Noch ist die Lage an der Südgrenze ruhig. Registrierten die Tessiner Grenzwächter im Monat Mai 1247 Migranten, waren es im Juni bisher rund 1000 Flüchtlinge. Viel weniger als im Rekordjahr 2015, als übers gesamte Jahr gerechnet fast 40'000 Personen in der Schweiz ein Asylgesuch stellten. Damals zeigte sich aber auch: Die Zahl der illegalen Grenzübertritte kann innert Tagen in die Höhe schnellen. Der Grossteil der Migranten kam in den Sommermonaten über die Grenze – also just während der Ferienzeit, wenn die kantonalen Polizeikorps an vielen Veranstaltungen gefordert sind und ihr Personal gerne auch selber mal Ferien macht. «Die Situation an der Grenze kann sich rasch und überraschend ändern», warnt der Tessiner Staatsrat Norman Gobbi.

Die kantonalen Polizeikorps bereiten sich deshalb darauf vor, ihre Kollegen in den Grenzregionen insbesondere im Tessin, aber auch in Graubünden und im Wallis zu unterstützen.

Dass auch in diesem Sommer bald mit einem Anstieg der irregulären Grenzübertritte gerechnet werden muss, zeigt ein Blick nach Italien: Seit Anfang Jahr haben deutlich mehr Migranten den Weg übers Mittelmeer gefunden als noch im Vorjahr. Über 73'000 Flüchtlinge landeten bereits an der Küste, 14 Prozent mehr als 2016. Allein am vergangenen Mittwoch befanden sich rund 8000 Personen auf einem Boot im Mittelmeer.

Polizisten helfen Polizisten aus

Tritt ein Notstand ein, sollen bis zu 50 Polizisten aus der ganzen Schweiz im Grenzgebiet aushelfen. Zwei Drittel, also 33 Polizisten, sind für das Tessin vorgesehen. Interkantonaler Polizeieinsatz (Ikapol) nennt sich das Instrument. Die aufgebotenen Polizisten sollen im Hinterraum der Grenze zum Einsatz kommen und Migranten an Bahnhöfen oder Autobahn-Raststätten kontrollieren. Stellen diese in der Schweiz kein Asylgesuch, werden sie von den Polizisten wieder nach Italien zurückgeschafft. Die eigentliche Grenzsicherung hingegen liegt in der Zuständigkeit des Grenzwachtkorps des Bundes.

Einen konkreten Schwellenwert haben die Kantone nicht vereinbart. Ausgelöst wird der Ikapol-Einsatz nur auf Antrag und bei ausgewiesenem Bedarf: Dann, wenn der Polizeikommandant in seiner Lageanalyse zum Schluss kommt, dass die eigenen Kräfte nicht mehr ausreichen, um die Situation zu meistern.

«Es geht nicht darum, neue Aufgaben zu übernehmen», sagt der oberste Polizeidirektor Stefan Blättler. Vielmehr gehe es darum, genügend Personal zu haben, um auch alle anderen Aufgaben im Kantonsgebiet weiterhin seriös wahrnehmen zu können. Sorgen bereitet den Tessiner Behörden offenbar das 70. Filmfestival von Locarno Anfang August, das infolge erhöhter Terrorgefahr zusätzliche Einsatzkräfte bindet.

Solidarität in der Praxis

Die Unterstützungsaktion unter den Kantonen entspreche einer gelebten Zusammenarbeit, sagt Blättler. «Wir setzen damit ein Zeichen der Solidarität. Ein Zeichen, dass für uns die Wahrung der inneren Sicherheit nicht nur für die Sonntagspredigt gut ist». Alle Polizeidirektoren stünden hinter dem Einsatz. Er zeigt sich überzeugt, dass ein solcher auch nicht leichtfertig ausgelöst werde: «Jeder Kanton weiss, was er den Kollegen aus den anderen Kantonen damit zumutet», sagt er. Kein Korps sei übermässig mit Personal gesegnet.

Eine Premiere der Operation ist ihre Dauer: Sie erstreckt sich von Mitte Juli bis Ende Oktober über mehrere Monate. Normalerweise beschränkt sich ein Ikapol-Einsatz auf wenige Tage. Er kommt zum Tragen, wenn ein Kanton ein besonderes Ereignis trotz Unterstützung durch das zugehörige Konkordat oder die Nachbarkantone polizeilich nicht oder nur bedingt bewältigen kann, etwa an Grossanlässen wie dem WEF oder internationalen Fussballspielen.

Die Kosten des Einsatzes tragen übrigens nicht die um Hilfe bittenden Kantone, sondern jeder Kanton steht für seine geleistete Hilfe selbst gerade. Auch das ein Zeichen der Solidarität.