrauter Putins, war im Februar in Bern.

Die Treffen mit Putin

Die diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Russland sind seit dem Kalten Krieg wieder enger geworden. Fast so eng, wie sie es vor über 200 Jahren mal waren. 1814 ernannte Zar Alexander I. mit Capo d’Istria erstmals einen Emissär bei der eidgenössischen Tagsatzung. Und Russland setzte sich am Wiener Kongress 1815 für eine unabhängige und neutrale Schweiz ein. Zurzeit sind es Ständerat Filippo Lombardi und Yves Rossier, Schweizer Botschafter in Moskau, die sehr enge Beziehungen in Russland pflegen. Rossier traf Putin schon nach sechs Monaten in Moskau persönlich.

Auch Filippo Lombardi begegnete Putin. An den Winterspielen von Sotschi übergab er ihm einen Schal seines Hockeyvereins Ambri-Piotta. Er könne die WM nicht besuchen, sagt er. «Aber ich boykottiere sie nicht, ich sehe keinen Grund dazu.» Lombardi kritisiert die Sanktionen gegen russische Parlamentarier. «Sanktionen sind ein Instrument der Machtpolitik zwischen Staaten: USA gegen Iran, EU gegen Russland.» Die Schweiz habe die EU-Sanktionsliste nicht übernommen. «Doch das Aussenministerium informiert die anderen Schengen-Länder, wenn wir Gäste empfangen, die auf der EU-Sanktionsliste stehen.» Lombardi kann sich nur an einen Fall erinnern, in welchem Sanktionen etwas bewirkt haben: «Im Fall von Südafrika mit der Apartheid.»

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