Rechtschreibetest

Schweizer Kinder machen deutlich mehr Fehler als deutsche und österreichische

Schweizer Lehrpersonen greifen weniger schnell zum Rotstift: Im Vordergrund stehen der Inhalt des Textes und die Schreibmotivation der Schüler. JAN LEIDICKE/KEYSTONE

Schweizer Lehrpersonen greifen weniger schnell zum Rotstift: Im Vordergrund stehen der Inhalt des Textes und die Schreibmotivation der Schüler. JAN LEIDICKE/KEYSTONE

Schweizer Kinder schreiben gut – solange es nicht um Buchstaben geht, die man beim Sprechen nicht hört. Dies zeigt eine Studie der Uni Freiburg.

Schweizer und deutsche Kinder können gleich gut lesen, die österreichischen etwas weniger gut. Das hat die Pisa-Studie 2012 ergeben. Die Schweiz war damals erleichtert: Nur noch 13,7 Prozent der Schüler im Land wurden beim Leseverständnis als leistungsschwach klassiert. Beim ersten Test im Jahr 2000 war der Anteil mit 20,4 Prozent viel höher gewesen, man sprach vom «Pisa-Schock».

Doch wie gut die Schüler schreiben, untersucht die Pisa-Studie nicht. Ob die Rechtschreibfähigkeit der Kinder in der Schweiz ab- oder zunimmt, weiss keiner. «Seit Jahrzehnten wurden solche Daten nicht mehr erhoben», sagt Monika Brunsting vom Verband Dyslexie Schweiz.

Jetzt gibt es Indizien, dass die Primarschüler in der Deutschschweiz beim orthografischen Schreiben weniger sattelfest sind als jene in Deutschland und Österreich: Im deutschsprachigen Teil des Kantons Freiburg wurde die Rechtschreibkompetenz von 1650 Primarschülern untersucht. Die Logopädinnen des Regionalen Schuldienstes stützten sich dabei auf den neu normierten deutschen Rechtschreibtest «Hamburger Schreibprobe». Die Uni Freiburg unter der Leitung von Professor Erich Hartmann analysierte die Daten. Die Studie ist fast fertig, aber noch nicht veröffentlicht.

Die Bilanz ist schon klar: «Beim Schreiben von Wörtern mit orthografischen Besonderheiten wie Dehnungen, Verdoppelungen oder ‹tz› schnitten die Freiburger Kinder bereits ab der 2. Klasse signifikant schwächer ab als die deutschen», sagt Erich Hartmann. Dabei sind die Kinder offenbar keineswegs weniger sprachaffin, denn beim lautgetreuen Schreiben, also bei Wörtern ohne Besonderheiten, übertrafen die Freiburger auf allen Klassenstufen die deutschen Kinder.

Deutscher Standard zu streng

Es könnte nun sein, dass die untersuchten Freiburger Primarschüler einfach schlechter in der Rechtschreibung sind als der Rest der Deutschschweiz. Doch ein weiteres Indiz spricht für ein überregionales Phänomen: Wenn Schweizer Logopädinnen und Psychologen herausfinden wollen, wie stark ihre Klassen in Rechtschreibung sind und ob eventuell Legastheniker darunter sind, dann benutzen sie oft den Salzburger Lese- und Rechtschreibtest (SLRT).

Dies ist ein normierter Vergleichstest wie die Hamburger Schreibprobe. Doch die Logopädinnen und Psychologen verwenden nicht die Original-Version, sondern eine Schweizer Adaption. Diese wurde von 2011 bis 2014 im Kanton Bern erarbeitet und ist in der Neuauflage des SLRT abgedruckt.

Diese Berner Normen, die inzwischen Schweizer Normen genannt werden, sind weniger «streng». Mit den Original-Normen schnitten mehr als 10 Prozent der Berner Kinder zu schwach ab, jetzt stimmt die Balance wieder.

«Aufgrund von Rückmeldungen aus der Praxis von Heilpädagoginnen und Heilpädagogen merkten wir, dass sich die Salzburger Normen zum Rechtschreibteil für die Berner Schülerinnen und Schüler nicht eignen», sagt Caroline Sahli Lozano von der Pädagogischen Hochschule Bern. Unter ihrer Leitung und jener von David Schmid von den Erziehungsberatungsstellen des Kantons Bern wurden die Normen erfasst. «Anhand einer grossen Stichprobe, die den ganzen Kanton Bern repräsentiert», wie Sahli sagt.

