Partnervermittlung
Schweizer sind Europameister in Sachen Internetsex

In keinem anderen europäischen Land ist der Drang nach unverbindlichem Sex im Internet so gross wie in der Schweiz. Zudem sind die Schweizer bereit, so viel wie sonst nirgends dafür zu bezahlen.

Daniel Meyer
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Die ganze Schweiz leidet unter der aktuellen Frankenstärke. Niemand kann scheinbar noch Geld verdienen in der Schweiz. Alle sehen sich zu Massnahmen gezwungen wie Arbeitszeitverlängerungen oder dergleichen. Ist dem wirklich so? Nicht ganz. Es gibt da zumindest eine Branche, in der sich noch Gewinne einstreichen lassen. Es ist dies die Online-Dating Branche. Zu Beginn noch in die Schmuddel-Ecke gedrängt, wandelte sie sich in den vergangenen Jahren je länger, je mehr zu einem ernst zu nehmendem Wirtschaftszweig mit glänzenden Zukunftsaussichten.

«Wie Busfahren»

«Vom Online-Dating erzählt man mittlerweile wie vom Busfahren», sagt Daniel Baltzer, Geschäftsführer von Metaflake, die kürzlich einen Bericht herausgegeben hat, in dem die Branche aus Schweizer Sicht durchleuchtet wird. Es geschieht dies erst zum zweiten Mal, bisher wurde die Branche in dieser Hinsicht stiefmütterlich behandelt.

Mittlerweile ist der Markt - gerade in der Schweiz - hart umkämpft. Nicht nur «Ashley Madison» betreibt eine aggressive Werbe-Strategie mit dem Slogan «gönn dir eine Affäre». So gibt es hierzulande bereits über 100 Plattformen, die um Mitglieder buhlen, und es kommen laufend neue dazu. Gerade kürzlich ging Ringier mit einer entsprechenden Plattform online.

Die Angebote der Singlebörsen lassen sich grob in vier Bereiche einteilen: erstens Kontaktanzeigen-Marktplätze für die eigenverantwortliche Suche, zweitens Partnervermittlungen mit psychologisch basierter Vermittlung, drittens Adult-Dating für erotische Kontakte und viertens Nischen-Portale (z.B. für Alleinerziehende, Mollige, Gläubige etc.). In der Schweiz sind die meisten in der ersten Kategorie angesiedelt, wobei die erfolgreichsten Sites Zweigstellen internationaler Dating-Konzerne sind.

Sonderfall Schweiz

Die Schweiz spielt in dieser Branche eine Sonderrolle. Dies geht aus der Untersuchung hervor, für die Gespräche mit den Betreibern der grössten Plattformen geführt wurden: Denn von 7,7 Millionen Schweizern sind rund 950 000 «Single», wobei der Begriff schwierig zu definieren ist (gilt er etwa auch für Verwitwete?). Im Laufe eines Jahres aber haben rund 1,4 Millionen Schweizer zeitweise diesen Status.

Die internetbasierte Partnersuche boomt in der Schweiz seit Jahren, seit 2002 erstmals mehr als 100 000 Kontaktanzeigen im Netz aufgeschaltet waren. Der Branchenumsatz für 2010 lag laut metaflake bei über 30 Millionen Franken, was einer Steigerung von 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Auch 2011 sei von einer Steigerung von 5 bis 10 Prozent auszugehen. «Die Schweizer zahlen alles, egal, was man verlangt», so Baltzer weiter. Beispielsweise zahlte ein Schweizer im Jahre 2009 monatlich durchschnittlich 4 Franken, einzelne bis User zu 100 Franken, so viel wie nirgends sonst in Europa.

Die Deutschen etwa zahlen nur einen Drittel bis die Hälfte davon, dies auch darum, weil die Angebote in der Schweiz rund doppelt so viel kosten wie in Deutschland. Blickt man jedoch in das Mutterland des Online-Datings - die USA - ist noch Steigerungspotential vorhanden: ein Amerikaner gab im Schnitt 5 Franken für derlei Aktivitäten aus.

Enormer Zulauf

Das hohe Schweizer Preisniveau schmälert aber keinesfalls den Zulauf: Sage und schreibe 1,1 Millionen User surfen regelmässig im Internet auf entsprechenden Plattformen. Noch einmal kommen rund 25 Prozent hinzu; es sind dies beispielsweise Männer, die eigentlich noch in einer Beziehung leben. Aktuell loggen sich monatlich rund 565 000 Schweizer in Singlebörsen ein, weitere 445 000 in «Adult Dating» Sites; Seiten mit eindeutig zweideutigen Inhalten. Dies ergibt, auf einen Wert «pro 1000 Einwohner» gerechnet, mehr als 58 Personen.

Die Briten beispielsweise kommen hier nur auf einen Wert von 52, die Schweden auf 48 und die Deutschen auf 44 Personen. Weit abgeschlagen sind die Südeuropäischen Länder: Spanien, Portugal und Italien kommen lediglich auf 20 bis 30 User pro 1000 Einwohner.

«Die Schweizer sind zurückhaltend, weshalb sie das eine oder andere erotische Abenteuer verpassen», doch beim Kontakt über einschlägige Webseiten falle diese «Höflichkeitsbarriere» weg, erklärt sich Baltzer das Verhalten der Schweizer.

Das Potential noch nicht ausgeschöpft

Das Potential ist noch nicht ausgeschöpft, denn die heutigen Kinder der «Generation Internet» sind die Dating-Plattform-Kunden von morgen. Sie werden mit Selbstverständlichkeit auch bei der Suche nach dem Traumpartner auf die mannigfachen Möglichkeiten des Internet zurückgreifen.

Übrigens: Auch die Frauen sind auf den Geschmack gekommen. Über ein Drittel der Schweizer Nutzer von Online-Erotiktreffs sind mittlerweile weiblich. Grund für diese Entwicklung sind allerdings die Plattformen selber, denn während das Flirten für die Männer zahlungspflichtig ist, ist es für Frauen gratis.

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