Impfen

Schweizer Impfskepsis gefährdet den Rest der Welt

Die Schweiz beherbergt einige der tiefsten Impf-Löcher Europas - und wird so zum Exporteur der Kinderkrankheit Masern. Hierzulande würde ein Impfzwang Körperverletzung bedeuten.

Ginge es nach der Weltgesundheitsorganisation WHO, wären die Masern seit 2010 ausgerottet. Medizinisch wäre das möglich, in Lateinamerika und in den USA beispielsweise ist die Kinderkrankheit quasi inexistent, da man dort die Impfquote von 95 Prozent bei der infektionsfähigen Bevölkerung erreicht hat. Ab dieser Marke kann fast niemand mehr die Krankheit weitergeben. Wären da nicht beispielsweise die Schweizer.

Im März 2008 reiste eine Klasse der anthroposophischen Freien Oberstufenschule Baselland (FOS) aus Muttenz ins österreichische Salzburg, um dort mit Schülern aus halb Europa zu musizieren. Nach den Lehren Rudolf Steiners sehen Anthroposophen die Masern-Erkrankung als Teil der natürlichen Kindheitsentwicklung.

Schweizer lösten die Epidemie aus

Kurz vor der Reise war es an der FOS zu zehn Masern-Fällen gekommen, ohne viel Aufhebens. Auch wenn Masern meldepflichtig sind, Quarantäne oder Impfzwang gibt es nicht - und so exportierten die Schüler die Seuche nach Österreich, Deutschland und Norwegen. 280 Fälle konnten Forscher allein auf den Besuch der Schweizer zurückführen.

Die Schweizer brachten Leben in Gefahr. In seltenen Fällen führen Masern zu Lungen- und Hirnhautentzündungen. In Ländern mit schlechter medizinischer Versorgung können sich Viren dramatisch auswirken: Über eine halbe Million Kinder starben 2005 nach WHO-Angaben an Masern. Die Krankheit sei für fast die Hälfte aller vermeidbaren Todesfälle durch Kinderkrankheiten verantwortlich.

Muttenz war kein Einzelfall. Erst letztes Jahr wurde der Virus aus der Schweiz in die USA eingeschleppt. Auch das für Impffragen zuständige deutsche Robert-Koch-Institut (RKI) bestätigt auf Anfrage, dass in naher Vergangenheit Erreger aus der Schweiz importiert wurden. «Einzelfälle, aus denen sich keine Epidemie entwickelt hat», präzisiert RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher, als sie von der Infektion eines deutschen Studenten in den Skiferien berichtet. «Glücklicherweise wohnte er in Ostdeutschland, einer Region mit hoher Durchimpfung.» Lange gab es dort staatlichen Impfzwang.

Einen solchen Impfzwang gibt es in der Schweiz nicht; das wäre Körperverletzung. Einem angeblichen «Impfzwang» in der Schweiz entziehen sich nicht nur vereinzelte Anthroposophen und Homöopathen. Auch solche, die stets eine Verschwörung der Pharmaindustrie wittern oder die, die wie zuletzt die SVP bezüglich der Impfungen bei Tieren, einen allzu mächtigen Staat befürchten, wehren sich.

Impfgegner werden weniger

Doch sind die Impfgegner auf dem Rückzug. Der St. Galler Präventivmediziner, Gaudenz Bachmann, Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (Ekif) verweist auf die landesweit steigende Durchimpfung. Genf und Teile der Romandie hätten das Impf-Ziel von 95 Prozent fast erreicht. Doch innerhalb der Deutschschweiz sei die Skepsis gross. St. Gallen liege bei 85 Prozent Durchimpfung, Basel Stadt bei 86, der Aargau bei 84.

Wie die alle drei Jahre erhobenen Impfquoten des Bundesamts für Gesundheit zeigen, klaffen in einigen Deutschschweizer Kantonen riesige Impflöcher: Über ein Drittel aller Nidwaldner ist nicht geimpft, in Appenzell Innerrhoden ist es gleich die Hälfte der Bevölkerung. Zum Vergleich: Die meisten EU-Länder weisen über 90 Prozent auf.

«Die Schweiz hat stellenweise eine Durchimpfung, die weit unter derjenigen vieler Entwicklungsländer liegt», sagt Ulrich Heininger, leitender Arzt für Infektiologie und Vakzinologie des Universitäts-Kinderspitals beider Basel und ebenfalls Ekif-Mitglied. Die hiesige Impfskepsis sei ein kulturelles Phänomen. «Das hat überhaupt nichts mit Fakten zu tun.» Einer von 1000 Masernkranken erleide bleibende Schäden. Dagegen werde weniger als jeder Einmillionste Geimpfte langfristig geschädigt. Heininger: «Die Impfdebatte ist ein Glaubenskrieg.»

Manche Universitäten in den USA und Australien haben bereits Impfnachweise gefordert. Ulrich Heininger warnt, die WHO könne irgendwann Einreisebeschränkungen empfehlen.

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