Für die Kantone war die Anpassung wichtig. Denn wer zu schlecht abschneidet, gilt als rechtschreibschwach und hat Anrecht auf Förderung. Mit der strengeren Norm hätten plötzlich viel mehr Schüler gefördert werden müssen – ein finanzielles Problem für die Kantone.

Am Schweizerdeutsch liegts nicht

Die Freiburger Studie zur Hamburger Schreibprobe und die repräsentative Stichprobe im Kanton Bern zum Salzburger Test zeigen beide: Schweizer Kinder machen mehr orthografische Fehler beim Schreiben.

Liegt es daran, dass die Schweizer mit einem ausgeprägten Dialekt aufwachsen? «Nein, Dialekte haben keinen negativen Einfluss auf die Rechtschreibfähigkeit», sagt Sahli Lozano, «im Gegenteil nutzen generell Kinder, welche einen Dialekt sprechen, das Hochdeutsche viel bewusster und schneiden eher besser ab.» Dieser Effekt zeigt sich auch in Regionen mit ausgeprägten Dialekten in Deutschland und Österreich. Er erklärt ein Stück weit auch, warum die Freiburger Schüler im lautgetreuen Schreiben besser waren.

Sie pauken zu wenig

Was also ist dann der Grund für die schwächeren orthografischen Leistungen der Schweizer Kinder? Sahli Lozano kann nur mutmassen: «Möglicherweise sind die Rechtschreiblehrmittel eher auf die Schreibkreativität und -motivation fokussiert. Um diese nicht zu stören, wird die Rechtschreibung vielleicht weniger beachtet.»

Diese Vermutung teilt Erich Hartmann von der Uni Freiburg: «Es liegt wohl primär am Unterricht und an den Lehrmitteln», sagt er. «Wenn das lautorientierte Schreiben und das freie Schreiben im Vordergrund stehen, so geht dies auf Kosten der Orthografie.»

Die Lehrerinnen auf der Unterstufe in der Schweiz haben eher die Einstellung, dass man die Rechtschreibung auch später noch büffeln kann. Doch Hartmanns Studie zeigt, dass die Freiburger Schüler in dieser Hinsicht auch in der 6. Klasse noch klar schwächer abschnitten als die deutschen Schüler. Bemerkenswerterweise schrieben von den 4.- bis 6.-Klässlern 30 bis 45 Prozent noch stark lautgetreu statt orthografisch korrekt.

«Es ist wahrscheinlich vor allem ein didaktisches Problem», sagt Hartmann. «Die Orthografie wird wohl zu wenig intensiv und systematisch geübt.» Die Kinder spontan schreiben zu lassen, sei schon gut für die Motivation und das Formulieren, aber die korrekte, orthografische Schreibweise eignen sich viele Kinder offenbar nicht automatisch an. Oder zumindest nicht genügend.

Die beiden Experten sind vorsichtig. Sahli Lozano bemerkt: «Wo genau der Fokus des Rechtschreibunterrichts in Deutschland liegt, ist uns nicht bekannt.» Dies gilt laut Hartmann auch für den hiesigen Unterricht: «Es ist bloss meine Vermutung, belegt ist nichts.» Doch er sagt auch: «Eine plausiblere Erklärung sehe ich im Moment nicht.»

Vielleicht war in den Testklassen der Anteil an Kindern mit einer anderen Muttersprache leicht unterschiedlich. Doch Kristina Moll, Co-Autorin des SLRT, sagt: «Verschiedene Studien haben gezeigt, dass bei der Rechtschreibung die mehrsprachigen Kinder die Bilanz nicht stark beeinflussen.»

Wars früher besser?

Bemerkenswert ist, dass Solothurner Schüler bei einem anderen Vergleich mit der Hamburger Schreibprobe vor 16 Jahren noch ähnlich gut wie die deutschen abschnitten. Die beiden Studien im Kanton Freiburg und im Kanton Solothurn waren zwar nicht identisch, aber die Frage drängt sich auf: Wurde die Rechtschreibung in den letzten Jahren hierzulande vernachlässigt? Hartmann sagt: «Wir müssen weiter forschen.» So oder so mache es aber Sinn, der Rechtschreibfähigkeit der Schulkinder mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

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