Schweiz-Deutschland
Schweizer in Deutschland: «Die Schweiz gilt als Rosinenpickerin»

«Unabhängig vom Finanzstreit werden die Deutschen in der Schweiz negativer wahrgenommen als umgekehrt», sagt der in Berlin lebende Schweizer Politologe Marc Helbling zur Beziehung Deutschland-Schweiz.

Birgit Baumann, Berlin
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Deutschland-Schweiz: Das Verhältnis der Nachbarländer ist gereizt.

Deutschland-Schweiz: Das Verhältnis der Nachbarländer ist gereizt.

Keystone

Seit Monaten streiten die Schweiz und Deutschland über das Steuerabkommen. Wie belastet ist das Verhältnis zwischen den beiden Ländern derzeit?

Marc Helbling: Es gibt sicher auf der politischen Ebene Spannungen zwischen Bern und Berlin, weil das Steuerabkommen für beide Seiten ein wichtiges Thema ist und da wie dort innenpolitisch ausgeschlachtet wird. Auf der Ebene der Bürger aber meine ich, dass es eher einseitig ist: Der Steuerstreit wird in der Schweiz negativer wahrgenommen als in Deutschland.

Meinen Sie, dass der Kauf von Daten-CDs durch die Deutschen die Schweizer mehr stört als die Deutschen das Schweizer Bankgeheimnis?

Unabhängig vom Finanzstreit werden die Deutschen in der Schweiz negativer wahrgenommen als umgekehrt. Die Schweizer sind in Deutschland recht beliebt und haben einen guten Ruf.

Nicht nur, da gibt es manches Vorurteil. Etwa, dass man in der Schweiz sein Geld gut verstecken kann.

«Die Schweizer sind in Deutschland recht beliebt», sagt der Politologe Marc Helbling.

«Die Schweizer sind in Deutschland recht beliebt», sagt der Politologe Marc Helbling.

Zur Verfügung gestellt

Klar, das Thema Bankgeheimnis ist in Deutschland schon länger eine heikle Angelegenheit. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass es jetzt durch die Debatte um das Steuerabkommen schlimmer geworden ist. Noch immer ziehen viele Deutsche in die Schweiz, um dort zu arbeiten. Die gehen nach wie vor im Glauben dorthin, dass die Schweiz das bessere Deutschland ist. Es ist alles wie zu Hause, aber alles noch ein bisschen schöner und man verdient auch noch mehr Geld.

Was ist das typische Schweiz-Klischee, das der Deutsche hat?

Ich merke hier in Berlin, dass die Deutschen recht wenig über die Schweiz wissen. Sie halten die Schweizer für ordentlich, fleissig, pünktlich. Und vielerorts herrscht schon noch das Heidi-Land-Image. Das mögen die Schweizer natürlich gar nicht, weil sie das Gefühl haben, nicht für voll genommen zu werden, wenn es nur um Käse, Schokolade und die Alpen geht.

Woher kommt dieses beschränkte Wissen?

Die Schweiz spielt international keine grosse politische Rolle, daher ist das Wissen über das Land auch nicht sehr gross. Aber natürlich gibt es auch Kritikpunkte. Viele Deutsche sind der Ansicht, dass die Schweiz bei der Steuerhinterziehung hilft und damit Beihilfe zu kriminellen Taten leistet. Das ist historisch bedingt. Das negative Klischee war immer: Da können alle Kriminellen ihr Geld hinbringen. Bei manchen gilt die Schweiz auch als Rosinenpicker: Sie ist nicht EU-Mitglied, hat aber mit der EU zahlreiche Verträge abgeschlossen. Man ist also nicht richtig dabei, will aber dennoch wirtschaftlich profitieren.

Welche Mentalitätsunterschiede sehen Sie zwischen Schweizern und Deutschen?

Die Schweizer sind zurückhaltender als die Deutschen. Das ist für viele Deutsche, die in die Schweiz ziehen, nicht einfach. Die Deutschen irritiert auch, dass in der Schweiz nicht Hochdeutsch, sondern Schweizerdeutsch gesprochen wird. Das macht es für sie schwieriger, sich zu integrieren.

Wie sehen die Deutschen die direkte Demokratie in der Schweiz?

Es wird schon gelegentlich bedauert, dass es in Deutschland nicht die Möglichkeit gibt, sich so direkt zu äussern wie in der Schweiz – vor allem bei heiklen Debatten. Dass auch die Deutschen ein Bedürfnis danach haben, zeigte sich ja beim Bau des Stuttgarter Bahnhofs S 21, wo es letztlich doch zu einer Volksabstimmung gekommen ist.

Was schätzen Sie an den Deutschen?

Den direkten und in Berlin gerne mal ruppigen Ton. Man weiss dann immer gleich, woran man ist und redet nicht gross um den Brei herum.

*Marc Helbling arbeitet am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Einer seiner Schwerpunkte ist Migrationsforschung.